Junge Russen auf Patrouille Die Raucherjagd

Ihre Waffen? Wasserflaschen mit Sprühkopf. Ihre Legitimation? Das Gesetz - so sehen sie es zumindest. In Moskau geht eine patriotisch gesinnte Jugendgruppe gegen Raucher vor, die Verbote missachten. Zur Belohnung gibt's Zigaretten.

Swetlana Leonowa

Von Luzia Tschirky, Moskau


Ungeduldig wartet ein Dutzend halbstarker Jungs in kurzen Jeans und engen T-Shirts an einem Bahnhof im Osten Moskaus. Sie sind die Anti-Rauchergruppe "Ljew Protiw", was auf Deutsch so viel heißt wie "Der Löwe ist dagegen". Am Jaroslawler Bahnhof patrouillieren sie regelmäßig. "Ihr kümmert euch um die Bahnsteige, wir um die Schalter", gibt Michail Lasutin in militärischem Ton vor. In der linken Hand trägt er eine Wasserflasche mit aufgeschraubtem Sprühkopf. Das ist seine selbstgebastelte Waffe gegen Glimmstängel. Raucht ein Passant trotz Aufforderung weiter, wird dessen Zigarette nass gespritzt.

"Was fällt Ihnen eigentlich ein? Als Sie geboren wurden, war ich bereits ein erwachsener Mann", empört sich ein Obdachloser, dessen Zigarette Lasutin gerade gelöscht hat. Das bringt den "Löwen" nicht aus der Ruhe: "Gesetz ist Gesetz", so die kurze Antwort. "Die meisten Raucher reagieren ruhig, ein paar wenige sind einfach verrückt und werden ausfällig", sagt Lasutin und zuckt mit den Schultern.

Seit Mai versuchen er und seine Jungs, zehn Mann zwischen 16 und 20 Jahren, das neue russische Rauchergesetz durchzusetzen. Bereits jetzt folgen der Gruppe über 18.000 Leute auf Vkontakte, dem russischen Facebook. Ihre Videos auf YouTube werden Hunderttausende Male angesehen. "Wir nennen uns 'Löwe', weil uns das Tier gefällt. Der Löwe ist stark wie wir", erklärt der 19-jährige Informatikstudent Lasutin. Den muskulösen Kopf der Gruppe mit den kurzgeschorenen Haaren nennen die anderen nur "Onkel".

Die jugendlichen Aktivisten im Kampf für Recht und Ordnung erinnern entfernt an die Komsomolzen, die Jugendorganisation der Sowjetunion - und an ihren Nachfolger "Naschi", die unter Putin entstandene Jugendorganisation des Kreml. Immer wieder gründen "Naschi" oder Leute aus deren Umfeld Gruppen, die nach bürgerlichem Aktivismus aussehen, aber in Wirklichkeit staatlich gelenkt sind.

"Niemanden verprügeln"

Meistens gehen die Initiativen nicht über einige öffentlichkeitswirksame Aktionen einer kleinen Gruppe hinaus. Angeblich haben die "Löwen" inzwischen auch Ableger in Sotschi und in Weißrussland, aber bislang sind nur Aktionen der Moskauer Gruppe bekannt.

Lasutin streitet staatlichen Einfluss ab: "Unser Projekt ist ganz unabhängig entstanden!" Die Parallelen sind jedoch kaum von der Hand zu weisen. Bürger öffentlichkeitswirksam zu "erziehen" und davon Videos ins Netz zu stellen - das hat vor einigen Jahren die Naschi-Untergruppe "Stop Cham" ("Stoppt den Rüpel") vorgemacht. Sie ärgerte Falschparker mit großen Warnaufklebern auf der Windschutzscheibe. In einigen von Lasutins Videos steht am Anfang das Signet von "Stop Cham" neben dem eigenen.

Die Falschparkeraktivisten gerieten immer wieder in Schlägereien mit Autofahrern. Die Jungs von "Ljew Protiw" werden nun bei ihren Aktionen von Polizisten begleitet. "Niemanden verprügeln", lautet die einzige Vorgabe der Beamten. "Werden wir angegriffen, schlagen wir höchstens mit der Faust zur Selbstverteidigung zurück", erklärt Michail mit verschränkten Armen. Die jungen Männer spielen sich als Ordnungshüter auf, sie gefallen sich in der Rolle des "verantwortungsbewussten Staatsbürgers". Der 20-jährige Kirill erklärt: "Es liegt an uns, andere auf den Bruch eines Gesetzes aufmerksam zu machen." Die Polizei ist aus Sicht der "Löwen" mit der Umsetzung der neuen Raucherverordnungen überfordert.

Nach der Aktion selbst eine rauchen

In wenigen Ländern auf der Welt wird so viel geraucht wie in Russland. 44 Millionen Menschen greifen dort regelmäßig zur Zigarette. Eine Schachtel ist für weniger als einen Euro zu haben. Das hat fatale gesundheitliche Folgen: Eine geschätzte halbe Million Menschen stirbt jedes Jahr an Erkrankungen, die durch Rauchen verursacht werden. Einer der Hauptgründe für die geringe Lebenserwartung von russischen Männern von durchschnittlich gerade einmal 64 Jahren ist die ungesunde Lebensweise.

Das Anti-Raucher-Gesetz soll Besserung bringen. Und typisch für Russland: Wird eine Vorschrift eingeführt, ist sie besonders hart. Rauchen ist nun nicht nur in Bars und Restaurants verboten, sondern auch auf den Terrassen davor. Schon mit dem Aufstellen eines Aschenbechers macht sich ein Wirt strafbar. An Bushaltestellen oder Eingängen zur Metro gibt es einen rauchfreien Umkreis von 15 Metern. Demnächst soll die berühmte Moskauer Fußgängerzone "Arbat" zur ersten rauchfreien Straße des Landes werden. Die Strafen sind hoch: Wer von der Polizei beim Rauchen erwischt wird, zahlt umgerechnet bis zu 65 Euro. Seit Januar haben die Behörden 370.000 Euro Bußgelder eingenommen.

Nach drei Stunden Patrouille haben die "Löwen" genug von ihrem Streifzug: "Lasst uns verschwinden, ich brauche eine Zigarette", sagt der 19-jährige Mischa ungeduldig. Kein Widerspruch zu ihrer Aktion? "Nein, ich rauche ja nur da, wo es erlaubt ist", sagt er und lacht. Die Freude könnte ihm schon bald vergehen: Laut Regierungsplänen soll die Schachtel Zigaretten in wenigen Jahren das Fünffache kosten.



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serienchiller86 21.08.2014
1. muss das schön sein..
..Zeit zu haben
veremont 21.08.2014
2. Das ist doch was für euch!
Na das wäre doch wieder etwas für einige Foristen hier die so gerne Gift und Galle spucken sobald irgendein Raucherthema aufkommt. Eine Gruppe halbstarker Jungendlicher, die sich als Ordnungshüter aufspielen aber denen eigentlich nur langweilig ist und die sich freuen wenn sie sich mal prügeln können. Das ist so blöd dass es schon wieder lustig ist. Na los, das ist doch etwas für euch, wo bleiben die Befürworter und "Richtig so!" Schreier?
Gaztelupe 21.08.2014
3.
Wenn Jugendliche ausreichend Zeit für solchen Unsinn haben, kann es ihnen nicht allzu schlecht gehen. Jedenfalls haben sie genug Zeit und Muße, auf Raucherjagd gehen zu können. Und: »Wir nennen uns "Löwe", weil uns das Tier gefällt. Der Löwe ist stark wie wir", erklärt der 19-jährige Informatikstudent Lasutin.« – Angesichts solcher Erläuterungen kann man wohl attestieren, dass die russische Jugend der westlichen in Sachen Einfalt und hirnlosem Aktionismus in nichts nachsteht. Besonders charakteristisch: Gegen die Regierungspolitik wird nicht aufbegehrt – sie wird tatkräftig unterstützt. Hierzulande werden ja auch schon im Kindergartenalter die Parolen von »Klima schützen!« und dem üblen kapitalistischen Treiben des Menschengeschlechts nachgeplappert, die haargenau in die Politik passen. Wir werden sehen, ob das russische Beispiel Schule macht und demnächst Hamburger Gymnasiasten durch Bahnhöfe und Einkaufszentren patrouillieren. Wie sie sich wohl nennen werden?
brehn 21.08.2014
4. Bahnhöfe
Bei dem Artiekl ist mir wieder eingefallen, dass das Rauchen an Bahnhöfen ja auch in Deutschland verboten ist. Hätte ich beinahe vergessen, da von der Durchsetzung dieses Verbots nichts aber auch überhaupt nichts zu merken ist... warum?
RobMcKenna 21.08.2014
5.
Kommt mir ein bisschen vor wie die russische Variante von "Knöllchen-Horst"...
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