Mutmaßlicher NSU-Helfer Rechte Szene macht Stimmung für Wohlleben

Geburtstagsannoncen in Tageszeitungen, T-Shirts mit Sympathiebekundungen und Solidaritätskampagnen auf Facebook: Der Rückhalt in der rechten Szene für den inhaftierten Ralf Wohlleben, der den NSU-Terroristen die tödliche Waffe beschafft haben soll, ist ungebrochen.

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Anfangs war es nur ein Bettlaken, das an der Außenfassade des "Braunen Hauses" in Jena flatterte, auf dem stand: "Einer für alle - alle für einen. Denn es ist immer ein Angriff auf uns alle!" Dann folgten Botschaften via Twitter: "Erstes Wochenende hinter Gittern! In Gedanken bei Wolle! S-O-L-I-D-A-R-I-T-Ä-T!", schrieb am 4. Dezember vergangenen Jahres ein Rechtsextremist aus dem Raum Altenburg.

Erst zählten seine Kameraden die Tage, dann die Wochen. Inzwischen dürften auch sie verstanden haben, dass Ralf Wohlleben so schnell nicht aus dem Gefängnis kommt. Der langjährige NPD-Funktionär aus Jena sitzt in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Tonna.

Wohlleben steht im Verdacht, für die Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) die tschechische Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, besorgt zu haben, mit der insgesamt neun Kleinunternehmer getötet wurden. Gegen ihn wird wegen Beihilfe zum Mord ermittelt.

Die Szene steht stramm hinter ihrem "Wolle", wie sie ihn nennen. Das geht aus einer Antwort des Thüringer Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus bei der Fraktion, hervor. Demnach hat es in den vergangenen Monaten mehrfach Unterstützer-Aktionen für ihn und andere inhaftierte mutmaßliche Helfer des Trios gegeben.

Ein Neonazi aus Saalfeld organisierte im März ein Rechtsrock-Konzert, bei dem Geld für die Inhaftierten gesammelt werden sollte. Die Rechtsrock-Bands "Barny" aus Sachsen, "Stan" aus Brandenburg und "Erik" aus Bayern waren bereits angereist. Das Konzert wurde jedoch untersagt, 67 Platzverweise erteilt.

Unter den Unterstützern: NPD-Mitglieder

Die Szene aus Saalfeld und Umgebung sei besonders aktiv bei der Unterstützung mutmaßlicher Helfer des NSU, konstatiert König. Vor allem für Ralf Wohlleben setzten sich die Rechtsextremen dort ein.

So engagiert sich auch Ringo K., ein polizeibekannter Neonazi aus dem Saalfelder Raum, für Wohlleben und initiierte auf Facebook die Solidaritätskampagne "Freiheit für Wolle" mit Hilfe eines virtuellen Buttons, einem sogenannten Badge. Mehr als 60 Personen haben diesen Button mit der Aufschrift "Freiheit für Wolle" auf ihre Seite gestellt - darunter auch Mitglieder der Thüringer NPD wie der Kommunalpolitiker Karsten Höhn und Sebastian Reiche, der für die NPD im Kreistag Gotha sitzt.

Dabei betreibe die NPD seit Bekanntwerden der NSU-Verbrechen eine "demonstrative Abwehrpolitik gegen mögliche Vorwürfe, sie habe dem Trio oder seinen mutmaßlichen Unterstützern nahe gestanden", heißt es in der Antwort des Thüringer Innenministeriums. "Nach Ansicht der NPD würden die NSU-Verbrechen als Vorwand für ein geplantes Parteiverbotsverfahren genutzt. Sie verbreitet als Gegenstrategie verschwörungstheoretische Ansätze." Doch die Solidarisierungskampagne zeigt: Einzelne NPDler halten die Parteidisziplin nicht durch.

Zu Wohllebens Geburtstag am 25. Februar wurden in mehreren Thüringer Tageszeitungen Geburtstagsannoncen geschaltet - verschlüsselt und in Gedichtform: "Zum Ehrentag für Wolle. Zweifle an der Sonne Klarheit. Zweifle an der Sterne Licht. Zweifle, ob lügen kann die Wahrheit. Nur an unsrer Treue nicht." Unterzeichnet war die Anzeige mit "Saalfelder Jungs und Mädels".

"Schönes Motiv und triftiger Grund"

In zahlreichen Twitter-Botschaften finden sich Einträge wie "Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant! Knast für Spitzel/Spalter & Provokateure! Freiheit für Wolle!!" oder "Wenn Apfels Sippe in der Presse angegangen wird, gibt's NPD-Rundbriefe! Was ist mit Wolles Familie??? Ihr unsozialen 'seriösen Radikalen'!!!"

Auch T-Shirts sind im Umlauf: In der Farbe schwarz mit einem voluminösen Zeichentrick-Schaf, das in Kauerstellung debil den Betrachter anglotzt. Drumherum steht: "Freiheit für Wolle". "Wer noch T-Hemden zur Unterstützung von Wolle haben möchte, sollte sich beeilen. Sind nur noch wenige auf Lager", schreibt einer, der den Vertrieb organisiert, und wirbt: "Schönes Motiv und triftiger Grund." Auch Schlüsselanhänger mit dem Logo gibt es.

"Hier wird erneut deutlich, dass wir es nicht mit rechten Einzeltätern oder isolierten Kleinstgruppen zu tun haben, sondern dass es damals wie heute immer auch ein entsprechendes Unterstützernetzwerk in der Neonazi-Szene gibt, das den Akteuren logistisch, finanziell oder auch in Form von Gefangenenhilfe unter die Arme greift", sagt König.

In den ersten Monaten nach Wohllebens Inhaftierung galt die Sorge der Kameraden auch seiner Ehefrau Jasmin*, Mutter der zwei gemeinsamen Töchter im Alter von sechs und vier Jahren. Kurz nach der Festnahme war der Erzieherin fristlos gekündigt worden, sie klagte gegen den Träger der Kindertagesstätte und einigte sich mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber schließlich vor Gericht. Die Szene hatte Geld für die 31-Jährige gesammelt und sie unterstützt.

Nach Angaben ihres Rechtsanwalts Hendrik Lippold hat Jasmin Wohlleben noch immer keine neue Anstellung gefunden. Von weiteren finanziellen Zuwendungen aus rechten Kreisen wisse er nichts, sagt Lippold. Mitte September steht laut einem Bericht der "Thüringer Allgemeinen" für Wohlleben ein Haftprüfungstermin an.

*Der Name ist der Redaktion bekannt.

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