Löcher in Roms Untergrund Es geht abwärts

Eine Straße bricht ein und offenbart ein meterlanges, metertiefes Loch: Alltag in Rom. In atemberaubendem Tempo zerbröselt das Fundament der italienischen Hauptstadt.

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Am 5. April brach die Via Prenestina ein, am 6. die Via Lazzaro Spallanzani, drei Tage später die Via Salaria. Die Rede ist nicht von ein paar weiteren Schlaglöchern, die sich zu den grob geschätzt 50.000 Dellen in den Straßen und Bürgersteigen Roms gesellten, üble Fallen für Fußgänger und Rollerfahrer. Nein, hier taten sich Abgründe auf, richtig große Löcher und Risse im geteerten oder gepflasterten römischen Boden.

Manchmal kommen sie überraschend, mitunter wachsen sie langsam. Man kann gemütlich zuschauen und filmen. So zum Beispiel am 22. März in der Circonvallazione Appia: Ein Riss durchzieht die Straße, Polizei steht davor, auch Schaulustige. Alle sehen zu, wie die Asphaltdecke der Straße schließlich auf etwa drei mal fünf Meter absackt, im Untergrund verschwindet und ein Loch hinterlässt. Sechs Meter tief, sagt die Feuerwehr später. Man erkennt unten den Rest eines gemauerten Pfeilers, drum herum Erde oder Sand - und viel Leere. So sieht es aus im römischen Untergrund.

Und so öffnet sich Italiens Hauptstadt an vielen Stellen. In der Via Pereira brach die Straße auf 40 oder 50 Metern Länge ein und riss sieben Autos mit. Zwei große Wohnblocks am Rand der verschwundenen Straße wurden evakuiert, 20 Familien waren betroffen - und wütend. Einer der Bewohner, ein Rechtsanwalt, hatte auf das sich anbahnende Unheil schon Wochen zuvor bei Polizei und Kommune hingewiesen: ein Riss im Asphalt, der täglich größer wurde, sich stetig neigende Bäume am Straßenrand. Nichts geschah.

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Risse und Löcher in Roms Straßen: Auf Hohlräumen gebaut

Man habe der Stadtverwaltung nur Staub, Rauch, sich biegende Bäume und Geräusche aus dem Untergrund gemeldet, sagte Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi beim Versuch, ihre Verwaltung in Schutz zu nehmen. Von Einsturzgefahr sei nicht die Rede gewesen.

Alle 48 Stunden bricht eine Straße ein

Zwischen 1968 und 2008 gab es durchschnittlich 16 Fälle pro Jahr, in denen sich die Erde auftat. Seither nimmt das Tempo enorm zu, in dem der kommunale Untergrund auf- und wegbricht. 2013 war die Zahl der Vorfälle schon auf 104 gestiegen, statistisch gab es damit alle 84 Stunden ein großes Loch im Boden.

In den ersten drei Monaten dieses Jahres tat sich die römische Erde laut amtlichen Zahlen des Hydrographischen Instituts Ispra schon 44-mal auf, also etwa alle 48 Stunden. Mehr als tausend Hektar Stadtfläche mit rund 250.000 Bewohnern sind demnach von den hydrogeologischen Gefahren betroffen, sagen die Wissenschaftler. Sie haben knapp 400 Stellen identifiziert, an denen Einstürze zu erwarten sind. Manche Ursachen dafür reichen weit zurück, die meisten entspringen der Raffgier heutiger Tage.

Video: Straße in Rom bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe

GIUSEPPE LAMI/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Rom ist nicht nur auf sieben Hügeln erbaut, sondern auch auf unzähligen Hohlräumen - solche, die von frühzeitlichen Naturereignissen herrühren, und von Menschenhand gemachten. Straßen, Häuser, Bäche wurden im Laufe von Jahrhunderten zugeschüttet, um darüber neue Straßen und Häuser zu bauen. Wer heute etwa beim U-Bahn-Bau im Untergrund buddelt, stößt ständig auf deren mitunter intakte Reste: außen gemauert, innen hohl.

Andere graben im Tiefen, um billig, wenn auch verbotenerweise Baumaterial abzuräumen. Sie hinterlassen große leere Räume, füllen sie bestenfalls mit Bauschutt locker auf. Tiefgaragen werden gebaut, legal, halblegal und illegal.

Zudem fließt Wasser in großen Mengen durch die römische Unterwelt. Der Tiber, dessen einstige Überschwemmungszonen zu großen Teilen betoniert und mit Häusern bebaut sind, drückt sein Hochwasser nun eben en masse in den römischen Untergrund.

Dort kann es sich mit dem Trinkwasser vermischen, das gleichermaßen in riesigen Mengen einsickert. Denn auf seinem Weg von der Quelle zum Verbraucher verliert das marode Leitungssystem die Hälfte des Wassers. Dazu kommt Abwasser. Viele Kanäle zum Transport der Brühe sind undicht, aus Ziegel- oder Backsteinen vor langer, langer Zeit gemauert. Roms Untergrund, sagt der Geologe Roberto Troncarelli, sei "nicht stabil". Zusammen mit den Problemen an der Oberfläche ist das eine gefährliche Mischung.

Hauptsache schnell und billig

Was tun? Die Straßen, sagt der Straßenbau-Fachmann Michele Moramarco, müssten "besser gewartet und repariert" werden. Der Belag sei oft schludrig gemacht und viel zu dünn. Wer bei Schäden an unterirdischen Wasser-, Gas- oder Stromleitungen die Straße aufgräbt, füllt sie einfach mit irgendetwas wieder auf. Hauptsache, schnell und billig. Ingenieur Moramarco sagt: "Der erste Regen wäscht das Zeug wieder raus." Das alles müsste kontrolliert und geändert werden.

Zudem fahren viel zu viele und viel zu schwere Lkw und Busse durch Rom, ihre Vibrationen lockern den Untergrund, das Wasser spült ihn raus, die dünne Straßendecke reißt - und wieder tut sich ein neuer Blick in die Tiefe auf.

Etwa eine Milliarde Euro wäre nötig, schätzen Experten, um den Problemen beizukommen. Es bräuchte auch eine ständige Kontrolle und Wartung des labilen Systems unter Italiens Hauptstadt. Solche Anstrengung in einem Land zu erwarten, das nicht einmal in die Prävention von Erdbebenschäden investiert, spottet Geologe Troncarelli, "wäre paradox".

Er hat wohl recht. Roms Stadtverwaltung schafft es derzeit nicht einmal, zwölf kommunale Bauprojekte für insgesamt gerade einmal 78 Millionen Euro anzuschieben. Es klemmt bei den Ausschreibungen. Die sind gesetzlich vorgeschrieben und müssen von öffentlich Bediensteten unentgeltlich, während der Dienstzeit erledigt werden. So will es die kürzlich in Kraft gesetzte Verordnung dazu.

Die Folge: Es finden sich keine Staatsdiener, die bereit wären, die zusätzliche Arbeit und die damit verbundene Verantwortung ohne Gehaltszuschlag zu übernehmen. So bleibt selbst das bisschen, was man tun könnte, einfach liegen.

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Spektakuläre Erdlöcher: Und plötzlich sackt der Boden ab
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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
markus_geser 12.04.2018
1. Pfusch am Bau
... zumindest bei den Bildern 1 und 2: Die Baugruben scheinen durch eine Bohrpfahlwand "gesichert" worden zu sein (oder auch nicht). Aber halt nicht nach den statischen Erfordernissen dimensioniert und rückverankert. Der Erdruck der straßenseitigen Böschung hat die Wand einfach umgedrückt. Da kann der Baugrund in Rom nichts dafür - das würde überall passieren.
nesmo 12.04.2018
2. Das Foto
zeigt aber keinen bröseligen Untergrund, sondern eine Baustellengruben, deren Wände eingebrochen sind, weil sie wohl unsachgemäß erichtet wurden. Das passiert bei Schlamperei und nicht wegen bröseligem Untergrund
demiurg666 12.04.2018
3. Respekt
Ein weiteres Beispiel der hervorragenden Politik in Italien. Und das soll echt noch ein G7-Land sein?
kommentar4711 12.04.2018
4. Spundwand?
Hat man in Rom schon mal von der Erfindung der Spundwand gehört? Wie soll die Straße denn bitte halten, wenn man ohne Absicherung daneben eine Grube gräbt?
varesino 13.04.2018
5. Köln? Da war doch etwas?
Zitat von demiurg666Ein weiteres Beispiel der hervorragenden Politik in Italien. Und das soll echt noch ein G7-Land sein?
Hat da nicht eine U-Bahn-Baugrube das ganze Stadt-Archiv verschlungen?
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