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Rekordfrost: Eiszeit in Europa

Seit 50 Jahren war es im deutschen Tiefland nicht mehr so kalt wie in dieser Nacht. In Vorpommern fiel das Quecksilber auf minus 23 Grad, in Bayern wurden minus 33,8 Grad gemessen. In Polen und Tschechien wird schon die Energie knapp.

Magdeburg - In der Nacht waren die Temperaturen weit unter minus 20 Grad Celsius gefallen, teilte der private Wetterdienst Donnerwetter.de mit. Die kältesten Orte in Deutschland lagen laut Wetterdienst Meteomedia in Bayern: Minus 33,8 Grad wurden in Funtensee gemessen, in Haidmühle minus 27 Grad. In Ueckermünde in Vorpommern sanken die Temperaturen auf 23 Grad unter den Gefrierpunkt, in Morgenröthe-Rautenkranz in Sachsen sogar auf minus 24,3 Grad. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach haben die Wetterexperten im ostdeutschen Tiefland zuletzt vor 50 Jahren, im Februar 1956, solch niedrige Temperaturen gemessen.

In Wolfen in Sachsen-Anhalt stürzte eine 74-jährige gehbehinderte Frau auf dem Weg zum Briefkasten vor ihrem Haus. Sie konnte nicht allein aufstehen und erfror. Die Rentnerin habe allein gelebt, so dass ihr Unfall zunächst unbemerkt geblieben sei, teilte ein Sprecher der Polizeidirektion Dessau mit. Die nur leicht bekleidete Frau wurde nach dem Unfall am Samstag erst gestern von ihrer Schwester gefunden.


In Chüttlitz nahe Salzwedel starb ein 48 Jahre alter Mann, der auf einem Feldweg zu Fuß unterwegs von einer Feier nach Hause war. Der Mann war nach Angaben der Polizeidirektion Stendal in der Nacht zu gestern bei der Heimkehr entweder gestürzt oder eingeschlafen und erst am nächsten Morgen von Freizeitsportlern entdeckt worden.

Ein allzu mutiger Kältetest brachte am Morgen einen siebenjährigen Jungen im oberfränkischen Selb in Gefahr. Das Kind klebte mit seiner Zunge an einer Laterne fest. Polizeiangaben zufolge hatte das Kind auf dem Weg zur Schule bei minus 18 Grad mit seiner Zunge die Kälte an der Laterne getestet. Der Junge wurde nach kurzer Zeit vom Roten Kreuz mit warmem Wasser befreit. Er blieb bis auf einige leichte Risse an der Unterlippe unverletzt und konnte anschließend in die Schule gehen.

Das Hochdruckgebiet "Claus" führte die russische Kälte auf direktem Weg in den Osten, wie Daniel Hogh-Lehner von Donnerwetter.de sagte. Die gefühlte Temperatur liege dabei bei minus 28 Grad. Im Westen des Landes liegen die Temperaturen zwischen minus sechs bis minus sieben Grad. Erst ab Mittwoch sei mit milderen Temperaturen sowie mit Schnee und Regen zu rechnen.

Schon 150 Kältetote in Polen

Die Kältewelle erreichte heute auch Frankreich, Österreich, Ungarn und Teile Südeuropas. Im Norden Griechenlands schneite es auch in niedrigen Höhen, an vielen Stellen mussten die Autofahrer Schneeketten aufziehen. Meteorologen warnen vor Dauerfrost in den kommenden zwei Tagen. In Ungarn wurden mit bis zu minus 19 Grad die diesjährigen Tiefsttemperaturen erreicht. Schneestürme und Schneeverwehungen behindern an zahlreichen Stellen den Verkehr.

In Tschechien haben Temperaturen von bis zu minus 30 Grad das 14. Kälteopfer des diesjährigen Winters gefordert. Ein Obdachloser sei in Prag erfroren unter einer Brücke gefunden worden, teilte die Polizei mit. Im südböhmischen Atomkraftwerk Temelin musste wegen der Minustemperaturen in der Nacht der erste Block vom Stromnetz genommen werden. Die große Kälte habe das Thermometer beschädigt, sagte AKW-Sprecher Milan Nebesar. Der Reaktor wurde am Morgen bei Temperaturen von immer noch minus 17 Grad vorsichtig wieder auf 50 Prozent Leistung hochgefahren.

Auch in Polen hält die arktische Kälte an. Am Morgen sei in mehreren Orten der Nahverkehr zusammengebrochen, weil das Benzin in den Bustanks gefroren sei, berichtet der polnische Rundfunk. In Oberschlesien dagegen versagte in der Eiseskälte vielerorts die Elektronik der Straßenbahnen, auch der Zugverkehr kam wegen des Winterwetters ins Stocken. Besorgniserregend sind die Nachrichten zur Energieversorgung: Polen erhält rund ein Drittel weniger Gas aus Russland. Die Versorgung liege 34 Prozent unter dem angeforderten Niveau, teilte das Wirtschaftsministerium heute in Warschau mit. Grund ist offenbar die Kältewelle in Russland. In Deutschland gibt es nach Angaben des größten heimischen Gasversorgers Eon Ruhrgas keine Liefer-Engpässe. "Wir können vollumfänglich unsere Kunden versorgen", sagte Unternehmenssprecher Helmut Roloff am Montag auf Anfrage.

Bei Nachttemperaturen bis zu minus 32 Grad erfroren am Wochenende 27 Menschen in Polen. Damit stieg die Zahl der Kältetoten dieses Winters auf 150, teilte eine Polizeisprecherin heute mit. Unter den Opfern seien 64 Obdachlose, von denen die meisten alkoholisiert an Unterkühlung gestorben seien. Die Polizei erneuerte ihren Aufruf an die Bevölkerung, insbesondere auf dem Land auf alleinstehende, alte oder behinderte Menschen zu achten. Im vergangenen Winter waren in Polen laut Polizeistatistik rund 180 Menschen erfroren.

Weiter bibbern müssen auch die Russen: Bei Außentemperaturen von 22 Grad minus haben heute etwa 12.000 Menschen in der Stadt Podolsk bei Moskau im Kalten gesessen - die Heizung war ausgefallen. Die Fernwärmeleitung zwischen einem Heizkraftwerk und 26 Hochhäusern sei geplatzt, teilte der russische Zivilschutz mit. Auch ein Kindergarten und eine Oberschule könnten nicht mehr geheizt werden, meldete die Agentur Interfax.

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