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19. April 2005, 21:27 Uhr

Ratzinger-Kür

Der deutsche Segen

Ein Kommentar von Matthias Matussek

Mit der Wahl des ersten deutschen Pontifex seit fast 500 Jahren haben die Kardinäle ein Zeichen gesetzt: für Kontinuität, für Prinzipienfestigkeit und wider den Relativismus, wie der neue Papst kürzlich selbst sagte. Vor allem die Deutschen sollten diese Botschaft hören.

Papst Benedikt XVI.: Joseph Ratzinger ist der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren
REUTERS

Papst Benedikt XVI.: Joseph Ratzinger ist der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren

Der weiße Rauch, der Glockenklang, der Purpurvorhang der gelüftet wurde. Die Welt hielt den Atem an, als die Kardinäle der Katholischen Kirche den neuen Stellvertreter Christi auf Erden kürten. Wie anders war dieses Ritual als die säkularen Zirkusnummern, die ansonsten die Schlagzeilen dominieren.

Diese Papstwahl war eine der kürzesten der Geschichte. Offensichtlich ist der Gewählte einer, auf den sich die Kirchenfürsten aus aller Welt in kürzester Zeit einigen konnten: Joseph Ratzinger. Ein Deutscher. Ein Polizistensohn aus Bayern.

Die Weltkirche zögerte keinen Moment und setzte sich mit Aplomb über die Warnungen der deutschen Bischöfe hinweg, auch über diejenigen der üblichen Amtskirchenkritiker. Und sogar über die von Heiner Geißler, der schließlich genau weiß, was Jesus sich wünscht.

Der neue Papst zeigt sich da ein wenig bescheidener.

Er zeigte sich mit einem lachenden Gesicht über dem Petersplatz, über der Menge in dieser wundervollen Umarmung der Bernini-Kolonnaden, inmitten der prachtvollen Kulisse, in der sich in den letzten Wochen die katholische Renaissance präsentiert hatte.

Ratzinger, oben an der Balustrade über dem päpstlichen Wappen, sagte nicht, dass er allwissend ist, sondern das Gegenteil. Er sagte: Ich bin ein einfacher Arbeiter im Weinberg Gottes. Er sagte: Mich tröstet der Gedanke, dass der Herr mit unfertigen Werkzeugen zu arbeiten versteht. Und dann erwähnte er die heilige Mutter Gottes.

Joseph Ratzinger gilt als bescheiden und prinzipienfest. Er ist damit ein Ärgernis für viele, die Prinzipienfestigkeit als unmodernes Ärgernis sehen, und die ihn deshalb Gottes Rottweiler nannten.

Der Heilige Geist hat sich da tatsächlich eine mächtige Pointe geleistet, den Papst ausgerechnet bei denen zu rekrutieren, die ihn am nötigsten haben: bei den Deutschen. Das Drama der Modernität begann schließlich in Deutschland, und es sind die Deutschen, die es am weitesten getrieben haben.

Bei uns wird der Glaube in der Öffentlichkeit am lautesten von denen diskutiert, die ihm längst den Rücken gekehrt haben. All diese Talkshow-Moderatoren möchten die unzeitgemäße Trutzburg aus Gebetstiefe, Kultur und Traditionen, die sie da verlassen haben, möglichst weit trivialisiert und modernisiert sehen. So weit, dass ihnen die untergründig verspürte Melancholie darüber vergeht, dass sie ihr nicht mehr angehören.

Sie wollen sie so trivial wie den Supermarkt an der Ecke, in den jeder latschen kann. So trivial wie sie selbst sind. Deshalb reden sie, wenn sie vom Glauben reden, am liebsten von Priesterinnen, Kondomen, Kommunion für alle. Sie möchten nicht über die zehn Gebote reden, den sonntäglichen Kirchgang, die Sünde und die Beichte, den Rosenkranz, und wenn, dann nur mit anzüglichem Spott. Sie möchten das Angebot, das sie ausschlagen, gern ohne jeden Wert. In seiner Predigt zu Beginn des Konklaves hat Joseph Ratzinger gegen den Relativismus der Moderne Stellung genommen. Es war so etwas wie seine Regierungserklärung.

Dieser Papst hat wesentlich an den kämpferischen Sozial-Enzykliken seines großen Vorgängers mitgearbeitet. Er hat ihm zugearbeitet. Er hat ihm gedient. Man darf erwarten, dass er sein Vermächtnis weiterführt zum Wohl der Weltkirche.

Und wir Deutschen können hoffen, dass dieser Papst für uns eine ähnliche Ermunterung darstellt, wie Karol Wojtyla sie für die Polen gewesen ist.

Dieser Papst, dessen Gegner rechtzeitig vor dem Konklave wieder den Hinweis in Umlauf brachten, er sei in der Hitler-Jugend gewesen, der zum Theologie-Star in den Siebzigern geworden ist und zum Kosmopoliten, dieser Papst ist so etwas wie die Apotheose einer deutschen Biografie.

Und dieser Mann gibt nun den Segen urbi et orbi.

Zum Weltjugendtag in Köln in diesem Spätsommer wird sich Benedikt XVI. mit seinen Wahrheiten, seinen Überzeugungen an die Jugend wenden. An die deutsche und die der Welt.

Lange, das lässt sich getrost sagen, ist der Welt nicht mehr so viel Hoffnung gebracht worden von einem Deutschen wie an diesem Tag, als über der Sixtinischen Kapelle der weiße Rauch aufstieg und der Purpur-Vorhang zu Seite gezogen wurde.

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