Reemtsma-Entführung Sechs Jahre Haft für Laskowski

Das Gericht verurteilte den Polen, den die Kidnapper als "Mann fürs Grobe" angeheuert hatten, wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme und Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub. Entführungsopfer Reemtsma hält das Urteil für vertretbar.


Jan Philipp Reemtsma und sein Anwalt Johann Schwenn
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Jan Philipp Reemtsma und sein Anwalt Johann Schwenn

Hamburg - Mehr als drei Jahre nach der Entführung des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma ist am Donnerstag in Hamburg ein dritter Kidnapper verurteilt worden. Der 33-Jährige muss für 6 Jahre hinter Gitter. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Pole Piotr Laskowski am 25. März 1996 Reemtsma zusammen mit Thomas Drach und zwei Komplizen entführte und in ein Geiselversteck im niedersächsischen Garlstedt brachte. Der Vorsitzende Richter am Hamburger Landgericht, Ulf Brüchner, folgte mit seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Gleichzeitig sah das Gericht eine Beihilfe Laskowskis zum erpresserischen Menschenraub als gegeben an. Die Verhandlung gegen den Haupttäter und Drahtzieher Thomas Drach steht noch aus. Er wurde im März 1998 in Argentinien verhaftet und sitzt seitdem dort im Gefängnis. Seine weiteren Komplizen Wolfgang Koszics und Peter Richter wurden wenige Wochen nach der Freilassung Reemtsmas in Spanien verhaftet und im Februar 1997 verurteilt.

Im Prozess gegen Laskowski hatte die Verteidigung für die Mindeststrafe von fünf Jahren plädiert; die Nebenklage versuchte, eine Verurteilung wegen erpresserischen Menschenraubs zu erreichen. Über eine Revision wollte die Verteidigung noch keine Entscheidung treffen. Das Urteil sei für den Nebenkläger Jan-Philipp Reemtsma vertretbar, sagte dessen Vertreter Johann Schwenn.

Reemtsma war nach 33 Tagen Geiselhaft, angekettet im Keller eines Hauses in Garlstedt, gegen ein Lösegeld von 30 Millionen Mark freigelassen worden. Die Beteiligung eines vierten Komplizen bei der Entführung konnte auch im Verfahren gegen Laskowski nicht nachgewiesen werden. Ein Großteil des Lösegeldes ist bis heute nicht aufgetaucht. Laskowski erhielt angeblich nur ein "Honorar" von rund 15.000 Mark.

Der Pole war von Drachs Komplizen Wolfgang Koszics als "Mann fürs Grobe" in Spanien angeworben worden, wobei dieser ihm den wahren Hintergrund der Tat verheimlichte. Engagiert wurde er, um angeblich Schulden bei einem ehemaligen Geschäftspartner von Koszics und Drach einzutreiben. An dieser Aussage gab es auch nach der Beweisaufnahme keine Zweifel. Der Vorsitzende Richter glaubte ihm jedoch nicht, dass er erst drei Wochen nach der Entführung den wahren Hintergrund des Verbrechens erkannt habe.

Die entwürdigenden Umstände der Geiselnahme und der Geiselhaft - wie die Ankettung Reemtsmas, die Maskierung und Bewaffnung mit einer Kalaschnikow und die Erpresserfotos - müssen Laskowski deutlich gemacht haben, dass es sich nicht einfach um die Eintreibung von Schulden handelte, hieß es in der Urteilsbegründung. Seine Beihilfe sei dadurch erwiesen, dass er zeitweise als Bewacher und Versorger des Opfers auftrat. Verschärfend für das Strafmaß wertete das Gericht zudem das brutale Gesamtbild der Entführung, die Dauer seiner Beteiligung und die Folgen für das Opfer und dessen Familie, die Laskowski hätte voraussehen müssen.

Als strafmildernd wertete das Gericht, dass Laskowski aus eigenem Willen in einem Moment aus dem Verbrechen ausstieg und sich stellte, als es noch nicht zu einer Geldübergabe gekommen war. Er hatte sich auch nicht zu einem Verbleiben überreden lassen, als ihm Drach drei Millionen Mark "Honorar" versprach. Zu Laskowskis Gunsten spreche zudem ein weitgehendes Geständnis, auch sei er nicht vorbestraft.



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