Royaler Frust Märchenhochzeit? Alles Quatsch!

Ist die Vermählung von William und Kate das schönste und wichtigste Großereignis auf Erden? Von wegen, meint der Londoner SPIEGEL-Korrespondent Marco Evers: Er empfindet die Trauung als völlig überschätztes Tamtam und das Königshaus Windsor als abstrus undemokratisch. Eine persönliche Abrechnung.

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Das Ganze fühlt sich an wie ein Irrtum der Geschichte.

Es ist falsch, wenn nur eine Familie das Oberhaupt eines Staats stellen darf. Es ist falsch, diese Sippe mit Schlössern, Ländereien und Apanagen auszustatten, damit jeder der Ihren vor Arbeit bewahrt bleibe und im Luxus lebe. Es ist falsch, den Windsors und von Freitag an auch der reizenden Kate Middleton zu huldigen als "Eure Königliche Hoheit" oder gar als "Eure Majestät". Falsch, sie als etwas anderes zu sehen denn als Menschen aus Fleisch und Blut, wie du und ich.

Das wissen auch Millionen Briten. Der "Guardian" will die Kronenträger abschaffen, ebenso der "Economist" und der "Independent". Viele Professoren, Regisseure, Schriftsteller, Schauspieler und Politiker wünschen sich eine Republik - aber sie bleiben in Großbritannien eine Minderheit mit einem seit Jahren konstanten Anteil von etwa 18 Prozent.

Cherie Blair, die schwierige Frau des damaligen Premiers Tony, hat sich einst geweigert, im Angesicht der alten Mrs. Elizabeth Windsor den unterwürfigen Hofknicks aufzuführen, doch die große Mehrheit der Briten tut das gern, das und noch viel mehr, for Queen and Country. Die Windsors sind das teuerste Königshaus Europas, sie liegen dem Volk schwer auf der Tasche - doch das Volk zahlt, ohne zu murren, solange zumindest Elizabeth lebt.

Alle Schwäne, Wale und Störe gehören der Queen allein

Aber Großbritannien ist ja auch ein seltsames Land. Hier gibt es keine niedergeschriebene Verfassung, aber ein rigides Klassensystem. Die Juristen tragen Perücken vor Gericht. Bürger gibt es nicht, nur Untertanen. Alle Schwäne, alle Wale und alle Störe gehören von Rechts wegen der Queen ganz allein, aber es gibt keine britische Fußball-Nationalmannschaft.

Und wenn die Queen einen Untertanen mit einem Verdienstorden bedenkt, dann darf der sich fortan stolz "Officer" oder gar "Commander of the Order of the British Empire" nennen. Nur denkt er besser nicht darüber nach, was das eigentlich noch sein soll. Vieles in diesem Reich wirkt mindestens so angejahrt wie die Londoner U-Bahn.

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William und Kate: Lovestory Royal
In Afghanistan kämpfen Briten gerade für Demokratie. In Libyen auch, ebenso zuvor im Irak. Nur daheim verteidigen sie die abstrus undemokratische Idee, dass allein ein Windsor Staatsoberhaupt werden kann. Sobald Elizabeth, 85, das Zeitliche segnet, besteigt der vom Warten zermürbte Charles, 62, den Thron - obwohl die Mehrheit der Briten in Umfragen sagt, dass sie den brütenden Esoteriker da nicht sehen will.

Das Tamtam um die Hochzeit von William und Kate ist nur die Zuspitzung der britischen Seltsamkeit - der jetzt aber auch noch ein großer Teil der Welt zu erliegen scheint.

Ja, die Kutschen in Gold und Samt sehen schön aus, die Schleppe der Braut wird beachtlich sein, und Westminster Abbey ist eine hübsche Traukirche. Aber ist der ganze Rummel angemessen? Mehr als 10.000 Journalisten fallen in London ein. ARD, ZDF, Sat.1, RTL, n-tv und N24 werden am Freitag kaum noch etwas anderes senden. Auch SPIEGEL ONLINE berichtet mit Liveticker und Livestream über die Hochzeit. Alle tun so, als sei dieses Spektakel das Wichtigste und Schönste auf Erden.

Heiraten, wie Palast, Protokoll und Oma es verlangen

Dabei ist das Interesse vor Ort immerhin so gering, dass die Hotels in der Londoner Innenstadt am Freitag trotz attraktiver Rabattpreise nicht voll werden. Die meisten der ansonsten monarchiefreundlichen Briten sagen, dass ihnen die Hochzeit der Nummer zwei in der Thronfolge relativ egal ist. Nur ein Drittel will die Show im Fernsehen verfolgen. Und nach historischen Standards wollen nur wenige Briten auf den traditionellen Straßenfesten feiern, die vor allem in konservativen Gegenden stattfinden.

Millionen Untertanen sind bereits geflohen. Sie haben sich schon vor Ostern per Billigflieger ins Ausland abgesetzt und liegen jetzt an den Stränden der Türkei, Zyperns, Ägyptens und auch der Karibik. Dort ist das Wetter garantiert besser als in London, wo am Freitag wieder heftiger Regen erwartet wird.

Großbritannien steckt noch in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Eigentlich müssten gerade jetzt alle die Ärmel hochkrempeln, um gemeinsam die Gefahr abzuwenden. Aber stattdessen sperrt die Regierung alle Schulen, Banken, Büros, Ämter und Fabriken zu - und das nur, weil sich der Erbe des Thronerben verehelicht. Die Folge des Extra-Feiertags: Höhere Umsätze in den Pubs, aber volkswirtschaftlich ein Milliardenschaden.

Die Trauung von William und Kate ist in Wahrheit ein bedauerliches Schauspiel. Zwei junge Leute heiraten nicht, wie es ihnen gefällt, sondern so, wie Palast, Protokoll und Oma das verlangen.

Wie in den fünfziger Jahren - nur schlimmer

William, 28, kennt das, er ist den Kummer seit Geburt gewohnt. Aber für Kate, 29, endet an diesem Tag die Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben. Für ihre Eltern wird es ein bisschen so sein, als würde ihre Tochter sterben. Sie ist keine der Ihren mehr, sondern ein entrücktes, ein aristokratisches Wesen, unerreichbar für das gemeinsame Abendessen zwischendurch.

Märchenhochzeit? Von wegen!

Anwesend in Westminster Abbey sind manche Freunde und manche Familienmitglieder, vor allem aber sind dort Fremde und dazu Widerlinge. König Mswati, 13fach verheirateter Despot des bitterarmen Swasiland, reist mit einem Gefolge von 50 Leuten an. Auch arabische Potentaten sind geladen, manche von ihnen lassen gerade auf Demonstranten in ihren Straßen schießen. Wer will schon in solcher Gesellschaft heiraten?

Das halbe britische Kabinett kommt, der Oppositionsführer, der den offiziellen Titel "The Leader of her Majesty's Loyal Opposition" trägt, auch der frühere konservative Premier John Major. Nicht eingeladen aber sind die beiden letzten Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown. Ist das die Strafe für die falsche Haltung zur Fuchsjagd? Was hat der autokratische Sultan von Brunei, der willkommen ist, diesen beiden voraus, die immerhin an der Spitze einer demokratisch legitimierten britischen Regierung standen?

Alle Welt wartet darauf, das Hochzeitskleid von Kate zu bestaunen. Dessen Designer wird sich vor Aufträgen kaum noch retten können. Aber die Trägerin des Kleids sieht einer Zukunft entgegen, die für eine intelligente Frau im 21. Jahrhundert nicht wirklich wünschenswert sein kann. Kate hat nur noch drei Aufgaben im Leben: dem Ehemann dienen, gut aussehen, Kinder kriegen, vorzugsweise Söhne. Ansonsten: Klappe halten.

Es ist wie in den fünfziger Jahren - nur alles noch viel schlimmer, denn weiterhin muss sie vor der Oma und anderen höherrangigen Mitgliedern der angeheirateten Familie den Knicks machen und allerlei anderen Firlefanz über sich ergehen lassen.

Das Ganze fühlt sich nicht nur an wie ein Irrtum der Geschichte. Es ist ein Witz.

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insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
crocodil 27.04.2011
1. Hochzeit
..na, bringt doch was wieder für die Presse für die nächsten Jahre. Kate wird ja dann wohl Diana ersetzen und auch "Königin der Herzen" werden
AxelSchudak 27.04.2011
2.
Wer es mag, soll den beiden beim heiraten zusehen. Who cares? Ich schreibe stattdessen lieber belanglose Kommentare in Online-Foren, damit ist meine Zeit sinnvoller angelegt (wenn auch nicht sehr).
Phil2302 27.04.2011
3. Mich interessiert es auch nicht
und über die 2 Milliarden erwarteten Fernsehzuschauer kann ich nur lachen.
forumgehts? 27.04.2011
4. Abrechnungen
Zitat von sysopIst die Vermählung von William und Kate das Schönste und Wichtigste auf Erden?*Von wegen, meint SPIEGEL-Korrespondent Marco Evers: Er sieht die Trauung als völlig überschätztes Tamtam und das Königshaus Windsor als abstrus undemokratische Idee. Eine persönliche Abrechnung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,759100,00.html
Der Mann hat nichts begriffen, falls sein Artikel ernst gemeint ist. Schade, dass abschliessend in GB keine gesamtwirtschaftliche Kosten/Nutzenrechnung aufgemacht wird. Dann erst sollte er seine persönliche Abrechnung schreiben.
jenzy 27.04.2011
5. schlimm!
dieses verhalten gegenüber sogenannten "hochwohlgeborenen" ist mit rationalem denken nicht nachvollziehbar. der wunsch und die freude, schmarotzern die taschen zu füllen und ein leben in saus und braus zu ermöglichen ist krank. auch in deutschland wünschen sich abertausende das ein zu guttenberg in seiner güldenen kutsche durchs dorf fährt und vielleicht dem hochgehobenen nachwuchs den kopf tätschelt. ein trauerspiel!
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