Rauswurf aus Zug Mutter schildert Angst ihrer Tochter

2,90 Euro wurden ihr zum Verhängnis: Der Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das seine Fahrkarte vergessen hatte und von einer Zugbegleiterin aus dem Zug geworfen wurde, sorgt für heftige Reaktionen. Nun meldete sich ein Augenzeuge zu Wort, der den Vorgang beobachtet hat.


Hamburg - Das Ticket wäre nicht teuer gewesen, doch der Image-Schaden für die Bahn ist immens: Trotz Protesten von Mitreisenden, die für das Mädchen bürgen wollten, und einbrechender Dunkelheit warf eine Zugbegleiterin ein zwölfjähriges Mädchen auf einem Bahnhof fünf Kilometer von ihrem Heimatort entfernt aus dem Zug. Das Mädchen musste mit seinem Cello auf dem Rücken zu Fuß nach Hause laufen.

Inzwischen wurde die Bahn-Angestellte vom Dienst suspendiert, der Fall soll bis Freitag untersucht werden. Nach und nach kommen immer weitere Details des Vorfalls an die Öffentlichkeit.

So sagte Fred Zuppke, der mit im RE 33183 saß, dem "Hamburger Abendblatt", die Zugbegleiterin habe sein Hilfsangebot "schroff" abgelehnt. "Ich bin schwerstbeschädigt, das Mädchen hat mir in den Zug geholfen." Er habe der Zwölfjährigen seine Unterstützung angeboten, als sie bemerkt habe, dass sie ihr Portemonnaie und ihren Fahrschein zu Hause vergessen habe.

"Ich darf eine Begleitperson kostenfrei mitnehmen", wird Zuppke vom "Abendblatt" zitiert. "Doch das lehnte die Zugbegleiterin schroff ab, ich sollte die Amtshandlung nicht stören." Seine Beschwerde bei der Bahn sei anschließend mit den Worten "Was wollen Sie? Es ist doch nichts passiert" abgewiesen worden.

Die Mutter des Mädchens sagte einer Lokalzeitung, ihre Tochter habe berichtet, wie sie von der Schaffnerin als Schwarzfahrerin bloßgestellt worden sei. Sie habe auf dem Nachhauseweg geweint und Angst gehabt. Ihren Namen habe sie nicht veröffentlichen wollen, weil sie um eine sachliche Klärung des Vorfalls bemüht sei, schrieb das Blatt.

Das Mädchen war am Montagabend auf dem Weg von Bad Doberan zur Musikschule in Rostock. Die Zugbegleiterin verwies sie in Parkentin des Zuges. Das Mädchen musste daraufhin mit dem Cello auf dem Rücken den Weg nach Hause zu Fuß antreten. Vom Dorfbahnhof Parkentin in Mecklenburg-Vorpommern führen zwei Wege nach Bad Doberan: entlang der kurvigen Landstraße oder querfeldein an einem einsamen Gehöft vorbei.

Bahnsprecher Burkhard Ahlert zeigte sich entsetzt über den Vorfall. "Das widerspricht eindeutig der Dienstanweisung. Minderjährige dürfen nicht vom Personentransport ausgeschlossen werden, auch dann nicht, wenn sie keinen gültigen Fahrausweis dabei haben", stellte Ahlert klar. Er könne sich keine Situation vorstellen, warum eine Zugbegleiterin so handeln würde wie in diesem Fall. "Wir entschuldigen uns dafür bei der Familie, und zwar persönlich", fügte Ahlert hinzu.

Nach Prüfung einer ersten schriftlichen Stellungnahme der Schaffnerin müsse sie mit schweren arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Die Untersuchung des Vorfalls mit Zeugenbefragungen soll möglichst bis Freitag abgeschlossen sein.

"Dann werden wir über die notwendigen Maßnahmen entscheiden", kündigte der Bahnsprecher an. "Wir prüfen drastische arbeitsrechtliche Konsequenzen."

han/ddp/dpa/AP



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