Rettungsteams in Burma: Helfer misstrauen Versprechungen der Junta

Drei Wochen nach der Zyklon-Katastrophe will Burmas Regierung endlich Rettungsteams ins Land lassen. Doch was sind die Zusicherungen wert? Hilfsorganisationen sind skeptisch - für die Opfer kommt es jetzt auf jede Stunde an. Von unserem Reporter aus Rangun

Rangun - Ban Ki Moon? Nein, die Alte schüttelt ratlos den Kopf, den kenne sie nicht. Aber etwas zu essen könne sie gebrauchen, Kleider für die halbnackten Kinder und ein wenig Dachpappe, um die vom Sturm zerstörte Hütte wieder aufzubauen.

Seit drei Wochen haust Daw Nan Aye, 68, mit fünf Kindern und 15 Enkelkindern in einem verwaisten Schulgebäude in Ranguns Kyauktan-Township. Gerade hat es wieder wie aus Kübeln geschüttet, alles steht unter Wasser, und zu essen gibt es auch nichts mehr.

Hüftsteife Generäle neben Kisten von Hilfsgütern

Demnächst muss die magere Henne dran glauben, die zwischen den Kinderbeinen umherflattert. Danach weiß auch Daw Nan Aye nicht mehr, wie es weitergehen soll. Neulich kam sogar ein Vertreter der Schulbehörde und erklärte, sie müssten nun alle die Klassenräume verlassen und sich sonst wohin scheren.

Wie Hohn muss es den Opfern des Zyklon Nargis auch in der dritten Woche nach der Katastrophe vorkommen, wenn sie die Propagandazeitung "New Light of Myanmar" aufschlagen. In der 16-seitigen Postille posieren grün gekleidete Generäle etwas hüftsteif neben Kisten mit Hilfsgütern.

Auf Seite elf findet sich ein kleiner Hinweis auf den Besuch des hochrangigen Uno-Vertreters, aber ganz vorne die Aufforderung zu Misstrauen und Spitzelei: "Lehnt alle fremden Nationen ab, die sich in die internen Belange des Staats einmischen!", "Zerstört als gemeinsamen Feind alle destruktiven internen und von außen kommenden zerstörerischen Elemente."

Dabei sind "destruktive Elemente" derzeit nun wirklich nicht das Problem.

Hilfsorganisationen sind skeptisch

Nun die plötzliche Wende: Burma will seine Grenzen drei Wochen nach dem verheerenden Zyklon für alle ausländischen Helfer öffnen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte nach seinem Treffen mit Juntachef Than Shwe: "Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit ihm. Er hat sich einverstanden erklärt, dass alle Helfer ins Land gelassen werden, unabhängig von ihrer Nationalität." Than Shwe hat demnach auch zugestimmt, dass der Flughafen von Rangun als Plattform für die Verteilung der internationalen Hilfe genutzt wird.

Die Hilfe wird dringend benötigt, denn die Lage im Land ist nach wie vor desaströs: 2,5 Millionen Menschen benötigen Unterstützung, die Zahl der Todesopfer soll bei mehr als 100.000 liegen. Die Ernte ist zerstört. Die Welt will etwas tun, doch bislang war das nicht möglich. Ausländische Helfer durften kaum ins betroffene Gebiet, das Irrawaddy-Delta.

Für ihre bisherige Politik ist die Junta scharf kritisiert worden, und Hilfsorganisationen bleiben auch nach dem Zugeständnis skeptisch. "Die entscheidende Frage ist, ob wir Rangun verlassen dürfen oder nicht", sagte der Sprecher des Welternährungsprogramms, Paul Risley, in Thailand. Viele Details für die nun geplanten Hilfseinsätze seien noch ungeklärt. "Wir sind vorsichtig optimistisch, aber wir müssen sehen, wie es praktisch funktioniert."

Die Hilfsorganisationen begrüßen die angekündigte Öffnung des Landes für ihre Mitarbeiter, sehen darin aber noch keine Kehrtwende: "Wenn es nicht nur ein Gerücht ist, wäre es ein Segen für all die Menschen, die seit fast zwei Wochen auf Hilfe von außen warten", erklärte die Regionalkoordinatorin der Organisation in Rangun, Angela Schwarz. Die Welthungerhilfe bleibe allerdings skeptisch, was die konkrete Umsetzung der angekündigten Öffnung bedeute. Denn auch vor der Katastrophe hätten internationale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie der Welthungerhilfe nur mit Reisegenehmigungen durch das Land fahren dürfen und Fahrten vorher anmelden müssen.

Der Renner auf dem Schwarzmarkt: Katastrophenbilder

Die Menschen in den Armenvierteln am Stadtrand Ranguns bekommen bislang nicht viel mit vom Besuch des Uno-Generalsekretärs, der sich seit Donnerstag in Burma über die Lage informieren will.

Es heißt, er werde mit Helikoptern durch die Luft geflogen. In der Stadt stehen jetzt an den strategisch wichtigen Punkten blaugraue Polizei-Lastwagen, vollbesetzt mit Uniformierten, oder schwarze Audi-Limousinen, durch deren verdunkelte Scheiben Geheimdienstler linsen. Und ab und zu schießt eine Kolonne mit dicken weißen Uno-Toyotas vorbei.

Der Renner auf dem Schwarzmarkt Ranguns sind derzeit DVDs mit Katastrophenbildern. Es sind wackelige Aufnahmen, die zu zeigen kaum ein Fernsehsender wagen würde: von aufgeblähten, schwarzen Wasserleichen mit erstarrten Gliedern.

Die meisten haben im Todeskampf die Arme ausgestreckt, als wollten sie den Sturm umklammern. Sie treiben in Flüssen, liegen in Wasserlachen, auf Reisfeldern, in Hecken. Daneben treiben die Kadaver von Rindern. 500 Kyats kostet eine dieser DVDs, rund 50 Cent. Für viele Burmesen, die rund 30 Dollar im Monat verdienen, ist das ein kleines Vermögen. Und dennoch finden die Bilder reißenden Absatz. Einige Händler behaupten, sie verkauften rund hundert Stück am Tag.

Im Wasser lauern die Gefahren

Für viele Burmesen sind die schockierenden Filme die einzige Möglichkeit zu erfahren, was wirklich geschehen ist. Burma ist ein Land, in dem die Regierung selbst den Zugang zu Internetseiten wie Yahoo verbietet.

"Das größte Problem ist im Moment das Wasser", sagt der Country Director des Uno-Kinderhilfswerks Unicef, Ramesh Sherstka, "wir befürchten Durchfallerkrankungen durch verseuchtes Wasser. Aber auch sonst fehlt es an fast allem: an Zelten, Decken, Nahrungsmitteln."

Nur langsam, tödlich langsam, verbessere sich die Lage. Doch noch immer stürben Menschen. Es seien die Krankheiten, die ihnen zu schaffen machen. Mehr will er nicht verraten. Schließlich muss man sich genau überlegen, was man in diesem Staat sagt.

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