Ruderin Nadja Drygalla: In Sippenhaft

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Die Ruderin Nadja Drygalla hat das deutsche Quartier in London verlassen - weil sie mit ihren privaten Kontakten nicht für Unruhe sorgen wollte. Dabei ist ihre angebliche Beziehung zu einem Mann aus der Neonazi-Szene lange bekannt. Wie politisch darf das Privatleben einer Athletin sein?

Deutsche Ruderin: Der Fall Drygalla Fotos
Polizei Mecklenburg-Vorpommern

Es war ein strahlender Tag Mitte Juli, als Lorenz Caffier zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren neben Nadja Drygalla posierte. Die Lässigkeit auf diesem Foto wirkt gestellt, Drygalla und die anderen Sportler tragen ihre Olympia-Kleidung, rosa-weiß karierte Blusen. Die Ruderin steht etwas schüchtern da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Lorenz Caffier, der Innenminister, und sein Kollege, Ministerpräsident Erwin Sellering, lächeln bedeutungsschwer: Mecklenburg-Vorpommern verabschiedet seine Olympia-Teilnehmer; feierlich, wie die "Ostsee-Zeitung" später betont.

"Sie alle sind jetzt Repräsentanten Mecklenburg-Vorpommerns und ich bin überzeugt, dass Sie unser Bundesland exzellent vertreten werden", sagt Sellering, der SPD-Politiker.

"Jeder einzelne von Ihnen hat bewiesen, dass man mit hartem Training und Ausdauer seine persönlichen Ziele erreichen kann", sagt Caffier, der CDU-Politiker.

Caffier hatte schon einmal neben Drygalla posiert, er war schon einmal mächtig stolz auf sie: Im Sommer 2008 gab es einen Fototermin mit der neu gegründeten Sportfördergruppe der Landespolizei. Das Foto entstand für das "Polizei-Journal", es schaffte es bis auf den Titel. Nadja Drygalla wurde interviewt, sie sagte: "Mir bieten sich zukünftig Perspektiven, um die mich manch andere Leistungssportler in Deutschland beneiden. Nach Beendigung meiner sportlichen Laufbahn habe ich auch eine berufliche Zukunft."

Antrag auf Entlassung

Ziemlich genau drei Jahre später gab es nur noch eine Karriere im Sport, keine bei der Polizei. Zum 30. September 2011 quittierte Drygalla ihren Dienst, vier Monate vor Abschluss der Ausbildung. Nun, ziemlich genau vier Jahre später, reiste sie vor dem Ende der Spiele aus dem Olympia-Quartier ab.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wusste das Schweriner Innenministerium seit dem Frühjahr 2011, dass Drygalla mit Michael Fischer liiert sein soll. Er gilt als einer der führenden Neonazi-Köpfe in Mecklenburg-Vorpommern, 2011 kandidierte er für die NPD. Innenminister Caffier spricht etwas verklausuliert von Personen in ihrem Bekanntenkreis, die der "offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind". Fischer, von Freunden "Fischling" genannt, intensivierte 2011 seine Aktivitäten: Er meldete Demonstrationen an, lud bekannte Neonazis zu Vorträgen ein. Man soll auf Drygalla eingewirkt haben, zum 30. September einen Antrag auf Entlassung zu stellen.

Caffier könnte also um die angeblichen Kontakte gewusst haben, als er Drygalla und die anderen Sportler aus Mecklenburg-Vorpommern verabschiedete. Drygalla saß in London im Achter, das Boot schied im Hoffnungslauf aus, weitere Starts waren nicht vorgesehen. Freitagfrüh wurde bekannt, dass Drygalla vorzeitig aus dem deutschen Quartier in London abgereist war. Aus der sportlichen Randnotiz war ein sportpolitischer Eklat geworden.

Sie habe die anderen Athleten nicht mit ihren Kontakten belasten wollen, sagte Michael Vesper, Chef de Mission, zur Begründung. Die Athletin selbst hat sich nicht dazu geäußert. Für eine Stellungnahme war Drygalla weder telefonisch noch per E-Mail zu erreichen.

Erfolge bei Junioren-WM 2006

Dass die 23-Jährige und Fischer seit längerem ein Paar sein sollen, bestätigen mehrere Quellen unabhängig voneinander. Fischer gilt laut vielen Beobachtern, etwa der Opferberatung Lobbi, der Partei Die Linke oder der Organisation Endstation Rechts, als Kopf der Kameradschaft Nationale Sozialisten Rostock und geriert sich als Anführer der Kameradschaftsszene. Im Verfassungsschutzbericht 2010 heißt es, die Nationalen Sozialisten Rostock seien für die Aktivitäten der neonazistischen Szene in Rostock prägend. Bei der Landtagswahl 2011 war Fischer im Wahlkreis Rostock IV Direktkandidat der NPD. Er kam auf 3,9 Prozent der Stimmen.

Drygalla und Fischer kennen sich seit Jahren. Auch Fischer betrieb in seiner Jugend Rudern als Leistungssport. Im August 2006 war er bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Amsterdam Schlagmann im Achter. An den Wettbewerben nahm auch Drygalla teil, ebenfalls im Achter.

Die mutmaßliche Beziehung der beiden wurde 2011 bekannt. Fischer hatte an der Uni Rostock ein Studium "Wirtschaft, Gesellschaft, Recht - Good Governance" begonnen, die Antifa machte seine Kontakte in die rechte Szene öffentlich. Auf einschlägigen rechtsextremen Internetseiten sei die Beziehung kontrovers diskutiert worden, sagt Günther Hoffmann von der Initiative Demokratisches Ostvorpommern, der seit Jahren die rechtsextreme Szene in der Gegend beobachtet. "Man hat Fischer misstraut, weil Drygalla Polizistin war." Das Titelbild des "Polizei-Journals" soll damals herumgereicht worden sein.

Belege, dass die Ruderin selbst der Gesinnung ihres angeblichen Lebensgefährten folgt, finden sich nicht. Warum musste sie abreisen?

Sollte sie sich nach ihrer Entlassung aus dem Polizeidienst nicht ausreichend von den Aktivitäten ihres angeblichen Lebensgefährten distanziert haben, wie konnte sie dann überhaupt in den Olympiakader aufgenommen werden? Und wenn sie sich damals deutlich genug distanzierte, warum wurde sie dann bei den Spielen ein zweites Mal zur Rechenschaft gezogen für die Gesinnung des Bekannten?

Michael Vesper hat am Donnerstagabend anderthalb Stunden mit Drygalla gesprochen. Sie habe sich zweifelsfrei von rechtem Gedankengut distanziert, sagte er später. Die Frage bleibt: Warum musste sie abreisen? Sippenhaft gibt es nicht in Deutschland, eigentlich.

Klar ist indes, dass die Verantwortlichen vor allem bemüht sind, sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. Caffier bestätigt, dass das Innenministerium schon 2011 von Drygallas Beziehung wusste, wies aber darauf hin, dass für die Entsendung der Athleten der Sportverband zuständig sei und man den Landessportbund und den Landesruderverband informiert habe. Der Landessportbund hat das bestritten.

Sellering will als Ministerpräsident von nichts gewusst haben. Er sei überrascht wie alle anderen auch. Der Deutsche Olympische Sportbund will erst am Donnerstag von den Vorwürfen erfahren haben. Der Landesruderverband sieht keine zwingende Notwendigkeit, über eine Entlassung überhaupt informiert zu werden - wegen des Datenschutzes. Und überhaupt, heißt es dort, erlaubten die föderalen Strukturen im Hochleistungssport kaum einen Überblick. Das wiederum scheint sehr glaubhaft.

Drygallas Karriere bei der Polizei ist beendet. Der DOSB wird sich gut überlegen, ob er die Athletin nochmals nominiert, schon allein aus PR-Gründen. Im Interview mit dem "Polizei-Journal" von 2008 sagte sie: "Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012 wäre wahrlich ein Traum."

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