Mädchenprodukte: "Weniger Lillifee, mehr Pippi Langstrumpf"

Ein pinkfarbenes Überraschungsei, beworben mit dem Hinweis "nur für Mädchen"? Eine perfide Strategie, meint Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel. Im Interview wettert sie gegen die Pinkifizierung der Kinderzimmer und warnt vor der "Diktatur von Prinzessin Lillifee".

Mädchenprodukte: Rosa, rosa, rosa sind alle meine Kleider Fotos
Ferrero

Anfang August verbreitete Ferrero eine Mitteilung: Das "Mädchen-Ei" gehe an den Start, es werde "Mädchenherzen höherschlagen lassen". Gut möglich, dass das auf manches Mädchen zutrifft, das Ei löste allerdings auch Emotionen ganz anderer Art aus: Feministinnen protestierten gegen das Ei und seinen Inhalt.

"Ei love rosa? Ei kotz gleich!", kommentierte das Frauenmagazin "Emma" und schlug vor, die Eier mit einem Warnhinweis zu versehen: "Rosa macht Mädchen dümmer." Die Hamburger Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel hält ähnlich viel von Mädchenprodukten. Sie wehrt sich mit einer Kampagne gegen die "Pinkifizierung" durch die Industrie.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schmiedel, Sie haben in Deutschland die Bewegung "Pinkstinks" gegründet - was haben Sie eigentlich gegen die Farbe Rosa?

Schmiedel: Gegen die Farbe habe ich gar nichts. Mein Vater ist ein älterer Herr mit feinem grauen Haar, dem steht Rosa ausgezeichnet. Mir geht es um die Pinkifizierung der Kinderzimmer meiner Töchter. Um das Rollenmodell, das bei Mädchen mit dieser Farbe verkauft wird, und um die Diktatur von Prinzessin Lillifee.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn an dieser zierlichen, glitzernden Fee gefährlich?

Schmiedel: Die Eigenschaften dieser Figur sind nicht gerade das, was ich mir als Vorbilder für meine Kinder wünsche: Prinzessin Lillifee ist nur niedlich, spindeldürr, pudert sich die Nase und hat einen befliegbaren Kleiderschrank. Da wird eine Prägung auf das Äußere festgelegt, die so nicht gesund ist.

SPIEGEL ONLINE: Und das rosa Überraschungsei - "nur für Mädchen"?

Schmiedel: Daran sieht man wunderbar, worum es beim Rosawahn wirklich geht: ums Verkaufen! Der Markt ist doch total gesättigt, es gibt immer weniger Kinder. Also lassen sich die Marketingabteilungen etwas einfallen, schneidern sich eine neue Zielgruppe. Ich verstehe das ja. Nur muss man es als Eltern nicht mitmachen. Und das mit dem Ei ist besonders perfide: In der Schokoladenverpackung steckt nämlich eine weibliche Spielfigur aus Plastik, bei deren Taillenumfang nicht einmal Platz für einen Darm bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen die Figuren aus der gleichnamigen Comicserie "Winx-Club" an.

Schmiedel: Ja, genau, die sind nicht nur krankhaft dünn, sondern posieren und kleiden sich in einer extrem sexualisierten Art und Weise. Stellen Sie sich einmal Super- oder Spiderman mit solchen Köpermerkmalen vor. Das ebnet den Weg für Formate wie "Germany's Next Topmodel", die das Körperbild von jungen Mädchen verändern, das ist durch verschiedene Studien sehr gut belegt. Befragungen von 12- bis 17-Jährigen wie etwa durch das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen zeigen, dass nach dem Konsum solcher Sendungen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steigt. Und das macht die Kinder anfälliger für Essstörungen wie Magersucht und Bulimie.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht normal, dass sich Teenager in ihrem Körper nicht so richtig wohlfühlen?

Schmiedel: Das höre ich oft, aber man kann doch die Frage stellen, ob das in unserer Gesellschaft so sein muss? Wir reden hier ja nicht über ein paar nervige Pickel. Es geht darum, dass sich ganze Generationen von Mädchen als zu dick empfinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wettern auch gegen Bikiniwerbung.

Schmiedel: Aber nicht wegen der nackten Haut - sondern wegen der Blicke. Die Models werden als naive, laszive Lolitas inszeniert, mit diesem unterwürfigen Augenaufschlag. Nehmen sie dagegen die jüngste Wäschekampagne mit David Beckham. Die Botschaft ist für mich: Männer sind selbst in Unterhose noch total selbstbewusst und cool. Und das ist kein angeborenes Phänomen, sondern eine kulturelle Entwicklung. Genauso wie die angeblich weibliche Vorliebe für die Farbe Rosa.

SPIEGEL ONLINE: Bücher wie "Das weibliche Gehirn - warum Frauen anders sind als Männer" von Louann Brizendine wollen uns aber genau das glauben machen: Dass es eben doch Geschlechterunterschiede gibt, die von den Genen vorgegeben sind.

Schmiedel: Ich weiß, solche Bücher und Thesen verkaufen sich in den Medien gut. Aber der aktuellste Stand der Forschung spiegelt das Gegenteil wieder - die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen sind verschwindend gering. Neurobiologen sagen heute ganz klar: Unser Gehirn wird vor allem durch unsere Umwelt geformt. Wenn Sie heute fünfjährige Kinder nach ihrer Lieblingsfarbe fragen...

SPIEGEL ONLINE: ...sind diese schon durch Kindergarten, Fernsehen und Familie intensiv geprägt - und die Mädchen antworten höchstwahrscheinlich wirklich mit Rosa.

Schmiedel: Und das ist kulturgeschichtlich betrachtet ein ziemlicher Sprung. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts galten Rot und Rosa als die Farben der Könige und der Macht und wurden daher traditionell den Jungen zugeordnet. Die Mädchen trugen Blau, die Farbe der Jungfrau Maria.

SPIEGEL ONLINE: Was sollen Eltern Ihrer Meinung nach tun?

Schmiedel: Ich halte wenig davon, etwas strikt zu verbieten und die Kinder damit auszugrenzen. Auch meine Mädchen dürfen Rosa tragen, wenn sie das wollen. Aber ich schenke ihnen lieber Kleidung und Spielzeug, das nicht die gängigen konservativen Männer-Frauen-Klischees befördert. Ganz grundsätzlich meine ich: Weniger Lillifee und dafür mehr Pippi Langstrumpf.

Das Interview führte Simone Kaiser

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insgesamt 101 Beiträge
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1.
vinyl 28.08.2012
Zitat von sysopEin pinkfarbenes Überraschungsei, beworben mit dem Hinweis "nur für Mädchen"? Eine perfide Strategie, meint Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel. Im Interview wettert sie gegen die Pinkifizierung der Kinderzimmer und warnt vor der "Diktatur von Prinzessin Lillifee". Rosa Überraschungsei: Gender-Forscherin gegen Produkte nur für Mädchen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,852318,00.html)
"Pinkstinks" ist aber ein SEHR unglücklich gewählter Name...
2. Für was der Staat alles Geld ausgibt...
kantundco 28.08.2012
Genderforschung. Da kann man ja nur hoffen, dass das Finanzsystem zusammenbricht. Nichts gegen die befragte Dozentin. Sie hat ja grunsätzlich Recht. Aber darüber so ein Aufhebens zu machen, zeugt schon von Dekadenz. Eine ganze Generation von Jungen sind mit hypermännlichen Actionfiguren groß geworden. Sind die nun alle reif für den Psychiater?
3. optional
spon-facebook-10000245671 28.08.2012
ich finde Ronja Räubertochter passt auch gut da rein. Meine Töchter haben bis in ihre spätere Jugned hinein stets auf praktische Jeans und reisfeste Pullis geschworen, zum Entdecken von Natur und Umwelt ideal. Rosa fanden beide immer ziemlich albern. Heute stehen beide mit beiden Beine im Beruf und auf vertreten ihre Meinungen standhaft und aufrichtig auch Jungs gegenüber.
4. Ei kotz gleich ...
VevendoVides 28.08.2012
Bei solchen Artikeln. Lieber Spiegel, was ist nur aus Euch geworden .... Genderismusgleichmacherei? Sicherlich kommt dieser Kommentar nicht durch die Zensur. Daher auch keine Mühe dafür ... Das Mädchen und Jungen allerdings Unterschiede haben, dass(!) wird auch eine Autorin nicht niederschreiben können.
5. Oh wie sehr hat Frau Schmiedel Recht.....!
paul68 28.08.2012
Leider ist es für Eltern wirklich anstrengend, sich gegen diesen Mist zu wehren, ohne die Kinder zu verstören. Wir sind Wessis, die in Ostdeutschland leben und hier ist es besonders krass: als hätte es den Kampf um Gleichberechtigung nie gegeben, werden Positionen der 68er weggeschenkt, als würde es überhaupt keine Genderthematik geben. Das führt dazu, dass es für unsere fümfjährige Tochter unvorstellbar ist, nicht mit Kleidchen oder Rock in den Kindergarten zu gehen, sondern einfach mal Jeans und Pulli anzuziehen. Letztlich die Schuld von uns Eltern, ich weiß, aber mich kotzt das ganze wirklich an.
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    Stevie Schmiedel ist Dozentin für Genderforschung und lehrte zuletzt an der Universität und der Hochschule für Soziale Arbeit in Hamburg. Sie hat zwei Töchter.