Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Ende des Monats, am 28. Februar Punkt 20 Uhr, gibt Papst Benedikt XVI. sein Pontifikat ab. Die Nachricht überraschte Gläubige und Priester in aller Welt. Von einem "Blitz aus heiterem Himmel" sprach etwa der Dekan der katholischen Kirche, Angelo Sodano.
Auch weltliche Regenten waren zunächst sprachlos. "Eine bewegende Meldung", sagte der Berliner Regierungssprecher Steffen Seibert. Er bat um "Zeit für eigene Recherchen", ehe er im Namen der Regierung dem Papst "Respekt für die Entscheidung" und für "seine Lebensleistung" aussprach. Selbst Radio Vatikan war so überrumpelt, dass der Sender das Datum verwechselte und den Rücktritt zunächst auf den vergangenen Freitag datierte. "Wir sind nicht mehr Papst", sagte ein Moderator des Deutschlandfunks und formulierte damit wohl, etwas flapsig, die Gefühlslage vieler seiner Landsleute.
Auf seine ganz eigene Art hatte der 85-jährige Joseph Ratzinger heute Morgen seinen Rücktritt bekanntgegeben. In lateinischer Sprache, während einer Massenheiligsprechung von 800 Märtyrern und zwei Ordensgründerinnen, wandte er sich an seine "lieben Mitbrüder" und bat um Verständnis, "dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben".
"Er hat sehr gelitten"
Aber es war wohl auch die Erkenntnis, dass Benedikt XVI. die Verwaltung seines Kirchenreichs schon lange nicht mehr im Griff hatte. In der Vatileaks-Affäre kündeten immer neue über die Vatikan-Mauern geschmuggelte Briefe und Geheimdokumente von Intrigen und Machtkämpfen unter den Kardinälen. Der Kirchengelehrte Joseph Ratzinger konnte sie nicht stoppen. Ebenso wenig gelang es ihm, die in obskure Geldwäsche-Deals verwickelte Vatikanbank IOR zu reformieren.
Der Papst habe "sehr gelitten unter manchen Dingen, die dieses Amt mit sich bringt", sagte der langjährige Ratzinger-Freund Max Seckler. "Man kann sich schwer vorstellen, welche Intrigen es da in Rom gibt." Er habe sich schon seit Jahren gefragt, so der 85-Jährige, wie lange sein Freund diese Belastung noch aushalten könne.
Doch auch mit den kirchlichen Problemen kam der gelehrte Theologe Ratzinger nicht klar. Er wusste mit den immer neuen Missbrauchsskandalen in kirchlichen Institutionen ebenso wenig umzugehen wie mit der wachsenden Kluft zwischen den Gläubigen von heute und der unter seiner Führung in Orthodoxie erstarrten "Mutter Kirche". In Scharen laufen die Mitglieder davon, vor allem in den reichen Diözesen Europas und der USA.
Nachfolger bis Ostern
So sind die mächtigen Gegenspieler schon seit langem dabei, die Weichen für die nächste Papstwahl zu stellen. Wer das Rennen machen könnte, ist freilich nicht absehbar. Es gibt reaktionäre, konservative und liberale Gruppen und Grüppchen. Dazu kommen landsmannschaftliche Allianzen: die spanisch-lateinamerikanischen Kardinäle etwa oder die in den vergangenen Jahren immer stärker gewordene US-Fraktion. Daneben die traditionell aufs Papstamt abonnierten Italiener, die von ihrem römischen Heimvorteil profitieren. Doch selbst innerhalb dieser Kreise variieren die Vorstellungen darüber, wie sich die Kirche den aktuellen Fragen stellen soll.
Eine Debatte über einen Nachfolger muss auch Benedikts Werk berücksichtigen - eine zu große Abkehr von seinen Lehren würde einem Affront gleichkommen. Bislang wagt sich kaum jemand aus der Deckung. Denn Benedikt selbst wird die Debatte verfolgen.
Bis Ostern, hofft Vatikan-Sprecher Federico Lombardi, könne man es schaffen, einen neuen Papst zu küren. Im März müssten sich Kardinäle aus aller Welt dazu in Rom einfinden und zum Konklave (vom lateinischen "con claudere", gemeinsam einschließen) so lange im Vatikan einsperren lassen, bis sie sich auf einen Nachfolger für Benedikt XVI. mehrheitlich geeinigt haben.
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