Rudolph Moshammer Bayerns schillerndster Popstar

Rudolph Moshammer war eine Kunstfigur, affektiert, bunt, mit stetem Drang zum großen Auftritt. Der Modemacher strickte selbst am eifrigsten an seiner eigenen Legende - und war darin gefangen.

Von und Joachim Kronsbein


Rudolph Moshammer: "Ich wollte über Nacht bekannt werden"
DDP

Rudolph Moshammer: "Ich wollte über Nacht bekannt werden"

München - Mit seinem schrillen Outfit, der schwarzgelackten Haartracht im Stile Ludwigs II. und seiner näselnd-affektierten, pralinée-bayerischen Sprechweise (es klang, als habe er jedes Wort einzeln aus den Auslagen der Feinkostläden Käfer oder Dallmayr herausreichen und in Zellophanhülle verpacken lassen) wirkte er im 21. Jahrhundert wie der Parade-Paradiesvogel aus einer untergegangenen Zeit. Einer Zeit, in der ein bunter Hund alles sein durfte, nur nicht offen schwul.

Rudolph Moshammer, der sich nicht dagegen wehrte, Modezar genannt zu werden, war eine Selbst-Erfindung aus dem München der sechziger Jahre - aus einer Zeit, in der diese Stadt schwerelos zu sein schien. Wenigstens ein paar Sommer lang war im Süden Deutschlands eine schöne, nie wieder erreichte Leichtigkeit des Seins ausgebrochen. In der konnte sich einer wie Moshammer mit imponierender Frechheit seine Identität erfinden: eine Kunstfigur, über die bald halb Deutschland den Kopf schüttelte - mitunter leicht indigniert, aber meist auch staunend amüsiert.

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Moshammers Leben in Bildern: Mode, Mama und Daisy

Als Moshammer seine Boutique auf Münchens teurer Vanity-Meile, der Maximilianstraße, Ende der sechziger Jahre eröffnete, hatte er ein Hauptanliegen: "Ich wollte über Nacht bekannt werden", berichtete er. Also engagierte er für die Eröffnung seines Geschäfts einen in der Zeitung zufällig angebotenen zahmen Geparden. Er ließ sich mit dem Tier fotografieren und gehörte seitdem zum Stammpersonal der Münchner Klatschkolumnen.

Seine Kreationen - auffällig, glamourös, ein bisschen grotesk und vor allem teuer - waren wie geschaffen für die Selbstdarsteller der Boom-Jahre. Und Mosi, wie ihn alle nannten, war sein eigener bester Dressman. Aber bei aller Liebe zum Moshammer-Style - sollte er den ihm nachgesagten Ehrgeiz, als deutscher Nino Cerruti Anerkennung zu finden, je tatsächlich gehabt haben, so hat ihm das die Mama Else hoffentlich flugs ausgeredet: Pfui und geh weiter, Bub!

Moshammer wurde sein eigener Legenden-Schöpfer. Großvater und Vater, so verbreitete er gern, hätten an hohen und höchsten Stellen im Versicherungswesen gewirkt, was sich bei Nachfragen bei den betreffenden Unternehmen als reines Wunschdenken entpuppte. Aber gut erfunden ist auch fast wahr - und so nahm niemand Mosi wirklich übel, dass er, auch auf die selbsterschaffene Biografie bezogen, immer mehr im Schaufenster zu haben schien als im Laden selbst. Großmannssucht wirkte bei ihm sympathisch. Er war ein Clown der Eitelkeiten, aber kein Narr. Und so zelebrierte er große Auftritte in Salzburg und Bayreuth - früher mit Mutter Else, später nur noch mit Hündchen Daisy - und schien doch zu wissen, dass er zur wirklich feinen Gesellschaft nicht dazugehörte. Deshalb konnte er in seiner späten Werbekarriere auch unbeschadet den arroganten Lackaffen geben: Jeder spürte, dass es eine Rolle war, so lustig wie tragisch.

Moshammer war ein Münchner Gewächs von bizarrer Eigenheit, wie es sie im Grunde nur in den Fiktionen von Film und Fernsehen gibt: Sein Leben war das einer "Kir Royal"-Figur - und noch die Umstände, in denen man seinen Leichnam auffand, sind bigger than life: Sie erinnern fatal an die Rituale eines "Derrick"-Krimis aus Münchens besseren Vororten.

Hat ihn sein Ruhm glücklich gemacht? Wo immer er auftauchte wie eine Geistererscheinung, musste man sich Moshammer seit je als einsamen Menschen denken. Kein unbedingt schöner, aber ein schillernder Gefangener - festgezurrt im Gespinst seiner gelungensten Kreation: dem Kunstgeschöpf Rudolph Moshammer.



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