London - Thomas Bach wirkte angefressen. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) zeigte sich verärgert über Aussagen von Politikern, die die Darstellung der deutschen Mannschaftsleitung in London im Fall Nadja Drygalla bezweifelt hatten. "Ich bin nicht nur verwundert, sondern erbost über Äußerungen aus der Politik in Deutschland, die sagen, dies sei bekannt gewesen", sagte Bach während einer Pressekonferenz im Deutschen Haus. Er verurteilte diese Vorwürfe als "inakzeptables Vorgehen" und fragte: "Warum haben sie uns das nicht gesagt, wenn sie davon gewusst oder als sie davon erfahren haben?"
Ruderin Drygalla soll mit Michael Fischer liiert sein, der im Vorjahr in Rostock als Direktkandidat der rechtsextremen NPD zur Landtagswahl angetreten war. Die Athletin war nach einem langen Gespräch mit der Mannschaftsleitung aus dem olympischen Dorf abgereist. Vermutungen aus der Politik, der DOSB sei über das persönliche Umfeld der 23-Jährigen schon seit längerem informiert, wies Bach zurück.
Paus Anschuldigungen lassen sich bislang nicht bestätigen. Drygalla selbst hat sich nicht geäußert. Erkenntnisse über eine eigene rechtsextreme Gesinnung der Athletin - unabhängig von ihrer angeblichen Beziehung - gibt es derzeit nicht.
"Für mich war das auch überraschend"
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wusste das Schweriner Innenministerium seit dem Frühjahr 2011, dass Drygalla mit Fischer liiert sein soll. Minister Lorenz Caffier (CDU) wies aber darauf hin, dass für die Entsendung der Athleten der Sportverband zuständig sei und man den Landessportbund und den Landesruderverband informiert habe. Der Landessportbund hat das bestritten.
Michael Vesper, Chef de Mission des deutschen Teams, und Ruder-Präsident Siegfried Kaidel hatten am Freitag versichert, erst tags zuvor von den Gerüchten um Drygallas Umfeld gehört zu haben. Ich persönlich habe am Donnerstag zwischen zwölf und ein Uhr davon erfahren. Für mich war das auch überraschend. Für mich gab es aus der Mannschaft keinerlei Hinweise", sagte Kaidel am Samstag.
"Mit wem sie befreundet ist, ist ihre persönliche Sache, so lange sie nicht in Erscheinung tritt. Für uns ist sie sauber, so Kaidel, der nach der Rückkehr aus London das Gespräch mit der 23-Jährigen suchen will. "Ich habe persönlich mit ihr noch nicht sprechen können. Ich möchte mir selber ein Bild machen."
Die Beziehung der Olympia-Ruderin war ihrem Landesverband nach eigenen Angaben seit Jahren bekannt. Der Vorsitzende des Landesruderverbands Mecklenburg- Vorpommern, Hans Sennewald, sagte, dies sei nicht offiziell dem Deutschen Ruderverband mitgeteilt worden. "Es hat aber Gespräche am Rande gegeben. Wenn der Deutsche Ruderverband jetzt von dem Thema überrascht worden ist, kann ich das nicht kommentieren."
"Nie durch rechtsradikales Gedankengut aufgefallen"
Für Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, besteht Aufklärungsbedarf. Die Politikerin hält es für kaum vorstellbar, dass sowohl der DOSB als auch der Deutsche Ruderverband nichts von dem Fall gewusst haben wollen. Der Sportausschuss werde sich "vermutlich noch im September" damit befassen, sagte Freitag im Deutschlandfunk.
Bei der traditionellen Sitzung zur Nachbetrachtung der Olympischen Spiele würden sich die Sportfachleute der Fraktionen zwangsläufig auch mit dem Fall Drygalla beschäftigen. Sie werde dabei empfehlen, die Sitzung öffentlich zugänglich zu machen, rechne aber mit Widerstand der schwarz-gelben Koalition, so Freitag. Sie sei schockiert angesichts der Berichte. Es müsse nun aufgeklärt werden, "wer wann was gewusst" habe. Es stellten sich in dem Zusammenhang eine Menge Fragen. Zwar dürfe es keine Sippenhaft geben, aber einen solch gravierenden Vorwurf hätte sie "gerne im Vorfeld" der Olympischen Spiele geklärt gehabt.
Drygalla erhielt unterdessen Rückendeckung vom Vorsitzenden ihres Heimatclubs. "Nadja ist bei uns nie durch rechtsradikales Gedankengut aufgefallen. Ich finde es erbärmlich, dass ein junges Mädchen in Sippenhaft genommen wird", sagte der Vorsitzende des ORC Rostock, Walter Arnold, dem "Focus". Arnold befürchtet, dass damit die sportliche Karriere der Ruderin beendet sein könnte.
Drygalla habe sich offen von rechtsextremem Gedankengut distanziert, sagte auch Sennewald. "Sie hat immer wieder betont, dass sie die politischen Überzeugungen von Michael Fischer nicht teilt." Nach ihrer Abreise aus London sei Drygalla "am Boden zerstört", berichtete Sennewald aus einem Gespräch mit der Ruderin vom Samstagmorgen.
wit/sid/AFP/dpa
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