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Reliquienkult: Päpste im Schneewittchensarg

Von René Schlott

Reliquien: Der päpstliche Totenkult Fotos
AP

Blut, Knochensplitter, Leichname in Glassärgen: Der Reliquienkult der katholischen Kirche lebt. Vor der Heiligsprechung von Johannes Paul II. und Johannes XXIII. sind deren Überreste hoch im Kurs.

Es war im Januar, als die kleine Kirche San Petro della Ienca bei L'Aquile eines ihrer Heiligtümer verlor. Diebe hatten es mitgenommen, zeitweilig ermittelten Dutzende Beamte. Es dauerte nicht lange, da tauchte die Beute wieder auf, und es wurde klar: Die jungen Männer wussten gar nicht, was sie da entwendet hatten.

Auf der Flucht hatten sie ein kleines Stück Stoff weggeworfen, das in einer goldenen Fassung enthalten war. Was für sie ohne Wert war, hat für die Gläubigen von San Petro della Ienca große Bedeutung: Der Stoff ist durchtränkt mit dem Blut von Papst Johannes Paul II.

Vier Ampullen Blut waren dem Papst kurz vor dessen Tod zur Vorbereitung einer Bluttransfusion abgenommen worden. Sein damaliger Privatsekretär Stanislaw Dziwisz hat zwei Ampullen aufbewahrt. Die restliche Blutflüssigkeit wurde durch einen besonderen chemischen Zusatz flüssig gehalten und in einzelnen Tropfen auf zahlreiche einzelne Stoffteile eines Untergewandes aufgeteilt, das der Papst einst getragen hat.

Dziwisz, inzwischen Kardinal und Erzbischof von Krakau, verschenkt die Blutstropfen heute nach Gutdünken an Kirchen in aller Welt. Obwohl diese Praxis von Anfang an in der Kritik stand, pilgern die Gläubigen in Scharen zu den Papstreliquien.

Polen wollten Herz des Papstes

Der Reliquienkult der katholischen Kirche ist lebendig wie eh und je, und ganz hoch im Kurs sind die bald heiligen Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. Vom polnischen Pontifex kursieren inzwischen Blutstropfen in aller Welt. Die Heiligsprechung verstärkt den Toten-Hype: Der Leichnam von Johannes XXIII. ist schon jetzt in einem Glassarg im Petersdom zu sehen.

Insgesamt sollen allein rund hundert Blutreliquien des polnischen Papstes existieren, von denen einige sogar bereits in Internetauktionen gehandelt worden sind. In Deutschland sind sie unter anderem im Kölner Dom, im Wallfahrtsort Kevelaer, in Aschaffenburg und in Würzburg ausgestellt. Dort ist auch ein Rosenkranz zu sehen, den Johannes Paul II. stets auf seinen Reisen mit sich führte.

Die meisten Reliquien sind allerdings auf Polen verteilt. Dort werden neben Reliquien ersten Grades, wie Blut und Haare von Johannes Paul II., auch solche zweiten Grades verehrt, das heißt Gegenstände, die er lediglich berührt oder getragen hat, wie Kopfbedeckungen und Messgewänder. In Polen hatten Gläubige schon nach seinem Tod gefordert, wenigstens das Herz des Papstes in seiner Heimat zu bestatten. Der Vatikan weigerte sich und verwies darauf, dass man im Jahr 1903 zum letzten Mal einen päpstlichen Leichnam geöffnet habe. Bis dahin war es üblich, den Päpsten, wie anderen Monarchen auch, unmittelbar nach ihrem Tod das Herz und alle Eingeweide zu entnehmen und diese gesondert zu bestatten.

Die Kugel, die Johannes Paul II. beim Attentat im Mai 1981 schwer verletzte, ist heute in der Krone der Marienstatue von Fatima eingelassen. Ein Jahr nach dem Anschlag hatte er sie vergolden lassen und pilgerte selbst in den Wallfahrtsort, um sie der Mutter Gottes aus Dank für seine Rettung zu widmen. Das blutige weiße Unterhemd, das er am Tag des Attentats trug, ist seit seiner Seligsprechung 2011 im römischen Vinzentinerinnerkloster Reginae Mundi als Reliquie zur Verehrung der Gläubigen ausgestellt. Im polnischen Wallfahrtsort Tschenstochau wiederum wird die blutgetränkte Schärpe aufbewahrt, die er bei gleicher Gelegenheit trug.

Knochensplitter als Mitbringsel

Wenn Johannes Paul II. auf Reisen ging und ein Mitbringsel brauchte, griff er selbst schon mal zu einer Reliquie: Im Jahr 2002 hatte er als Geschenk an die bulgarischen Katholiken ein Kreuz mit einem Knochensplitter von Johannes XXIII. im Gepäck. Der hatte als Vatikan-Diplomat in den zwanziger und dreißiger Jahren in Bulgarien gewirkt.

Von Johannes XXIII. existiert sogar eine Ganzkörperreliquie. Sein Leichnam wurde aus Anlass seiner Seligsprechung im Jahr 2000 aus dem Grab in den Vatikanischen Grotten geholt und in einen Glassarg in den Petersdom umgebettet. Der millionenteure und kugelsichere Sarg wiegt fast eine halbe Tonne. Er ist mit einer Kühlung ausgestattet und wird ständig mit einem Stickstoffgemisch durchlüftet, das Bakterien- und Schimmelbildung verhindert. Im Petersdom hat sich der päpstliche Schneewittchensarg inzwischen zu einer Touristenattraktion entwickelt.

Im Vorfeld der Seligsprechung von Johannes Paul II. kursierten Gerüchte, wonach auch sein Leichnam künftig in einem Glassarg gezeigt werde. Allerdings entschied sich der damalige Papst Benedikt XVI. lediglich für eine Umbettung aus den Vatikanischen Grotten in den Petersdom, wo der päpstliche Dreifachsarg aus Zypressenholz, Blei und Kastanie seitdem hinter einer Marmorplatte im rechten Seitenschiff ruht.

Bei der Seligsprechungsfeier behalf man sich mit einem kunstvoll gestalteten Blutreliquiar von Johannes Paul II., das Benedikt XVI. während der Messe küsste.

Am Sonntag nun sollen nach der Heiligsprechung zwei Behälter zum Altar getragen werden: In einem eine Blutreliquie von Johannes Paul II., in dem anderen ein Hautstück von Johannes XXIII.

Zur Ausstellung des Leichnams von Johannes Paul II. wird es wohl nicht kommen. Falls sich jedoch in den nächsten Tagen am Grab etwas tun sollte, können Gläubige aus aller Welt dies live mitverfolgen: über eine Webcam auf der Internetseite des Vatikanstaates, die die Grabstelle Tag und Nacht beobachtet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Alles klar!
Lobhudel 25.04.2014
Ab jetzt wird keine Unterwäsche mehr weg geworfen - man könnte ja mal heilig werden.
2. Atavismus
bezim 25.04.2014
Dieser Reliquienkult gehört abgeschafft. Um große Persönlichkeiten zu verehren, bedarf es keines Blutes, Knochen oder einer Klobrille, die der Betreffende benutzt hat. Das ist purer atavistischer Fetischismus.
3. Götzendienst...
MrMetaphysic 25.04.2014
Wunderbar parodiert hat den Kult um die Reliquien Umberto Eco im Namen der Rose: Da rühmen sich gleich zwei Klöster, den Schädel Johannes des Täufers zu besitzen - eines davon sogar den Schädel des Johannes im Alter von 12 Jahren... Unfähig, mit dem abstrakten, bilderlosen Gott zu leben, giert die Naivität der Gläubigen nach allem, was das vermeintlich Heilige "greifbar" macht. Schon grotesk, dass dieser Götzendienst im 21. Jahrhundert immer noch solchen Zulauf findet - doch die Dummheit stirbt bekanntlich nicht aus.
4. zweierlei Mass
d.enkmalwieder 25.04.2014
Man könnte schaudern ob des Gedankens dieser Mittelalterlich anmutenden Riten. Ähnliches von anderen Gruppierungen würde als obskure Götzenanbetung gehandelt- aber es ist ja die RKK- da passt das schon. Bedenklich nur.... diese Sektierer versuchen immer noch Einfluss auf das tägliche Leben von Menschen zu nehmen- nicht nur auf das ihrer Schäflein. Und die eigentlich dafür zuständigen Volksvertreter kuschen aus Angst vor den Konsequenzen an der Urne.
5. Brückeköpfe
Zaphod 25.04.2014
Reliquien sind faszinierende Brücken in die Zeit. Sie stellen einen unmittelbaren Bezug zwischen dem früheren Heiligen und seinen heutigen Verehrern her. Der Heilige Rock in Trier, die Heiligen Sandalen in Prüm - auf einer Reise durch die Eifel lässt sich so viel von Jesus erfahren. In der heutigen, vermeintlich aufgeklärten Zeit wird der Zauber der Reliquien natürlich gerne als Hokuspokus verspottet. Dabei wäre eine Wallfahrt zu einer belieibigen Reliquie sicherlich auch für die ganzen Zweifler sinnvoll!
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