Riesending-Rettungsaktion "Extremste Schachthöhle, die ich je betreten habe"

Der Arzt Wolfgang Farkas war einer der ersten Helfer, die in die Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden hinabstiegen, um den verunglückten Forscher Johann Westhauser zu retten. Was erlebte er in der Höhle? Wieso musste er abbrechen?

Getty Images/ Bayerisches Rotes Kreuz

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Farkas, als am Pfingstsonntag der Notruf beim Roten Kreuz einging, wurden Sie als einer der Ersten per Helikopter auf den Untersberg geflogen, um dem verletzten Karlsruher Forscher Johann Westhauser zu helfen. Haben Sie gezögert, den Abstieg in die größte Höhle Deutschlands zu wagen?

Farkas: Keine Sekunde. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren als Höhlenrettungsnotarzt. Gemeinsam mit einem Höhlenkenner und zwei weiteren Höhlenrettern stieg ich ohne Vorbereitungszeit hinab in die Tiefe. Als Notfallmediziner will man immer so schnell wie möglich beim Patienten sein. Jede Sekunde zählt.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie gemerkt, dass eine rasche Rettung in diesem Fall kaum möglich sein wird?

Zur Person
  • Wolfgang Farkas, 41, ist Notfallmediziner und Allgemeinarzt im österreichischen Piesendorf bei Zell am See. Er arbeitet seit über zehn Jahren als Höhlenretter und Flugrettungsnotarzt für das Rote Kreuz Salzburg.
Farkas: Es war schon dunkel, als wir am Sonntag begannen, in die Höhle hinunterzusteigen. Es war mir schnell klar, dass das die extremste Schachthöhle ist, die ich je betreten habe. Die Steilhänge sind zwischen 60 und 180 Meter lang. Auf die eine senkrecht abfallende Felswand folgt gleich die nächste. Zwischendurch jede Menge nicht gesicherte, kraftraubende Kletterpassagen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Erholungspausen oder eine kurze Nachtruhe?

Farkas: Weit nach Mitternacht, nach stundenlangem Abseilen und Entlanghangeln, erreicht man einen Wasserfall. Wenn man hier weitergeht, muss man mindestens bis Biwak drei vordringen, sonst kühlt man wegen Nässe aus. Ich war zu diesem Zeitpunkt 26 Stunden auf den Beinen, weil ich eine Schicht auf dem Rettungshubschrauber hinter mir hatte, und ich war am Ende meiner Kräfte. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich: "Jetzt muss ich umdrehen."

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie da zumindest schon in der Nähe des Verletzten?

Farkas: Leider nein. Nach dem Wasserfall hätten wir noch mindestens drei Stunden mit klatschnasser Kleidung durch enge Canyons klettern und spreizen müssen, um das dritte von insgesamt sechs Biwaks zu erreichen. Dort hätte ich mich dann das erste Mal ausruhen können. Ich kam mir vor wie ein Wanderer, der auf den Mount Everest gebeamt wird. Die Dimensionen der Riesending-Höhle erschlagen einen förmlich. Man ist den Gewalten der Natur hilflos ausgeliefert. Mit dieser Grenzerfahrung hatte ich nicht gerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten ihren Rettungseinsatz aufgeben?

Farkas: Auch für einen Notfallmediziner gilt: Selbstschutz vor Fremdschutz. Als ich merkte, dass ich selber in Lebensgefahr schwebe, war ich mental blockiert.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf?

Farkas: Ich musste an meine Familie denken, die ich gar nicht genau über meinen Einsatz informiert hatte. Wenn ich mich gründlicher auf diese tagelange Expedition im Untergrund hätte vorbereiten können, hätte ich es wahrscheinlich geschafft. Immerhin konnte ich die Arztausrüstung im ersten Biwak für den nächsten Rettungstrupp deponieren. Dort fand ich auch wenige Stunden Schlaf. Dann hangelte ich mich an einem Seil hängend Klimmzug für Klimmzug zurück an die Oberfläche.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange waren Sie für diese relativ kurze Wegstrecke unterwegs?

Farkas: Circa 28 Stunden. Am Dienstag um zwei Uhr nachts war ich wieder oben.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit befinden sich mehr als 200 Helfer im Einsatz, 30 Ehrenamtliche setzen oder erneuern im Riesending Metallstifte, Haken und Seile.

Farkas: Diese Männer riskieren ihr eigenes Leben für ein anderes. Sie haben meinen größten Respekt. Johann Westhauser ist ein absoluter Vollprofi. Sein Unfall war Pech und nicht die Folge von Leichtsinn. Ein Steinschlag kann bei diesen Expeditionen immer vorkommen. Ich ärgere mich sehr über die menschenverachtenden Kommentare im Internet von Leuten, die Rettungsaktionen wie diese für überzogen oder überteuert halten. Jedes einzelne Menschenleben auf dieser Welt zählt.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig im Jahr werden Sie zu Unfällen in Höhlen gerufen?

Farkas: Nur sehr selten. Meistens sind es keine Höhlenforscher, sondern abenteuerlustige Höhlentouristen, die Hilfe benötigen. Hoffentlich steigt diese Zahl in den nächsten Monaten nicht an. Höhlenforschung ist ein imposantes, spezielles Hobby, kein Breitensport.

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Seite 1
michael.t.graf 13.06.2014
1.
Danke für Ihren Einsatz Herr Farkas!
antiextremist 13.06.2014
2. Unverständlicher Aktionismus
Es entspricht zwar dem Drill der Ärzte 24h-Schichten zu schieben. Wenn er wirklich Höhlenrettungs-Notarzt wäre hätte er sich zumindest über die zu veranschlagende Abstiegszeit und den Schwierigkeitsgrad informieren müssen.
brandmeister 13.06.2014
3.
Zitat von antiextremistEs entspricht zwar dem Drill der Ärzte 24h-Schichten zu schieben. Wenn er wirklich Höhlenrettungs-Notarzt wäre hätte er sich zumindest über die zu veranschlagende Abstiegszeit und den Schwierigkeitsgrad informieren müssen.
Wenn man marschiert, marschiert man...
andy100 13.06.2014
4. Dank an Herrn Farkas
@ antiextremist: Sie sind einfach ein überheblicher Dummschwätzer. Mir nötigt der Einsatz eines jeden, der in das Loch steigt, hohen Respekt ab. Zu dem Zeitpunkt, an dem Herr Farkas dort war, war kein anderer höhlenerfahrener Arzt in der Nähe, der Zustand des Verletzten war unklar und man mußte lebensgefährliche Verletzungen annehmen. Er hat völlig richtig gehandelt, auch als er den Einsatz abgebrochen hat um nicht sich und andere zu gefährden.
Deep Thought 13.06.2014
5. ich gehöre NICHT zu den Typen, die hier dumme Kommentare abgaben..
.. sondern zu jenen, die die Helfer als Helden sehen und dem Verunglückten UND allen Rettungsbeteiligten wünschen, daß sie heil zurückkommen. Aber als Mediziner kann ich die (immerhin ansatzweise selbstkritischen) Erklärungsversuche Farkas wirklich nicht nachvollziehen: Die Aussage "Jede Sekunde zählt" ist bei so einem zeitraubendem Unternehmen absurd und eher der Laienpresse zugehörig. Eine Rettungshubschrauber-Schicht von 26 Std dürfte auch eher "ungewöhnlich" sein: Nur ein paar spezielle RTHs fliegen länger als von Morgengrauen bis Einbruch der Dunkelheit - aus Sicherheitsgründen. Wer sich nicht einmal zuvor grob orientierend über die Anforderungen orientiert und selbstkritisch fragt, ob er nicht eher zur Last fällt, als helfen zu können (Übermüdung, technische Fähigkeiten, Erfahrung) , der möge sein Helfersyndrom zügeln und lieber in der 2. oder 3. Reihe helfen, nachdem er geschlafen hat... Auch dort (ausserhalb der großen Bühne des Ruhms) macht man sich bei Rettungen nützlich, jeder dort ist ebenfalls wichtig. Ärzte können eben in manchem von Profi-Piloten lernen: Die eigenen Grenzen erkennen und lieber mal NICHT abheben, sondern "geerdet" bleiben - diese umspektakuläre Selbstdisziplin ist der Stoff, aus dem die sichere Luftfahrt besteht. Und auch gut organisierte Rettungsaktionen. Ich wünsche den beteiligten Menschen weiterhin alles Gute und viel Erfolg!
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