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Reaktorkatastrophe: Fukushima-Betreiber schlampte bei Kontrollen

Arbeiter im AKW Fukushima kämpfen gegen den Super-GAU - nun wird bekannt, dass die Betreiberfirma vor der Katastrophe Inspektionen vernachlässigt hat. Auch die Notstromversorgung wurde nicht kontrolliert. In ganz Asien wächst die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln.

AP/ TEPCO

Tokio - Japans Atomaufsicht hat dem Betreiber des Katastrophen-AKW Fukushima massive Schlamperei bei den Inspektionen vorgeworfen. Am 2. März 2011 erschien ein Bericht, in dem die Behörde Verzögerungen im Zeitplan der Inspektionen anprangert. Unter den nicht überprüften Teilen hätten sich zentrale Elemente des Kühlsystems für die sechs Reaktoren und die Abklingbecken befunden. Insgesamt seien 33 Teile der Anlage nicht untersucht worden.

Der Betreiber Tepco hatte daraufhin die Versäumnisse eingeräumt. Zu den nicht inspizierten Teilen gehörten unter anderem ein Motor und ein Notstromaggregat im Reaktorblock 1 der Anlage. Der Ausfall der Notstromversorgung gilt als Ursache für das Unglück. Allerdings vermied die Behörde bislang, einen kausalen Zusammenhang zwischen den nicht ausgeführten Inspektionen und der bedrohlichen Situation in dem AKW herzustellen. "Bislang können wir keine unmittelbare Verbindung zum jüngsten Unfall ziehen. Wir müssen die Untersuchung abwarten, wenn wir die derzeitige Krise entschärft haben", sagte Ryohei Shiomi von der Atombehörde.

Die Atomaufsicht gab Tepco in ihrem Schreiben bis zum 2. Juni Zeit, einen Korrekturplan auszuarbeiten. Zudem äußerte sich die Behörde überzeugt, dass die ausgefallenen Inspektionen kein unmittelbares Risiko für die Sicherheit des Kraftwerks darstellen würden, das in den siebziger Jahren gebaut wurde. Neun Tage später erschütterte das Erdbeben der Stärke 9,0 Japans Norden, bei dem folgenden Tsunami wurde die Anlage Fukushima I massiv beschädigt. Seither kämpfen Einsatzkräfte gegen den drohenden Super-GAU - und die Lage im havarierten Kraftwerk bleibt nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA "sehr ernst".

Neuer Alarm in Fukushima

Am Montag stieg grauer Rauch über dem Abklingbecken von Reaktor 3 auf, einige Arbeiter mussten das Gelände aus Sicherheitsgründen verlassen. Inzwischen sei die Rauchentwicklung gestoppt, berichtet Kyodo. Zu den Ursachen des Zwischenfalls ist bisher nichts bekannt. Am Abend (Ortszeit) stieg dann weißer Rauch über Reaktor 2 auf. Dabei soll es sich laut Angaben von Tepco allerdings um Dampf handeln, der nicht aus dem Abklingbecken stamme. Versuche, die Reaktoren 3 und 4 wieder mit Strom zu versorgen, wurden wegen der Zwischenfälle unterbrochen.

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Strahlenangst in Fukushima: Exportstopp für Milch und Spinat
Inzwischen wächst im Land die Sorge vor verstrahlten Lebensmitteln aus der Region um das havarierte Atomkraftwerk. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das Problem größer als zunächst angenommen. Man sei "stark besorgt", sagte ein WHO-Sprecher. Verstrahlte Lebensmittel seien eine größere Gefahr für die menschliche Gesundheit als radioaktive Partikel in der Luft. Denn während die Partikel in der Luft nach wenigen Tagen verschwunden seien, lagerten sich die Partikel aus Lebensmitteln im Körper ab.

China und Südkorea kündigten an, Lebensmittel aus Japan schärfer auf Radioaktivität zu kontrollieren. Die japanische Regierung gab bekannt, der Verkauf und Export von Milch, Spinat und dem japanischen Blattgemüse Kakina aus vier Präfekturen im Nordosten des Landes werde vorerst gestoppt.

Betroffen sind die Präfekturen Fukushima, Ibaraki, Tochigi und Gunma, in denen erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen wurden. Die Belastung der Lebensmittel sei aber nicht gesundheitsgefährdend, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Der Fukushima-Betreiber Tepco hat laut der Nachrichtenagentur Kyodo angedeutet, möglicherweise eine Entschädigung für die betroffenen Bauern zu zahlen.

In immer mehr japanischen Regionen ist zudem das Trinkwasser radioaktiv belastet. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo wurden Spuren von Strahlung im Leitungswasser von neun Präfekturen festgestellt. Die Grenzwerte der Kommission für atomare Sicherheit seien aber bei allen Proben unterschritten worden, heißt es unter Berufung auf Regierungsangaben.

Bei einer anderen Untersuchung waren in dem Dorf Iitate, das etwa 30 Kilometer nordöstlich des Atomkraftwerkes Fukushima liegt, allerdings deutlich erhöhte Werte festgestellt worden. Die Regierung forderte die Bevölkerung in dem Ort daraufhin auf, kein Leitungswasser mehr zu trinken.

"Was ich mir wünsche, ist ein Bad"

Äußerst problematisch ist nach wie vor die Lage in den Notunterkünften an der Ostküste. Zehn Tage nach Erdbeben und Tsunami harren noch 350.000 Menschen dort aus. Vielerorts mangelt es weiter an Heizöl, um die Menschen gegen die Kälte zu schützen. "Wir führen jeden Tag etwa hundert Patientengespräche", sagte James Nichols von der Organisation Ärzte Ohne Grenzen. Seine Kollegen konzentrierten sich dabei vor allem auf die vielen älteren Menschen.

Im TV-Sender NHK fragte ein alter Mann: "Wie lange wird das bloß noch andauern?" Die vergangene Nacht habe er mit seiner Frau im Auto verbracht. "Was ich mir wünsche, ist eine Behelfsbehausung. Und ein Bad." NHK zeigte auch Bilder von verzweifelten Menschen, die auf der Suche nach vermissten Angehörigen in Trümmern umherirren.

Inzwischen gibt es laut Nichols jedoch auch Fortschritte bei der Versorgung der Opfer mit Hilfsgütern. Räumfahrzeuge arbeiten daran, Zufahrtsstraßen wieder passierbar zu machen, einzelne Autobahnabschnitte sind wieder für den Verkehr geöffnet.

In manchen Notlagern funktioniert auch die Wasserversorgung wieder. Erstmals seit zehn Tagen können sich die Menschen dort wieder waschen. Wie um das Volk aufzumuntern, zeigt der staatliche japanische Fernsehsender inmitten der unvorstellbaren Tragödie lächelnde Gesichter von Menschen, die wieder Mut fassen.

hut/Reuters/dpa/AFP/dapd

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1. .
frubi 21.03.2011
Zitat von sysopArbeiter im AKW Fukushima kämpfen gegen den Super-Gau - nun wird bekannt, dass die Betreiberfirma vor der Katastrophe Inspektionen vernachlässigt hat. Auch die Notstromversorgung wurde nicht kontrolliert. In ganz Asien wächst die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752148,00.html
Japan hat momentan mit Sicherheit andere Sorgen als das man sich über die Vergangenheit ärgern würde. Aber dennoch muss nach einer gewissen Zeit auch über die Fehler gesprochen werden. Dies hilft den Menschen, die derzeit vor Ort ihr Leben riskieren, nicht wirklich weiter. Eine solche Nachricht von Fehlern des Betreibers wundert mich allerdings nicht. Ich gehe davon aus, dass dies bei unseren Betreibern nicht viel anders aussieht. Ansonsten hätten die nicht versucht, die Nachrüstungen im Sicherheitssektor derart zu unterbinden.
2. Verstehe Super-GAU nicht
GunB, 21.03.2011
Zitat von sysopArbeiter im AKW Fukushima kämpfen gegen den Super-Gau - nun wird bekannt, dass die Betreiberfirma vor der Katastrophe Inspektionen vernachlässigt hat. Auch die Notstromversorgung wurde nicht kontrolliert. In ganz Asien wächst die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752148,00.html
Kann mir jemand den Unterschied zwischen dem Begriff GAU (=Größter anzunehmender Unfall) und Super-GAU erklären? Der Superlativ des Superlativ, oder was?
3. Gegen was wird noch demonstriert?
Walther Kempinski, 21.03.2011
Gegen was wird aktuell eigentlich demonstriert? Die Kernkraft ist doch schon tot und hängt an der Herz-Lungen-Maschine, der Stecker wird irgendwann vor 2030 gezogen und gut ist. Die sollten in Frankreich demonstrieren, das würde wenigstens Sinn machen. Dieses Wahlkampf-Fieber der Grünen wird langsam unerträglich. Ewig werden sie die Atomkraft nicht mehr politisch ausschlachten können, die sollten lieber mal die Angst vor Gentechnik und der Kernfusion schüren, man muß auch mal an die Zukunft denken.
4. .....
Ephemeris 21.03.2011
Hier pfuschen die Betreiber doch genauso rum , wenn hier ein Unfall wäre , würde genau das gleiche erscheinen und jeder würde sich im nachineni aufführen das nichts gemacht wurde
5. Mit dem Spucknapf gegen Höllenfeuer
alterknacker 21.03.2011
Eine Kernschmelze aufzuhalten ist eigentlich so gut wie unmöglich, wenn man den wirklichen Experten trauen kann. Womit auch? Der Weg des Höllenfeuers ins Erdinnere hat keine Barrieren, man kann nur auf einen natürlichen Stopp hoffen. Alle anderen Bemühungen sind so hoffnungsvoll wie das Ausblasen der Sonne durch pusten. Atomkraft ist nicht beherrschbar, nur will es niemand wahrhaben, dafür ist der Mensch dann doch zu überheblich in seinem Denken, besonders die ganz Schlauen. Der Rest: http://freies-in-wort-und-schrift.info/2011/03/21/mit-dem-spucknapf-gegen-hllenfeuer/
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