Prozess gegen Menschenhändler: Spiel mit dem Friedman-Faktor

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Der Prozess gegen die Zuhälter eines ukrainischen Call-Girl-Rings wird ein schwerer Rückschlag für Michel Friedmans Comeback-Bemühungen. Auch er bestellte sich "naturgeile Nymphen". Unter diesem Code versteht man in solchen Kreisen Frauen, die erst kurz im Geschäft sind - und meistens nicht freiwillig.



Statt über den Fall redeten die Anwälte der Menschenhändler am Dienstag lieber über den prominenten Kunden
DDP

Statt über den Fall redeten die Anwälte der Menschenhändler am Dienstag lieber über den prominenten Kunden

Berlin - Gelassenheit vorzutäuschen ist eine der ganz großen Stärken des Berliner Anwalts Klaus Gedat. Nein, sagt der Mann mit den straff zurück gegelten Haaren und der runden hellbraunen Hornbrille immer wieder auf dem Gerichtsflur, um Michel Friedman gehe es in diesem Verfahren überhaupt nicht. Er solle nicht als Zeuge aussagen, zumindest bisher nicht. Ein bisschen sieht der Anwalt bei seinen Statements selber aus wie der eitle TV-Moderator, dem sein Kokainkonsum und seine Vorliebe für von Menschenhändlern importierte ukrainische Zwangshuren vor wenigen Monaten seine Karriere kosteten.

Friedman-Imitator Gedat hat jedoch nicht den TV-Moderator als Mandanten, sondern verteidigt die drei ukrainischen Männer, die mit den Frauen gehandelt haben sollen. Trotzdem kann er das "F-Wort" einfach nicht lassen. Er will es auch gar nicht. Immer wieder lamentiert er, dass Friedman doch nur einer von vielen Kunden seiner Mandanten gewesen sei, die nun als Angeklagte vor dem Landgericht sitzen. Einer von vielen Männern also, die in der Berliner Boulevardpostille "BZ" die Anzeige "naturgeile Nymphen" dechiffrieren konnten; unter "naturgeil" wird in diesen Kreisen verstanden, dass die Frauen keine Profi-Prostituierten sind, sondern relativ unerfahrene Neuankömmlinge, die meist aus dem Ausland und nicht selten unter falschen Versprechungen eingeschleust werden.

Laut Anklage verschleppten die drei Angeklagten jahrelang junge ukrainische Frauen nach Berlin und zwangen sie mit brutalen Mitteln zu Prostitution. Für die Schleusung und den Schutz sollen die Zuhälter zwei Drittel des Liebeslohns eingestrichen haben, den auch Friedman nach Treffen mit den Damen im noblen "Interconti" bezahlte.

3000 Euro für die Freiheit

Kühl, fast emotionslos trägt die Staatsanwältin Petra Leister zu Prozessbeginn vor, was die Ermittler recherchiert haben. Sie berichtet, wie Borys B. und seine beiden Komplizen junge Frauen in der Ukraine gezielt angesprochen haben sollen. Ob sie nicht ein normales Leben, einen normalen Job in Deutschland haben wollten? Erst als die Frauen hier angekommen waren, erfuhren sie vom Preis für die Dienste der Menschenhändler. 3000 Euro sollten sie ihnen für den Weg in die Freiheit, einen schlecht gefälschten Pass und den weiteren Schutz vor der Polizei bezahlen. Da sie illegal nach Berlin gekommen waren, bleibe ihnen nur noch die Prostitution, so das Argument der Zuhälter. Wenn sich die Frauen trotzdem wehrten, hätten ihnen die Zuhälter mit dem Tod gedroht, so Leister. Insgesamt haben die Ermittler 15 solcher Fälle rekonstruiert. Wie viele Frauen Borys B. wirklich nach Deutschland schleuste, weiß wohl niemand so genau.

Das Geschäft der Menschenhändler war laut Anklage auf maximalen Profit für sich selbst organisiert. Per Handy überwachten die Zuhälter, dass die eingeschleusten Prostituierten 24 Stunden erreichbar waren. Wenn Kunden sich bei den Nummern aus den Zeitungsanzeigen meldeten, bestellten die Zuhälter Fahrer für die Zwangsprostituierten. In der Regel kostete ein einstündiger Besuch zu Hause oder im Hotel laut Anklage 80 bis 90 Euro.

Vom Lohn hätten die Fahrer zehn Euro eingestrichen, die Frauen lediglich 25 Euro. Solange die Ukrainerinnen die 3000 Euro für die Schleusung noch nicht abgearbeitet hatten, gingen sie ganz leer aus. Laut Anklage kamen die Zuhälter so zu erheblichem Reichtum, denn der Laden lief. Mehr als 3800 Anrufer haben die Ermittler innerhalb mehrerer Monate registriert, darunter angeblich auch so manchen bekannten Namen.

Ein normales Verfahren im Ausnahmezustand

Das Muster der Schleusung entspricht exakt dem gängigen Vorgehen, das in der Rotlicht-Szene üblich ist und immer mal wieder auffliegt. Von daher wäre der Fall Borys B. nichts Besonderes - wenn da nicht Michel Friedman wäre. Wie andere Prominente hatte auch er auf die Anzeige hin angerufen. Doch durch seine markante Stimme war Friedman alias "Paolo Pinkas" den Fahndern bei Telefonüberwachungen aufgefallen.

Strafbewehrt wurde der Fall jedoch erst, als eine der Prostituierten bei den Ermittlern auspackte, Friedman habe bei den Liebes-Treffen Kokain konsumiert und auch offeriert. Daraufhin durchsuchten die Fahnder Friedmans Wohnung und Büro, fanden Kokain-Reste - und die Nachricht wurde öffentlich. Nach einem langen Hin und Her mit gegenseitigen Anschuldigungen und gegenstandslosen Verdächtigungen akzeptierte Friedman schließlich einen Strafbefehl über rund 17.000 Euro.

Seitdem guckt die Öffentlichkeit gespannt auf das Verfahren gegen die Menschenhändler Borys B. und seine beiden Helfer. Seit Beginn der Affäre Friedman versuchten Journalisten immer wieder erfolglos über die Anwälte der Zuhälter an die Akten und damit an mögliche weitere intime Details über Friedman und die anderen Kunden des Callgirl-Rings zu kommen. Bisher aber blieben alle Meldungen über angeblich involvierte CDU-Führungspersönlichkeiten, prominente Sportler und andere TV-Moderatoren reine Spekulation.

So groß war der Andrang für den Prozess, dass das Landgericht Akkreditierungen ausgeben musste. Und statt in einem normalen Gerichtsraum fand die Verhandlung im berühmt-berüchtigten Saal 700 statt, in dem sonst Terroristen wie die Bombenleger im "La Belle"-Fall oder die Täter des "Mykonos"-Anschlags auf der mit Panzerglas gesicherten Anklagebank saßen.

Häppchen für die Hungrigen

Wie man das mediale Interesse an weiteren intimen Enthüllungen wach hält, führte Anwalt Klaus Gedat dann auch gleich am ersten Prozesstag im Gerichtssaal vor. Keine anderthalb Stunden dauerte es, bis das erste Mal der Name Friedman fiel. Er selbst wird bei dem Verfahren nicht auftreten müssen. Alle Beteiligten sind sich einig, dass weder er noch die bisher anonymen Promi-Kunden des Huren-Rings bei der Beweisaufnahme eine Rolle spielen werden.

In den nächsten Prozesstagen sollen zunächst drei Frauen gehört werden, die die Zuhälter bei der Polizei anschwärzten. Vermutlich werden die Angeklagten diesen Aussagen schon in den kommenden Prozesstagen mit Geständnissen zuvorkommen. So manchen Prozessbeteiligten wird dies nicht daran hindern, bei jeder Gelegenheit mal wieder das F-Wort ins Spiel zu bringen. Die nächste Chance dazu ist am Freitagmorgen.

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