Elterncouch

Elterncouch Die Macht der Hormone

Teenager-Emotionen: Halbwertzeit von 30 Sekunden
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Teenager-Emotionen: Halbwertzeit von 30 Sekunden

Von Juno Vai


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Die Gefühle Jugendlicher können überwältigend und angsteinflößend sein. Für die Kinder selbst, aber auch für ihre Eltern. Aktuelles Beispiel: kollektive Hysterie beim Schüleraustausch.

Wir haben wohl alle schon mal von Östrogen und Testosteron gehört. Ich habe zwar bis heute nicht verstanden, wie der ganze Hormonzirkus im Detail funktioniert. Macht aber nichts. Es ist sowieso viel unterhaltsamer, ihm live beim Wirken zuzuschauen. So wie neulich, beim Abschiedsfest für die französischen Austauschschüler.

Meine Tochter Vic ist in der achten Klasse und damit reif für gymnasial verordnete Völkerverständigung. Sie hat zwar erst seit wenigen Monaten Französischunterricht, aber, hey, "le plus tôt sera le mieux", wie der Gallier sagt.

Wir bekamen also Besuch von Charlotte, einer brünetten Fremdenlegionärstochter aus einer sehr kleinen Stadt bei Nantes. Und wir hatten Glück, denn Charlotte war lieb, unkompliziert und irgendwie puffelig. Sie war auch still. Sehr still. Sie kannte genau drei deutsche Wörter: "Allo", "dankö" und "draidsähn". Wenn man sie etwas auf Deutsch fragte, wurde sie rot und schwieg. Sprach man sie auf Französisch an, reagierte sie genauso.

Ich dachte, das läge an meinem unterirdischen Französisch oder der Tatsache, dass unsere Familie so unfassbar laut ist. Aber nein, Charlotte war einfach sehr schüchtern, wie uns ihre Lehrerin versicherte. Also ließen wir sie schweigen und hörten irgendwann auf, sie mit Fragen zu nerven.

Puffelig und stumm war super angesichts von Austauschschülerinnen wie Charlotte II, einer finster dreinblickenden Haute-Volée-Diva, die es als persönliche Beleidigung empfand, in einer kurdischen Familie mit fünf Kindern auf drei Zimmern gelandet zu sein.

Unsere Charlotte und meine Tochter verstanden sich dagegen ausgezeichnet. Die beiden lebten ein bisschen autistisch nebeneinander her, fummelten mit ihren Handys rum und lachten ab und zu über die versauten YouTube-Videos, die Charlotte mit Begeisterung guckte. Nebenbei etwas Schule, Ausflüge - schon waren zehn Tage herum. Die Franzosen sollten wieder heimfahren, nicht ohne vorher mit einem großen Fest verabschiedet zu werden.

Klone in Aktion

Etwa 40 schwerstpubertierende 13-Jährige hatten sich in der Schulaula versammelt. Was zunächst auffiel, war, dass niemand auffiel. Alle - und ich meine wirklich alle - französischen Schülerinnen hatten langes, braunes Haar und trugen weiße T-Shirts zu Jeans, die sich weder in Farbe noch Schnitt voneinander unterschieden. Kleine Klone. Auch die Jungs aus der Bretagne wirkten sehr homogen: klein, zierlich, Undercut.

Obwohl, halt, da war doch einer, der herausragte: Schreihals Marcel, der sich auf den Schultern eines "Opfers" durch die Gegend tragen ließ und seinen Fans Unverständliches auf Französisch zubrüllte. "Marcel ist voll beliebt", sagte meine Tochter ehrfürchtig. "Vor allem ist er der Klassenclown", dachte ich sehr altmodisch.

Getanzt wurde im großen Kreis, folkloremäßig, irgendwie rührend. Und um Längen besser als das, was ich im Alter von Vic erdulden musste: Engtanz mit Arnold, einem dünnen Jungen mit hellblonder Helmfrisur, der wie ein Blatt im Wind schwankte und drohte, mich zu Boden zu reißen. Das ganze natürlich zu "I'm not in Love" von 10cc, sehr passend, so im Rückblick.

Etwas mächtig Gewaltiges

Die Klasse meiner Tochter ging das Ganze dynamischer an: Da wurden Arme in die Höhe gereckt, Füße aufgestampft, Texte mitgegrölt. Die Eltern waren mit eingeladen, was mein Mann und ich peinlich fanden. Wir schlichen uns raus und gingen Kaffee trinken, um den Kids nicht mit unserer Glotzerei die Laune zu verderben.

Und während wir im Eiscafé in unseren Tassen rührten, muss irgendetwas passiert sein. Eine Art pubertärer Urknall. Etwas "Mächtig-Gewaltiges", um es mit Benny von der Olsenbande zu formulieren. Denn als wir in die Aula zurückkehrten, schwebte über den eben noch gutgelaunten Kindern eine schwere, feuchte Hormonwolke. Ich schwöre, sie war so greifbar wie ein klammes Federkissen und roch nach Hubba-Bubba-Kirscharoma.

Die Mädchen befanden sich in einer Art Auflösungsprozess, sie rannten schnatternd von einem Grüppchen zum Nächsten, hektisch, als wäre ein ganzes Geschwader Dementoren hinter ihnen her. Die Jungs schwitzten und brüllten. Dann stürmten die Mädchen zu fünft oder sechst in die winzigen Toiletten, um sich Jogginganzüge für die Rückfahrt anzuziehen. Alle waren irre aufgeregt und überdreht.

Tränen bei den Instant-Drama-Queens

Irgendwann fingen Deutsche und Franzosen an, sich voneinander zu verabschieden. Die jahrhundertealte Erbfeindschaft war längst Geschichte, hier schnurrte der deutsch-französische Motor - aber auch er überdrehte ein wenig. Tränen flossen. Die Mädchen weinten und schluchzten so heftig, dass sie kaum noch Luft bekamen. Selbst die missmutige Charlotte II, die Deutschland ätzend fand und ihre Gastmutter anschaute, als sei sie ein Insekt.

Alle heulten. Bis auf meine Tochter. "Oh Mann", sagte sie, während sie mich über Charlottes zuckende Schulter hinweg ansah. "Ich fühl mich voll schuldig, dass ich nicht auch weinen muss." Vic schämte sich offenbar, weil sie unsentimental war. "Och, lass mal", sagte ich. "Das ist schon okay." Und fand es sehr angenehm, dass sie nicht zu den Instant-Drama-Queens mit der Gefühlstiefe einer Fangschrecke gehörte.

Beim Winken am Bus kamen Vic dann doch noch die Tränen. Da hatte sich Charlotte aber schon abgewendet und tratschte mit Charlotte II. Wir haben seitdem nie wieder etwas von ihr gehört. Ein stilles Mädchen eben.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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8 Leserkommentare
rambazambah 13.07.2017
cosmose 13.07.2017
Hirschkuh 48 13.07.2017
adhortator 13.07.2017
Sabin Chen 13.07.2017
adhortator 13.07.2017
Berg 16.07.2017
HeikeT. 12.08.2017

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