Ratzingers Jugend "Nett, lieb, blond"

Ein Hitlerjunge auf dem Stuhl Petri? Massaker an Juden unter den Augen des späteren Benedikt XVI.? Die Assoziationen, die die britische Presse nach der Wahl eines deutschen Papstes bei ihren Lesern zu erwecken versucht, sind heftig. Zeitzeugen zeichnen ein anderes Bild von Kindheit und Jugend des Pontifex.

Von Dominik Baur


Anni Fischer zündet in ihrer Wohnung eine Kerze für Benedikt XVI. an: "Ich hoffe, dass ihm die Kardinäle viel Arbeit abnehmen"
Dominik Baur

Anni Fischer zündet in ihrer Wohnung eine Kerze für Benedikt XVI. an: "Ich hoffe, dass ihm die Kardinäle viel Arbeit abnehmen"

Hamburg - Die Selbertinger Anni, die natürlich längst schon nicht mehr Selbertinger heißt, weil sie vor über 50 Jahren geheiratet hat, kann sich noch erinnern an den kleinen Joseph Ratzinger. Schließlich ist sie die einzige noch lebende Marktlerin, die die ersten Schritte des neuen Papstes in dieser Welt bezeugen durfte. Halt, nein, von Schritten kann eigentlich nicht die Rede sein. "Die haben ihn ja nie auf den Boden gelassen", erzählt Anni Fischer heute. "Der durfte nicht mit uns spielen." Immer habe Maria Ratzinger, die Mutter des kleinen Joseph, ihren Sohn auf dem Arm getragen, während die anderen Nachbarskinder um sie herumtobten. "Ich hab' ihn noch nicht einmal anfassen dürfen."

Papst Benedikt der Unberührbare? Sicher ist, so viel geht aus Fischers Erzählungen hervor, dass Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger, zumindest in seinen ersten Lebensjahren, ein sehr umsorgtes und verhätscheltes Kind war - wenn auch nicht verzogen. Annis Eindruck des späteren Pontifex: "Nett, lieb, blond." Die Selbertingers besaßen in der Bahnhofstraße 14 einen Gemischtwarenladen, der direkt an das Grundstück grenzte, wo die Gendarmerie von Marktl am Inn untergebracht war und auch die Polizistenfamilie Ratzinger ihre Wohnung hatte. Im ersten Stock vorne, so erinnert sich die Nachbarstochter, sei das Schlafzimmer der Eltern gewesen. Hier soll Ratzinger auf die Welt gekommen sein.



Da sich ihre Eltern mehr um den Laden, als um die Kinder kümmerten, trieb sich die kleine Anni mit ihrer Schwester Therese häufig bei den Ratzingers rum. "Das war immer eine so nette Familie in dem Haus. Die waren so bescheiden und freundlich." Besonders eng war das Verhältnis zur Tochter der Ratzingers, Maria, mit der Anni 1928 gemeinsam eingeschult wurde. Wie den Bruder hat sie auch ihre Freundin als ein sehr zartes Geschöpf in Erinnerung.

Im Zaun hatten die Kinder ein paar Latten gelockert, damit sie schneller hinüberhuschen konnten. In einer einfachen Gartenlaube spielten die Mädchen dann oft, während Georg, Josephs drei Jahre ältere Bruder, um sie herumlief. Doch Joseph befand sich stets in Frauenobhut - wenn die Mutter gerade keine Zeit hatte, sprang auch gern Marie Nannhammer, die Besitzerin des Ratzinger-Hauses, als Babysitterin ein.

Gänzlich unmilitärisch

Bescheiden, zurückhaltend, freundlich und fromm natürlich: Die wenigen Beschreibungen, die Zeitzeugen von den frühen Jahren von Benedikt XVI. geben, ähneln sich. Bilder aus dieser Zeit gibt es kaum. Das wohl älteste Foto des Papstes dürfte 1930 im Kindergarten von Tittmoning geschossen worden sein, auch ein Bild des Schulbuben Ratzinger gibt es - nach seiner Einschulung in der Gemeinde Aschau 1932. Die Wohnorte der Familie Ratzinger wechseln häufig, weil der Vater immer wieder versetzt wird. Während des Krieges dann wird Joseph aufs erzbischöfliche Studienseminar St. Michael nach Traunstein geschickt.

Aus dieser Zeit nun stammt ein Foto, das besonders britische Zeitungen derzeit besonders gerne abdrucken: Ratzinger als jugendlicher Flakhelfer. Der englische Boulevard, für das Spiel mit anti-deutschen Ressentiments immer wieder gern zu haben, jubiliert angesichts des gefundenen Fressens. Für ihn ist Ratzinger nun vor allem eines: ein ehemaliger Hitlerjunge. "Vom Hitlerjungen zum Papa Ratzi" titelte die "Sun" gleich nach der Wahl des Deutschen zum Oberhaupt der katholischen Kirche. Geradezu als Kompliment nimmt sich da noch die Bezeichnung aus, die der "Daily Mirror" dem Deutschen verpasst: "Gottes Rottweiler", die Schlagzeile dürfte wohl eher auf das erzkonservative Image des ehemaligen Chefs der Glaubenskongregation abzielen als auf angebliche Nazi-Verstrickungen.

In der Tat war Ratzinger bei der Hitlerjugend - wenigstens formal. Das Seminar habe ihn 1941 einfach in der Parteiorganisation eingeschrieben, schreibt Ratzinger in seinen Büchern "Aus meinem Leben" und "Salz der Erde". Der Bayer machte nie einen Hehl aus dieser Vergangenheit. Sobald er das Seminar verlassen habe, sei er nie wieder bei der HJ aufgetaucht. Dafür musste Ratzinger mit 16 als Luftwaffenhelfer zur Flak. Im letzten Kriegswinter wird er sogar noch zur Infanterie eingezogen, um den Dienst an der Front kommt er allerdings herum. Kurz vor Kriegsende desertiert der junge Mann und gerät für einige Wochen in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Aber nicht nur die Selbstdarstellung des neuen Papstes lässt ihn als gänzlich unmilitärischen Menschen, den Nazis gegenüber kritisch eingestellten Menschen erscheinen, auch die Recherchen des amerikanischen Ratzinger-Biografen John Allen kommen zu demselben Ergebnis. Der katholische Kirchenhistoriker Vinzenz Pfnür spricht von einer "grotesken Abstempelung Ratzingers als Nazi". Und der israelische Außenminister Silwan Schalom ist sich ebenfalls "sicher, dass er wie sein Vorgänger eine mächtige Stimme gegen alle Formen des Antisemitismus ist".

"Da gehörte Mut dazu"

Doch heute legte sogar der renommierte, als seriös geltende "Independent" nach: Unter Berufung auf einen Traunsteiner Geschichtsschreiber hält das Londoner Blatt dem Papst vor, dass in seiner Internatsstadt noch am 3. Mai 1945 Tausende Juden aus den aufgegebenen Konzentrationslagern Buchenwald und Flossenbürg von SS-Leuten durch die Straßen getrieben worden seien. 66 von ihnen seien am nächsten Tag ermordet worden. Von diesem Ereignis finde sich nichts in der 1997 erschienenen Autobiografie Ratzingers. Ob der Papst selbst Zeuge dieses Verbrechens geworden war, selbst ob er sich in der fraglichen Zeit in der Stadt befand, darüber weiß jedoch der "Independent" nichts zu sagen. Es ist anzunehmen, dass Ratzinger da schon in Kriegsgefangenschaft war. Aber wozu auch weiter nachbohren? Die Wahl eines deutschen Papstes, so die Zeitung, der die Hitlerzeit bewusst miterlebt habe, rufe "erhebliches Unbehagen" aus. Auch habe Ratzingers Mentor, Michael Kardinal von Faulhaber, die Nazis unterstützt. Mentor? Immerhin: Ratzinger war einer der jungen Männer, die im Sommer 1951, ein Jahr vor dem Tod Faulhabers, vom Kardinal zum Priester geweiht wurden.

"Was da in der britischen Presse steht, ist ein totaler Schmarrn", sagt der Münchner Walter Fried, 78. Er hat 1943 zusammen mit Ratzinger in derselben Flak-Großbatterie in Obergrashof in der Nähe von München gedient. Die Erinnerungen an den heutigen Papst sind nur noch schwach, denn der Junge aus Traunstein sei eine "sehr zurückhaltende, relativ unscheinbare Figur" gewesen. Doch an eine Begebenheit erinnert sich Fried noch genau: Einmal sei ein hoher Offizier zu einer Besichtigung vorbeigekommen. Dann habe einer nach dem anderen sagen müssen, was er einmal werden wolle. Viele hätten dann, so wie er selbst auch, als Berufswunsch Flieger angegeben. Da wurde nicht weiter nachgefragt. "Als der Ratzinger an der Reihe war, hat er gesagt, dass er Pfarrer werden möchte. Das hat einiges Hohngelächter gegeben. Aber natürlich gehörte zu einer solchen Antwort damals schon etwas Mut dazu."

Auch der Verehrung Anni Fischers für den Nachbarsjungen auf dem Chefsessel im Vatikan können die Attacken aus England nichts anhaben. Sie verehrt ihren Papst, zündet täglich eine Kerze für ihn an und träumt von einer Pilgerreise nach Rom. Sorgen macht sie sich vor allem um seine Gesundheit. "Ich hoffe, dass er sich aufs Repräsentieren konzentriert und ihm die Kardinäle viel Arbeit abnehmen, damit er nicht so überlastet wird."

1981 hat sie ihn das letzte Mal zu Gesicht bekommen. An der Seite von Johannes Paul II. kam der damalige Münchner Erzbischof bei einem Besuch ins nahe gelegene Altötting. Da machte sich dann natürlich auch Anni Fischer auf in den Wallfahrtsort. Als sie den ehemaligen Nachbarsbuben sah, rief sie überrascht aus: "Mei, des is der kloane Ratzinger!" Und diesmal stand er sogar auf seinen eigenen Beinen.

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