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Reptilienboom: Die Invasion der Echsen

Von Nicole Serocka

200.000 Würgeschlangen sowie Zigtausende Giftschlangen, Warane und Chamäleons leben derzeit in deutschen Haushalten. Und die Zahl der wechselwarmen Haustiere nimmt rasant zu. Immer öfter tauchen sie auch außerhalb ihrer Heime auf - so wie jenes Krokodil in Hildesheim.

Hamburg - Als Tanja N.* an einem der sonnigeren Tage dieses Sommers über ihre Hofeinfahrt im fränkischen Rottenstein geht, bekommt sie einen ziemlichen Schrecken: Nur wenige Meter von ihr entfernt liegt eine 120 Zentimeter lange, zusammengerollte Schlange. Während Tanja N. abrupt stehen bleibt, richtet sich das schwarz-gelbe Reptil plötzlich s-förmig auf und fixiert die junge Frau.

Exemplare wie dieses findet man leichter in Costa Rica als in deutschen Gefilden, doch auch hier kreucht und fleucht so mancher Exot
DDP

Exemplare wie dieses findet man leichter in Costa Rica als in deutschen Gefilden, doch auch hier kreucht und fleucht so mancher Exot

Die Drohgebärde erinnert Tanja N. an eine gefährliche Kobra. Dabei ist das Reptil nur eine harmlose Ringelnatter, die sich beim Sonnenbaden auf dem heißen Asphalt bedroht fühlt.

Reptilien auf Wanderschaft, das ist ein zunehmendes Phänomen in deutschen Städten. Die wachsende Zahl von Einsätzen der Tierrettung der Feuerwehr beweist es: Bundesweit geht sie im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche auf Reptilienjagd. Statt Brände zu löschen, fangen die Feuerwehrleute Nattern, Würgeschlangen, Schildkröten und andere Exoten ein. "Wir müssen Reptilienbox und Zange immer zur Hand haben", bestätigt Ulrich Krajewski von der Osnabrücker Feuerwehr.

Dass die Retter immer häufiger alarmiert werden, hat einen simplen Grund: Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz erhöhte sich die Einfuhr von Reptilien seit 1999 um mehr als 42 Prozent, die Dunkelziffer illegaler Importe nicht eingerechnet. Wie die Tierschutzorganisation "Aktion Tier" schätzt, leben in deutschen Wohnungen zurzeit rund 200.000 Würgeschlangen, 10.000 Giftschlangen sowie 10.000 Warane, Pfeilgiftfrösche und Chamäleons.

Hessen und Schleswig-Holstein haben deshalb im vergangen Jahr die Haltung exotischer Wildtiere außerhalb von Zoos und Zirkussen in ihren Ländern gesetzlich verboten. Die CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag plant ebenso ein Verbot der privaten Haltung von exotischen Tieren, die unter Artenschutz stehen und Menschen gefährden können. Ausnahmen soll es nur geben, wenn der Eigentümer den Umgang mit derartigen Kreaturen nachweislich beherrscht.

So ist es denn meist auch falsch verstandene Tierliebe, wenn sie von ihren Besitzern im Sommer ausgesetzt werden. "Es ist ein Ammenmärchen, dass es exotischen Wildtieren draußen gut geht", sagt Markus Baur, der als Fachtierarzt in einer Münchner Auffangstation für die wechselwarmen Viecher arbeitet.

"Jeder kann ohne Sachkenntnisse Reptilien kaufen"

Die Reptilien–Saison für die Feuerwehr beginnt meist im Mai. In München musste prompt eine Kornnatter mit hohem Aufwand aus einer Tiefgarage befreit und eine 40 Zentimeter lange Alligatorschildkröte am Ufer des Würmkanals geborgen werden, in Dortmund hatte die Feuerwehr erst 5000 Liter aus einem Gartenteich abzupumpen, ehe sie eine Ringelnatter einfangen konnten.

Im Juni hatten es die Osnabrücker Profiretter an einem Wochenende gleich mit zwei Ausreißern zu tun: Eine Kletternatter hatte sich erst auf der Terrasse eines Hotelrestaurants gesonnt – und es sich anschließend im Gästeraum gemütlich gemacht. Am Abend zuvor hatte eine Königsnatter eine Dame in ihrer Erdgeschosswohnung beim Essen erschreckt.

Auch wenn diese Natternarten alle ungefährlich sind, sehen sie ihren giftigen Verwandten oft zum Verwechseln ähnlich. So bewegt die Königsnatter ihren Schwanz wie eine Klapperschlange und erinnert mit ihren auffälligen rot-orangefarbenen Streifen an eine giftige Korallenotter. Bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Farbabfolgen jedoch. Bei der Königsnatter sind die weißen und roten Streifen durch schwarze Streifen getrennt. Nach einer alten Faustregel gilt: If white follows red, you are dead.

Die Feuerwehr holt im Zweifel jedoch lieber einen Experten, anstatt sich an Merksätzen wie diesem zu orientieren. So beschäftigte diesen Sommer ein 170 Zentimeter langer Tigerpython die Marburger Feuerwehr etwa sechs Stunden lang: Die Würgeschlange hatte sich in einen Gully verkrochen, aus dem Experten sie nur mit dem richtigen Futter herauslocken konnten.

Ein Ende der Einsätze ist nicht abzusehen. Denn der Handel mit exotischen Wildtieren blüht, wie das immer größer werdende Angebot an Tierbörsen im Internet zeigt. "Jeder kann überall ohne Sachkenntnisse Reptilien kaufen", kritisiert der Veterinär Baur. Zudem sei das Personal im Zoohandel oft schlecht geschult, was die artgerechte Haltung angehe. "Zu Hause sind die Käufer oft enttäuscht, weil das Tier doch nicht so kuschelig ist, wie die Verkäufer versprochen hatten." Als Kuscheltier eignet sich auch jenes Exemplar kaum, das bislang wohl als schwerster Brocken in die Sommerbilanz eingehen dürfte: In Hildesheim entdeckten zwei Mitarbeiter der Stadt ein 80 Zentimeter langes Krokodil in der Innerste, einem Nebenfluss der Leine.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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