Riesenwelle "Das war die reinste Hölle"

Für die gut 2200 Passagiere war es wie ein Albtraum. Eine mehr als 20 Meter hohe Woge hat das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Dawn" auf der Reise von den Bahamas nach New York getroffen und erheblich beschädigt. Die Passagiere berichten von Chaos und Angst an Bord. Vier Reisende wurden verletzt.


Kreuzfahrtschiff "Dawn": "Das reine Chaos"
AFP

Kreuzfahrtschiff "Dawn": "Das reine Chaos"

Charleston - Mit einem Tag Verspätung ist der fast 300 Meter lange Kreuzfahrer heute in New York ankommen. Das Schiff lief in der Nacht zu Sonntag - einen Tag nach dem Vorfall - außerplanmäßig Charleston im US-Bundesstaat South Carolina an, wo die Schäden repariert wurden. Die Passagiere aus den überschwemmten Kabinen wurden nach Hause geflogen.

Die mehr als 20 Meter hohe Monsterwelle traf die "Norwegian Dawn" vor der Küste Floridas, zerschlug zwei Fenster und überflutete 62 Kabinen. Vier Passagiere erlitten leichte Verletzungen und Prellungen, teilte die Reederei Norwegian Cruise Lines mit.

Als wenigstens sieben Stockwerke hoch beschrieben Augenzeugen die Welle. "Es fühlte sich an, als ob der Bug des Schiffs aus dem Wasser gehoben und dann ins Meer zurückgeschmettert worden wäre", schilderte ein Passagier der "New York Daily News" die bangen Minuten an Bord. "Wir hatten das reine Chaos", klagte ein anderer Mann. Die Wucht des Wassers habe Türen aus den Angeln gehoben. Menschen seien in Panik geraten. Sie zogen die Rettungswesten über und liefen zu den Rettungsbooten. "Überall splitterte Glas. Was nicht festgenagelt war, flog in der Kabine herum", erzählte eine Passagierin. Ihre Hausschuhe seien in kniehohem Wasser an ihrem Bett vorbeigeschwommen.

"Das war die reinste Hölle", berichtete Passagier James Fraley. "Die Welle war 14 Meter hoch und riss Whirlpools über Bord." Fraley, der seine Hochzeitsreise auf der "Dawn" verbrachte, sagte dem Fernsehsender WCBD-TV in Charleston: "Die Leute schliefen in Rettungswesten in den Gängen." Nachdem die Welle das Schiff getroffen hatte, hätten er und seine Frau schnell ihre Verwandten angerufen, weil sie dachten, das Schiff gehe nun unter.

Der Rumpf der "Dawn" sei zwar beschädigt, die Sicherheit des Schiffes aber zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen, erklärte die Reederei Norwegian Cruise Line. Die fast 300 Meter lange "Dawn" musste am Samstag im Hafen von Charleston anlegen, wo die Schäden überprüft werden sollten. Am Sonntag lichtete das Schiff wieder den Anker und brach in Richtung New York auf.

Wie die Riesenwellen entstehen
DER SPIEGEL

Wie die Riesenwellen entstehen

Jeder Passagier erhielt als Entschädigung die Hälfte der Reisekosten zurückerstattetet und einen Gutschein für den halben Ticketpreis einer künftigen Kreuzfahrt. Das Schiff war Sonntag vor einer Woche mit 2500 Passagieren an Bord von New York aus gestartet.

Insgesamt 300 Passagiere hätten sich entschieden, nach dem Vorfall nicht mit dem Schiff die Heimreise anzutreten, sagte eine Reederei-Sprecherin. 100 Reisende seien mit dem Flugzeug zurückgeflogen, der Rest habe eigene Arrangements getroffen.

Die so genannten Monsterwellen ("Freak Waves") kommen nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen häufiger vor als bislang gedacht. Bei einem Forschungsprojekt der Europäischen Weltraumagentur ESA erfassten Satelliten in einem Zeitraum von nur drei Wochen im Frühjahr 2001 nicht weniger als zehn Wellen von mehr als 25 Metern Höhe. Damals wurden im Südatlantik binnen einer Woche gleich zwei Kreuzfahrtschiffe fast Opfer von Monsterwellen. Diese zerschlugen nach Darstellung der ESA bei der deutschen "Bremen" und der britischen "Caledonian Star" die Fenster der Kommandobrücken, die 30 Meter über der Meeresoberfläche lagen. Die Riesenwellen bilden sich besonders häufig dort, wo Wellen auf Meeresströmungen und Wasserwirbel treffen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.