Rassismus und Mathematik Wie Herr Yamauchi das Böse bekämpft

Hitoshi Yamauchi wird von einem Unbekannten rassistisch bepöbelt und dann geschlagen. Der Japaner erstattet Anzeige und entschließt sich zu einer erstaunlichen Aktion: Er bietet dem Angreifer per Plakat einen Job an. "Die Hoffnung ist in ihm - ich kann ihm nur helfen, sie herauszuholen", sagt er.

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Wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen

Hitoshi Yamauchi ist Mathematiker. Er sucht nach Mustern und Lösungen. Auch wenn die gestellten Aufgaben manchmal unschön und wenig logisch erscheinen.

Als der in Berlin lebende Programmierer am 5. September 2013 gegen 0.40 Uhr nach einem langen Arbeitstag nach Hause will, hört er jemanden erst auf Deutsch und dann auf Englisch pöbeln: "Ich hab euch Ausländer so satt, ihr Scheiß-Japaner, Arschlöcher."

Normalerweise, sagt Hitoshi, würde er solche Bemerkungen ignorieren. Doch der Pöbler - etwa 1,80 Meter groß, schlank, dunkelhaarig, Lederjacke - ist hartnäckig. Er setzt sich neben sein Opfer auf die Bank an der Bushaltestelle Kurfürstendamm und belästigt ihn weiter. Hitoshi nimmt Reißaus, der Mann folgt ihm, ignoriert die Bitte, mit den Beleidigungen aufzuhören. "Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass er mich ins Gesicht schlug." Hitoshis Brille zerbricht, die Glassplitter verletzen sein rechtes Auge. Er blutet und ist jetzt wirklich verärgert.

Yamauchi schlägt zurück, woraufhin Passanten denken, er sei der Angreifer. Es gibt ein großes Durcheinander, der Täter entkommt, Zeugen rufen die Polizei und bestätigen Hitoshis Version des Geschehens. Der Japaner fährt in die Charité, um sein Auge behandeln zu lassen, und erstattete am nächsten Tag Anzeige gegen unbekannt. Ob der Mann ein Neo-Nazi gewesen sei? "Nein, das war ein ganz normaler Rassist", sagt Hitoshi trocken.

Ein unrealistischer Träumer

Statt nun in Selbstmitleid zu versinken oder den Ausländerhass in Deutschland zu verurteilen, tut Hitoshi etwas Erstaunliches: Er fertigt ein Plakat an, auf dem er selbst mit frischem Augenverband und schiefem Lächeln abgebildet ist. Dann klebt er es auf eine gemietete Werbefläche auf dem Boden der U-Bahn-Station Kurfürstendamm. Neben dem Foto liest man folgenden Text:

Stellenangebot: (…) Lieber Angreifer, ich biete dir einen Job an, wenn das dazu beitragen kann, deinen Hass zu stoppen. Jobbeschreibung: Übersetzung von Lernmaterialien für Kinder. Bitte melde dich unter (…)

Hitoshi erscheint bestens vorbereitet zum Interview: Er hat eine Art Powerpoint-Präsentation mit den wichtigsten Stationen seines bisherigen Lebens mitgebracht. Er studierte an der Universität von Sendai, ging 2000 ans Max-Planck-Institut für Informatik nach Saarbrücken und 2007 nach Berlin. Bis ins Jahr 2010 habe er vorwiegend "karriereorientiert" gelebt, sagt er. Dann erkrankte er schwer, und die Parameter gerieten durcheinander. "Da habe ich verstanden, dass Wissen allein nicht glücklich macht."

2011 ging es ihm gesundheitlich sehr schlecht. Dann bebte am 11. März um 14.46 Uhr die Erde, und eine gigantische Flutwelle überrollte Ostjapan. Freunde von ihm galten lange Zeit als vermisst, er war in großer Sorge.

Hitoshi engagierte sich für Erdbebenopfer bei "Berlin loves Japan" und sammelte Spenden. Besonders beeindruckte ihn eine Rede des populären japanischen Schriftstellers Haruki Murakami, "Unrealistischer Träumer". In Berlin arbeitete er für die Hilfsorganisation gute-tat.de und entdeckte dann seine Berufung: das Unterrichten von Kindern mit Lernschwierigkeiten.

"Ich kann ihm eine Chance geben"

Seinen Lebensunterhalt verdient Yamauchi als leitender Programmierer bei Nvidia, einem der weltweit größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für PC und Spielkonsolen. Sein Herz aber hängt an der "Hasenschule", einer Art Nachhilfeorganisation mit bundesweit sechs Standorten, die angeblichen Schulversagern mit praktischer Hilfe Lesen und Schreiben beibringt und Wissenslücken schließt. Hier weiht er mit Hingabe junge Menschen in die Geheimnisse der Mathematik ein, jener Wissenschaft, die ihn selbst tief berührt und immer wieder fasziniert.

"Ich weiß nichts über die Motive des Angreifers", sagt Hitoshi. "Ich kann ihm nicht helfen, aber ich kann ihm eine Chance geben." Bezahlen würde er den Rassisten mit seinen persönlichen Ersparnissen. 400 Euro, die würde er bereitstellen und dafür auf seine jährliche Reise in die Heimat verzichten.

Seine Freunde in Deutschland seien entsetzt gewesen über den Vorfall, er selbst sei verletzt, aber nicht wütend: "Rassisten gibt es auch in Japan." Leute, die arbeitslos sind und sich aufgeben, um dann anderen die Schuld zu geben, anstatt es noch einmal zu versuchen, treffe man in vielen Ländern. Über den Täter sagt er: "Die Hoffnung ist in ihm - ich kann ihm nur helfen, sie herauszuholen."

Nein, Yamauchi ist nicht religiös. Auch wenn sein Verhältnis zur Mathematik etwas durchaus Transzendentales hat. "Ich halte es mit Gauß, der die Mathematik für die Königin der Wissenschaften und die Arithmetik für die Königin der Mathematik hielt. Unerreichbar ist sie, und nur ganz selten offenbart sie ihre Geheimnisse."

An dieser Stelle fangen Hitoshis Augen an zu glänzen. Er verweist auf die Szene aus dem Film "Frühstück bei Tiffany", als die bezaubernd verwirrte Protagonistin Holly Golightly beim gleichnamigen Luxusjuwelier einen Ring aus einer Popcorn-Packung gravieren lassen will. Der Angestellte schaut das Schmuckstück an und sagt: "Gibt es immer noch diese Beigaben in den Cracker-Jack-Tüten? Schön, dass einiges sich nie ändert." Und nimmt den Auftrag an. "Genauso ist es mit der Mathematik", sagt Hitoshi. "Sie ist immer da, wie die Sterne, und 1+1 ist immer 2."

Über seine Arbeit an der "Hasenschule" sagt er: "Es ist eine große Freude zu sehen, wie die Kinder lernen, wie sie sich den Aufgaben nähern. Mir ist klar geworden: Wenn du mehr verstehen willst, musst du lehren."

Der rassistische Angreifer hat sich bisher nicht gemeldet. Aber Yamauchi hat schon die nächste Aktion geplant: Am 26. Januar geht es los - gleicher Ort, Inhalt noch geheim.



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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
gangnamstyle 24.01.2014
1. chapó
Da kann man nur seinen Hut abnehmen. Dieser Mann verdient einen Bundesverdienstkreuz. Wenn ich mir überlege, was für Leute aus alle diesen Verdienstorden bekommen, nur weil jemand aus der Showbranche kommt und seinen Job macht etc. Da hat dieser weiser Mann viel eher verdient. Traurig wieder nur, dass keiner der Passanten ihm geholfen hat, als das passierte.
sh0ckandawe 24.01.2014
2.
Cooler Typ der Hitoshi!
apostata 24.01.2014
3. Bundesverdienstkreuz?
Das ist zu wenig. Dem Mann gehört der Friedensnobelpreis!
wiebitte??? 24.01.2014
4. Daumen hoch
Ich würde da anders vorgehen. Ich zolle jeden Respekt.
NOtU 24.01.2014
5. Respekt
Was soll man groß schreiben? Respekt vor Hitochi Yamauchi, er ist einem angstverzerrtem Versager genau mit dem gegenüber getreten was er wirklich brauchte: Akzeptanz, Hilfbereitschafft und vor allem dem sanften Beweis des Irrtums des Angreifers. Recht Meinung darf nicht toleriert werden, aber ihr mit Hass, Intoleranz und Gewalt entgegen zu treten verstärkt diese nur. Hitoshi hat den einzig richtigen Weg gewählt gegen den rechten Hass vor zu gehen.
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