Katholische Hardliner: Bruderkuss von Papst und Piusbrüdern

Aus Rom berichtet Peter Wensierski  

Die katholische Kirche steht unmittelbar vor einem brisanten Schritt: Die Wiedervereinigung mit den seit 1988 abtrünnigen Piusbrüdern. Der Vatikan und die traditionalistische Bruderschaft haben sich auf Modalitäten einer Aufhebung der Spaltung geeinigt.

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Papst Benedikt XVI.: Bedingungen zur Wiedervereinigung mit der Bruderschaft erfüllt

Offiziell hat sich Vatikan-Sprecher Federico Lombardi noch nicht zu einer möglichen Wiedervereinigung mit den umstrittenen Piusbrüdern geäußert. Man sichte die vorliegenden Dokumente, hieß es am Mittwoch. Doch aus der Schweizer Zentrale der Bruderschaft in Menzingen bei Zürich hat der Generalobere Bernard Fellay bereits die lehrmäßige Präambel zurückgeschickt, die ihm der Vatikan im vergangenem September zur Zustimmung vorgelegt hatte. Mit einigen kleinen Änderungen.

Einmal ging das Schreiben im direkten Umfeld des Papstes ein, ein zweites Mal auf dem Dienstweg an die zuständige Glaubenskongregation. Nun ist der Vatikan am Zug. Mit einer öffentlichen Erklärung wird in Kürze gerechnet. Die Bruderschaft hat die Bedingungen zur Wiedervereinigung damit aber erfüllt.

Fellay selbst betonte in einem Schreiben an seine Priester, dass man bei der Aussöhnung mit dem Papst zu "keinerlei Abstrichen in Fragen des Glaubens", der Liturgie, der Sakramente und der Moral bereit sei. Seiner Bruderschaft müsste "Freiheit und Aktionsautonomie" eingeräumt werden.

Umgekehrt fordern die Piusbrüder von der Kirche nun nicht mehr die Abwendung vom Zweiten Vatikanischen Konzil, dessen Reformgeist sie die Schuld am Niedergang der katholischen Kirche geben. Die Unterschrift bedeute gleichwohl kein Ende "der legitimen Diskussion, der Studien und der theologischen Erklärung von einzelnen Ausdrücken oder Formulierungen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil enthalten sind", so die Einschränkung.

Sonderstatus für die Piusbrüder?

Im Vatikan muss nun an den Details und einem Zeitplan zur Eingliederung der Bruderschaft gearbeitet werden. Kirchenrechtlich kann die Piusbruderschaft nicht als Personalprälatur eingestuft werden, als ein direkt dem Papst unterstellter Priesterverband. Dies wurde bisher nur dem Opus Dei gewährt. Wahrscheinlicher ist, dass ein Sonderstatus neu geschaffen wird.

Möglicherweise muss zu diesem Zweck sogar das Kirchenrecht von 1917 zur Regelung der inneren Belange zur Anwendung kommen. Damit würde die Bruderschaft den jetzt gültigen Codex von 1983 umgehen, der das Zweite Vatikanische Konzil quasi juristisch verbindlich macht.

Bei liberalen Katholiken wird die Wiedervereinigung Unruhe und Sorge verursachen. Erste Unmutsäußerungen wurden in Blogs und Foren bereits laut. Der Pontifex habe wohlwollende kritische Geister in der Kirche kaltgestellt oder herausgeworfen wie den Theologen Hans Küng, so der Vorwurf. So verweigere der Papst trotz des immensen Problemdrucks etwa der österreichischen Pfarrerinitiative den Dialog. Die hatte in einem von Hunderten Geistlichen unterzeichneten Schreiben zum Ungehorsam aufgefordert. Stattdessen suche Papst Benedikt XVI. die Einheit mit den Traditionalisten.

Sogar ein alter Kollege aus Tübingen schrieb jetzt aus den USA einen offenen Brief an "Dear Joe", also an Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Der Theologieprofessor Len Swidler, der einst mit Ratzinger in Tübingen lehrte, verbindet mit dem Konzil noch immer den dringend notwendigen Reformgeist in der Kirche und mahnt seinen Ex-Kollegen: "Joe, ich bitte Dich dringend zu deinen reformorientierten Ursprüngen zurückzukehren."

Aber auch Pius-Chef Fellay muss mit Kritik und Widerstand aus den eigenen Reihen rechnen. Sogar unter den vom Gründer Marcel Lefebvre zusammen mit Fellay geweihten Bischöfen, dem Holocaustleugner Richard Williamson, dem Franzosen Bernard Tissier de Mallerais und dem Spanier Alfonso de Galarreta. Insbesondere de Mallerais ist ein Hardliner und Gegner eines Zusammengehens mit dem Papst. Er hat in der Vergangenheit sogar schon damit gedroht, im Falle einer Aussöhnung mit Rom, auf eigene Faust neue Bischöfe zu weihen, um eine von Rom getrennte noch fundamentalistischere Piusbruderschaft weiterzuführen.

Ein Vertreter der Bruderschaft in Rom sagte SPIEGEL ONLINE, Spekulationen darüber, dass ein Viertel der Bruderschaft eine Wiedervereinigung nicht mitmache, seien falsch: "Ich erwarte keine Spaltung der Bruderschaft. Wenn ein Bischof wie Richard Williamson und 20 Getreue gingen, wären das ein Prozent von uns, das tut nicht weh, das können wir verkraften."

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