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Prügelvorwürfe gegen Bischof Mixa: Enfant Terrible der katholischen Kirche

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Als konservative Reizfigur provoziert er seit Jahren, Mitschuld für den Kindesmissbrauch in der Kirche suchte er in der sexuellen Revolution. Nun erheben ehemalige Heimkinder Vorwürfe gegen den Augsburger Bischof Mixa - er soll sie als Pfarrer geprügelt haben.

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DDP

Bischof Walter Mixa: "Die Kirche muss nerven"

In der katholischen Kirche spielt der Augsburger Bischof Walter Mixa seit Jahren die Rolle des Enfant Terrible. Er gefällt sich darin, gegen die Mehrheitsmeinung und liberale Tendenzen anzugehen. Es überraschte daher niemanden, als er kürzlich die Mitschuld für den Kindesmissbrauch in der Kirche ganz außerhalb des Klerus suchte.

Die "sogenannte sexuelle Revolution", verkündete Mixa, sei daran "sicher nicht unschuldig". Das klang so, als sei vor 1968 in der Kirche alles mit rechten Dingen zugegangen. Dabei zählen die fünfziger Jahre zu den dunkelsten Kapiteln in der Missbrauchssaga. Es war eine typische Mixa-Provokation, der gewünschte Proteststurm folgte auf dem Fuß. Selbst die "Bild"-Zeitung erklärte: "Murks, Herr Mixa."

Vor diesem Hintergrund sind die am Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung" gegen Mixa erhobenen Vorwürfe explosiv. Fünf ehemalige Heimkinder aus dem Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef in Schrobenhausen berichten in eidesstattlichen Erklärungen, dass Mixa sie als Stadtpfarrer in den siebziger und achtziger Jahren mehrmals geschlagen habe. Es geht ausdrücklich nicht um sexuellen Missbrauch, aber Mixa soll häufig eine Tracht Prügel verabreicht haben - mit Teppichklopfer, Kochlöffel oder auch der bloßen Faust. Von den "schlimmsten Jahren" ihres Lebens spricht ein Opfer.

Das Bistum Augsburg hat die Vorwürfe scharf zurückgewiesen. Sie seien "absurd, unwahr und offenbar in der Absicht erfunden, den Bischof persönlich zu diffamieren", heißt es in einer Stellungnahme. Mixa habe "zu keinem Zeitpunkt und in keiner seiner Funktionen" Kinder misshandelt.

"Die Kirche muss nerven"

Es steht Wort gegen Wort, doch allein der Verdacht ist für den streitbaren Bischof ein Fiasko. Er wäre nicht der erste Moralprediger, der als scheinheilig entlarvt wird. Und er hat das Problem, dass kategorische Dementis von katholischen Würdenträgern in diesen Tagen nicht mehr allzu ernst genommen werden.

Für den konservativen Bischof steht viel auf dem Spiel. Als oberster Kämpfer gegen den liberalen Zeitgeist hat er sich in Deutschland einen gewissen Ruf erworben. Den gilt es zu verteidigen.

"Die Kirche muss nerven", lautet die Berufsphilosophie des 68-Jährigen. Diese Ansicht wird von vielen Katholiken geteilt, doch übertreibt Mixa es regelmäßig und sorgt für Kopfschütteln bei Gläubigen wie Funktionären. In der Öffentlichkeit gilt er wahlweise als "medienfreudiger Kampfsportler" ("FAZ") oder als "durchgeknallter, spalterischer Oberfundi" (Grünen-Chefin Claudia Roth).

Zusammen mit dem Regensburger Bischof Gerhard Müller und dem Kölner Kardinal Joachim Meisner bildet Mixa die Hardliner-Fraktion in der Deutschen Bischofskonferenz. Mal geißelt er die "Fixierung auf die Evolutionstheorie" im Schulunterricht ("Das hat etwas Totalitäres"), mal wirft er den Atheisten vor, die "Hölle auf Erden" zu schaffen.

Sein Rezept ist immer das gleiche: Am liebsten wählt Mixa Worte, die harsche Reaktionen hervorrufen. Er sei nicht so für das Einerseits, Andererseits, sagte er dem SPIEGEL, von ihm höre man klare Worte.

Einmischung in Tagespolitik

In seinem Wüten gegen die Abgründe der heutigen Gesellschaft ist der Augsburger auch schnell mit Nazi-Vergleichen bei der Hand. Der Holocaust sei ein schlimmes Verbrechen, sagte er vor einem Jahr beim Aschermittwoch - und relativierte es sogleich: Der Zahl der sechs Millionen getöteten Juden stellte er die Zahl von neun Millionen Abtreibungen gegenüber. Später sah er ein, dass die individuelle Entscheidung von Millionen Frauen nichts mit einem geplanten Völkermord zu tun hat. Die Kritik hatte ihn getroffen.

Leiser ist er deshalb jedoch nicht geworden. Auch in die Tagespolitik mischt Mixa sich weiterhin gern ein. Berüchtigt sind bis heute seine Ausfälle gegen das Kita-Platz-Programm der schwarz-roten Bundesregierung. Das Leitbild, dass Frauen ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurückkehren sollten, bezeichnete er 2007 als inhuman und "gegen die Würde der Frau". Mütter würden so zu "Gebärmaschinen" degradiert. Wochenlang regte sich die Republik über die reaktionären Ansichten des alten Mannes auf.

Der Bischof verteidigt seine Provokationen damit, dass er Debatten anstoßen wolle. Die Kirche habe einen politischen Auftrag, sagt er. Selbst die anderen Bischöfe sehen sein Treiben jedoch oft mit Unbehagen. Mehrfach bestellte ihn der Vorsitzende der Bischofskonferenz zum klärenden Gespräch.

Der Vorwurf, Kinder geprügelt zu haben, gibt Mixas Kritikern neue Munition. Während das Bistum Augsburg sogleich mit "zivilrechtlichen und strafrechtlichen Schritten" wegen Verleumdung drohte, forderte Mixas alte Lieblingsgegnerin Claudia Roth eine Aufklärung der Vorwürfe. "Anstatt schon im Vorfeld eine juristische Drohkulisse aufzubauen, die nur neue Angst schürt, sollten die Vorwürfe endlich ernst genommen werden", sagte die Augsburger Bundestagsabgeordnete.

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