Ratzingers Geburtsort Willkommen im Media-Marktl

Kameras, Mikrofone und Notizblöcke, wohin man schaut. In Marktl am Inn, dem Geburtsort des ersten deutschen Papstes seit 482 Jahren, sind die Kamerateams und Reporter aus aller Welt zum eigentlichen Großereignis geworden. Die Marktler genießen die weltweite Aufmerksamkeit und bereiten sich auf einen Ansturm von Pilgern vor.

Von Dominik Baur, Marktl am Inn


Gedenktafel an Ratzingers Geburtshaus: Marktls prominentester Sohn
SPIEGEL ONLINE

Gedenktafel an Ratzingers Geburtshaus: Marktls prominentester Sohn

Marktl am Inn - In diesem Haus direkt am Marktplatz ist es also geschehen. Hier wurde einer der größten Söhne des oberbayerischen 2700-Seelen-Dorfes Marktl am Inn geboren. Sein Name: Georg Lankensperger. Das Schicksal des am 31. März 1779 geborenen Erfinders der Achsschenkellenkung ist es jedoch, dass er sein Geburtshaus am Marktplatz 11 mit einem anderen Promi teilt: Joseph Ratzinger, seit gestern Papst Benedikt XVI. Links von der Tür erinnert eine Gedenktafel an Lankensperger, rechts eine andere an Ratzinger.

Plötzlich gehört er allen. "Unser Joseph Ratzinger ist Papst", schreibt die Hamburger "Bild"-Zeitung heute. Selbst Außenminister Joschka Fischer, den nur wenig mit dem neuen Papst einen dürfte, freut sich eigenem Bekunden zufolge, dass ein Deutscher auf dem Stuhl Petri sitzt. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber freut sich sowieso. Die Menschen im oberpfälzischen Pentling, wo Ratzinger seit Jahren ein Haus besitzt, freuen sich. Ebenso die Münchner, deren Erzbischof er war, die Traunsteiner, bei denen er seine Jugend verbrachte, die Pleiskirchner, die Tittmoninger und, und, und... Alle freuen sich.

Aber niemandem gehört der neue Papst dieser Tage so sehr wie den Menschen in Marktl, die seit gestern um 18.42 Uhr außer Rand und Band sind. Trotz strömenden Regens versammelten sie sich auf dem Marktplatz und feierten ihren Papst gewordenen Sohn mit Böllerschüssen, Freibier und einem spontanen Gottesdienst. Nun gut, so ganz spontan, gibt Bürgermeister Hubert Gschwendtner zu, war es dann doch nicht. "Irgendwie haben wir ja doch im Hinterkopf gehabt, er könne es werden, und deshalb schon einmal für alle Fälle eine Feier geplant."

Altötting ist out. Bayerns neues Mekka für Katholiken heißt dieser Tage Marktl. Die tiefschwarze Gemeinde ganz hinten in Oberbayern, irgendwo zwischen Passau, Altötting und Braunau richtet sich zumindest schon einmal auf einen Pilgeransturm ein. Was Wadowice, der Geburtsort von Ratzinger-Vorgänger Karol Wojtyla, für die Polen ist, könnte Marktl nun für die Deutschen, zumindest aber für die überwiegend katholischen Bayern werden. Die Nähe zum Wallfahrtsort Altötting könnte viele Pilger auf einen Abstecher in den Geburtsort ihres Papstes bringen, hoffen die Marktler. Noch mehr würden sie sich allerdings über einen Abstecher des Papstes selbst freuen - vielleicht, wenn er anlässlich des Weltjugendtages ohnehin in Deutschland ist. Zuletzt hat Ratzinger den Ort vor acht Jahren besucht, als die Marktler ihm zum 70. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde verliehen haben.

"Man hat ja sein Lebtag noch kein Interview nicht gegeben"

Ratzinger lebte zwar nur zwei Jahre in Marktl, und da es seine ersten beiden waren, dürfte die Erinnerung an den dortigen Aufenthalt lückenhaft sein, doch das tut der Feierlaune im Dorf keinen Abbruch. Viele Spuren hat Ratzinger damals nicht hinterlassen. Doch außer dem Geburtshaus gibt es auch noch das Taufbecken, über dem der kleine Joseph vor 78 Jahren in die Organisation eintrat, deren Oberhaupt er jetzt ist. 1965 wurde das Becken jedoch im Rahmen eines Umbaus aus der Kirche entfernt, erklärt Heimatpfleger Joseph Gaßner. Seit ein paar Jahren steht es nun im Heimatmuseum. Demnächst wird es wohl einen Ehrenplatz bekommen. Ob allerdings etwas aus dem Plan wird, das Geburtshaus in ein Museum umzuwandeln, ist unsicher. Das Gebäude hat erst vor wenigen Jahren eine Privatfrau erworben.

Marktplatz von Marktl: Fernsehteams aus aller Welt versammeln sich dieser Tage vor dem Geburtshaus
DPA

Marktplatz von Marktl: Fernsehteams aus aller Welt versammeln sich dieser Tage vor dem Geburtshaus

Am Morgen nach dem feuchtfröhlichen Abend haben die Einheimischen die Szene zum größten Teil verlassen. Was bleibt, ist ein Aufgebot internationaler Presse, wie es Marktl noch nicht gesehen hat. Aus Tschechien sind sie gekommen, aus Schweden, Italien, Spanien, ja sogar aus Japan. Die Straßen zur Ortsmitte sind wegen des Andrangs schon gesperrt. Inzwischen sind längst die Medien selbst zum Ereignis geworden. Dutzende von Kamerateams bevölkern den Platz. Die einen filmen sich in ihrer Verzweiflung gegenseitig ab - "ein paar Schüsse noch auf den Media Circus", heißt das dann in der Fachsprache -, die anderen haben ihre Kameras noch immer auf das Geburtshaus gerichtet, als erwarteten sie jeden Moment, dass von dort weißer Rauch aufsteige. Ein paar Marktler kommen vorbei, um das Spektakel zu bestaunen. Ein älteres Paar schlendert durch den Fuhrpark des Medientrosses und studiert die Nummernschilder der ausländischen Autos. "Kruzitürken, da schau her", sagt die Frau angesichts des internationalen Interesses beeindruckt.

Einer ist besonders unermüdlich. Auf dem Marktplatz steht Josef Kaiser und wird herumgereicht. Der Dorfpfarrer, der nach der großen Feier in der vergangenen Nacht nur wenige Stunden geschlafen hat, spricht abwechselnd in Kameras, Mikrofone und Notizblöcke. Eine neue Erfahrung für ihn. "Man hat ja sein Lebtag noch kein Interview nicht gegeben", erklärt Kaiser. Doch das hat sich in den letzten Tagen schlagartig geändert. Allein in den letzten drei Stunden werden es an die 50 gewesen sein, schätzt der Priester.

Papstmützen und Vatikanbrot

Immer wieder sagt er dasselbe und verliert doch nicht die Geduld mit den Journalisten, die sich um ihn drängen. Dann erzählt er davon, dass er ja eigentlich nicht mit Ratzinger gerechnet habe, dass er am Sonntag gemeinsam mit dem Bürgermeister und Vertretern des Ortes nach Rom zur Inaugurationsmesse fliegen werde, und dass er sich schon auf die zahlreichen Pilger freue, die nach Marktl kommen würden, und sich einen "spirituellen Impuls" von ihnen erwarte.

Pfarrer Kaiser am Taufbecken: Kaum Spuren hinterlassen
SPIEGEL ONLINE

Pfarrer Kaiser am Taufbecken: Kaum Spuren hinterlassen

Während der neue Papst in seiner ersten Messe als Pontifex in der Sixtinischen Kapelle ankündigte, den Kurs seines Vorgängers fortzusetzen, wird er in seinem Geburtsort bereits umgedeutet. "Er wird nicht das weiterführen, was Johannes Paul getan hat, sondern seinen eigenen Weg gehen", erklärt Pfarrer Kaiser. Das zeige schon sein Name. Ratzinger habe sich ja nicht, wie erwartet, Johannes Paul III. genannt. "Benedikt XVI. ist Programm." Vom neuen Pontifex sei mehr zu erwarten, als das viele in Deutschland täten. "Er kann nicht die Probleme vor sich herschieben und sich in eine konservative Ecke zurückziehen. Dieses Erzkonservative sei ohnehin ein "Etikett, dass ihm die Medien angehängt haben".

Während Kaiser auf spirituelle Impulse hofft, denkt Gschwendtner auch ans Gemeindesäckel. "Ich sehe eine wirtschaftliche Belebung unseres Ortes", sagt der Bürgermeister des Dorfs, das mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 1100 Euro zu kämpfen hat. Im Einzelhandel stellt man sich schon auf die Zukunft als benediktinischer Wallfahrtsort ein. Die Bäckerei Peukert etwa hat nach der Verkündung der Wahl Ratzingers kurzerhand ein neues Gebäckstück erfunden: Die Papst-Benedikt-Mütze besteht aus Hefeteig mit Rosinen und ist mit Puderzucker bestreut. Mit etwas arg viel Phantasie ähnelt sie der Mitra des Papstes. Die Idee sei ihnen ganz spontan gestern Abend gekommen, erzählt Bäckerin Roswitha Peukert. "Damit wir halt was zum Präsentieren haben."

Bei der Konkurrenz gibt es bereits Vatikanbrot und Benedikttorten. Das Bräuhaus gegenüber von Ratzingers Geburtshaus will künftig die Leibspeisen des Papstes auf die Karte setzen: Apfelmaultaschen und Bröselschmarrn. Doch nicht alle Marktler teilen die Euphorie. "Ach, mei", stöhnt Gastwirt Max Hummel. "Jetzt warten wir erstmal 14 Tage, bis sich die ganze Aufregung gelegt hat, dann sieht das alles wieder ganz anders aus."

Doch der Alltag geht schon heute weiter - selbst in Marktl. Nach seinem 51. Interview wünscht eine Reporterin Josef Kaiser für später doch noch ein paar Minuten Pause. "Zum Glück haben wir nachher noch eine Beerdigung", antwortet der Dorfpfarrer. "Da wird's etwas ruhiger."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.