Rücktritt von Benedikt XVI.: Am Ende zeigt er doch noch Größe

Von Philipp Gessler

REUTERS

Er wollte das Amt nicht und bekam es doch: Joseph Ratzinger wurde gegen seinen Willen Papst, er fügte sich der Entscheidung des Konklaves. Benedikt XVI. verprellte die Protestanten, erzürnte die Muslime - und scherte sich kaum um die Moderne. Nur mit seinem Rücktritt wird er in die Geschichte eingehen.

Papst Benedikt XVI. war mit Kardinälen zusammengekommen, es ging um die Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto, es schien ein Routinetermin zu sein. Doch die Ratssitzung wird in die Geschichte eingehen: Er erklärte "mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten".

Der Papst ist zurückgetreten. Es endet ein Pontifikat, das nach dem Willen von Benedikt XVI. eigentlich nie hätte beginnen dürfen.

Das Schicksal Joseph Ratzingers entschied sich einige Monate vor seinem 75. Geburtstag mit einem schlichten Nein! Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, bat seinen langjährigen Chef, Papst Johannes Paul II., ihn 2002 angesichts seines Alters aus dem Amt zu entlassen, das einst als Heilige Inquisition der Schrecken aller freien Geister Europas war. Die Begründung des deutschen Kardinals: Er wolle in einem "ruhigen Ausklang meiner Tage" als Pensionär "noch einige Bücher schreiben". Doch Karol Wojtyla lehnte ab.

Fotostrecke

33  Bilder
Papst-Rücktritt: Von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI.
Er brauchte den Theologieprofessor noch. So konnte Ratzinger drei Jahre später, nach dem Tod des polnischen Papstes, zum 265. Nachfolger des Apostels Petrus gewählt werden - und ein Pontifikat beginnen, das bestenfalls als tragisch zu bezeichnen ist: für den Papst und für seine Kirche. Nur mit seinem Abgang erreicht er historische Größe.

Das Fallbeil fiel

Ratzinger wurde am 19. April 2005 in Rom mit der Zweidrittelmehrheit der stimmberechtigten Kardinäle zum absolutistisch herrschenden Oberhaupt einer Weltkirche mit etwa 1,2 Milliarden Mitgliedern gewählt. Er habe, so erinnerte er sich später, darum gebetet, dass "sozusagen das Fallbeil" dieses Amtes nicht auf ihn herunter sausen möge: Ihm war klar, dass es nun vorbei sein würde mit der relativen Freiheit eines Mannes in der zweiten Reihe. Aber abgelehnt hat er das höchste Amt in der Kirche natürlich nicht.

Dafür ist Ratzinger viel zu sehr ein Kind seiner Kirche. Aufgewachsen in einer erzkatholisch-bayerischen Familie, wurde er schon in frühester Kindheit stark von seiner Kirche geprägt - berühmt ist seine Auskunft, er habe als Bub gern im alten deutsch-lateinischen Messbuch, dem "Schott", gelesen, ja sogar Priester soll er gespielt haben. Auch seine schulische Ausbildung, während der er als Musterschüler glänzte, vollzog sich zum großen Teil in kirchlich durchwebten Schulen. Seine kurze Zeit als Flakhelfer am Ende des Zweiten Krieges hat ihn offenbar kaum geprägt.

Nach 1945 vollzog Ratzinger dann dank seiner Intelligenz, manche sagen: Genialität in der Theologie, eine steile akademische Karriere. Schon mit 30 Jahren hatte er sich habilitiert, als Professor lehrte er an den renommiertesten Universitäten, in Bonn, Münster und Tübingen.

Ratzinger, seit 1951 auch katholischer Priester, war früh ein Star seines Faches und seiner Kirche. Dabei half ihm auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65), an dem das theologische Wunderkind an entscheidender Stelle tätig war, nämlich als Peritus, das heißt: als offizieller Konzilstheologe. Ein Konzil ist eine Jahrhundertchance, und wenige Versammlungen dieser Art haben die Kirche so verändert wie das Zweite Vatikanische: Die Kirche öffnete sich der modernen Welt - und Ratzinger gehörte durchaus zu den Theologen, die einen solchen Schritt förderten, obwohl viele Kirchenfürsten dies ablehnten.

Konservativ, manchmal brillant, zuverlässig hierarchiefixiert

Diese begrenzte Liberalität des frühen Ratzinger sollte sich aber radikal ändern, als er nach der Rückkehr zu seiner Professorenarbeit auf die massiv auftretenden Studenten des Jahres 1968 in Tübingen stieß. Ratzinger hat deren Respektlosigkeit später als tiefe Kränkung für sich und seine Kirche beschrieben - der empörte Professor floh geradezu an die beschauliche Universität Regensburg.

Aus dem einst einigermaßen progressiven Theologen wurde in den folgenden Jahren ein Kirchenmann, der immer konservativer wurde. Das wurde deutlich, als er nach wenigen Jahren als Erzbischof von München und Freising von Johannes Paul II. nach Rom beordert wurde, um dort, mittlerweile mit dem roten Kardinalshut ausgestattet, als Präfekt der Glaubenskongregation zu wirken.

Das Duo Wojtyla und Ratzinger wurde zur Speerspitze eines Rollback in der Kirche. Das Konzil wurde von ihnen so konservativ wie möglich ausgelegt. Wer eine Karriere anstrebte, als Theologe, Bischof oder gar Kardinal, durfte keinesfalls als großer Fan des Konzils gelten, vielmehr am besten als marienfromm und romtreu. Dass die sozialistisch geprägte Theologie der Befreiung vor allem von Ratzinger brutal geköpft und die katholischen Bistümer aus der liberalen staatlichen Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland aussteigen mussten, waren beides entscheidende Signale an die ganze Kirche - und wurden auch so verstanden. Im Rom wehte nun ein anderer Wind.

Johannes Paul II. und sein Kardinal Ratzinger besetzten folgerichtig das Bischofs- und Kardinalskollegium in der langen Amtszeit des polnischen Papstes durchweg mit konservativen Männern. Dennoch war die Wahl des deutschen Professors 2005 auf den Stuhl Petri nicht unbedingt zu erwarten. Denn normalerweise werden nicht die Frontmänner einer kirchenpolitischen Richtung gewählt. Aber vor allem Ratzingers taktisch geschickte und programmatisch eindeutige Rede über die "Diktatur des Relativismus" vor Beginn des Konklaves sowie seine in vielen Jahren gewachsenen Loyalitäten unter den Kardinälen verhalfen ihm auf den Heiligen Stuhl.

Ratzinger erschien der Mehrheit der Kardinäle ausreichend konservativ, manchmal brillant, zuverlässig hierarchiefixiert. Und alt genug, dass nach dem langen Pontifikat des Menschenfischers Johannes Paul II. dieser neue Papst die Kirche nicht allzu nachhaltig prägen würde.

Er sprach den Protestanten das Kirche-Sein ab

So führte denn der fromme Bub aus Marktl am Inn die Kirche ganz in der Nachfolge seines Vorgängers - und mit der ganzen Last einer 2000-jährigen Tradition. Konnte er anfangs noch in den Feuilletons mit seiner bewusst antimodernen Weltsicht punkten, trat bald Sättigung ein: Man verstand, was er sagen wollte, und war nicht mehr fasziniert.

Auch die jungen Leute konnte Ratzinger sehr schnell nicht mehr fesseln, wie es ihm überraschender Weise in seinem ersten Jahr noch in Köln beim Weltjugendtag gelang. Wichtige Strukturreformen der Kurie in Rom packte der bayerische Professor nur zaghaft an. In der Verwaltung der Weltkirche ging es in den vergangenen Jahren drunter und drüber. Konservative bis reaktionäre Theologen und Bischöfe wurden unterdessen weiterhin gefördert, Liberale feinsinnig gemobbt oder gar aus der Kirche gedrängt.

Zitate von Benedikt XVI.

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Von den drei Enzykliken des Papstes ist alles in allem nur sein erstes Lehrschreiben, "Deus caritas est" ob seines menschenfreundlichen, ja fast poetischen Duktus weiterer Erwähnung wert. In der Ökumene verprellte er die protestantischen Kirchen weitgehend - ohne Not bekräftigte er als Papst das Schreiben "Dominus Iesus". Es sprach ihnen schlicht ihr Kirche-Sein ab. Dafür wurden reaktionäre Gruppen am Rande und gerade außerhalb der Kirche hofiert.

Die bekanntesten sind die sogenannten Piusbrüder, durchgehend verbissene Feinde des Konzils. Hätte sich nicht ihr "Bischof" Richard Williamson so klar öffentlich als Antisemit geoutet, der kirchenpolitische Skandal dieses Heranpirschens an die Super-Reaktionäre hätte wohl nur Insider der Kirche empört.

Papst Benedikt XVI. erschien - und die Affäre um die Piusbrüder war dafür nur ein Beispiel - in den letzten Jahren seines Pontifikats oft überfordert, oder vorsichtiger formuliert: etwas sehr behäbig in seinen Reaktionen. Die große Politik, die Tagespolitik gar, war nicht seine Sache. Tatsächlich wird er von Weggefährten häufiger so beschrieben, dass er nicht ganz von dieser Welt, vielleicht auch schlicht unpolitisch sei.

Kein Seelsorger, ein vergeistigter Mann

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er beispielsweise seine Regensburger Rede im Jahr 2006 zum Islam in seiner politischen Brisanz unterschätzte. In dieser Rede, die nicht zufällig eher einer theologischen Vorlesung an seiner früheren Universität glich und dort ja auch stattfand, unterstellte er dem Islam, durchaus nicht aus Versehen, eine Nähe zur Gewalt und eine Distanz zur Vernunft, was zu großer Wut in der muslimischen Welt führte.

Benedikts Politikferne zeigte sich auch in seinen Verletzungen im Zuge der Proteste der Tübinger Studenten 1968 - denn die wollten ja Jesus von Nazareth und seine Kirche vor allem politisch interpretiert sehen. Das widersprach Ratzingers Ansatz klar - er dachte in Jahrhunderten, war bei den alten Kirchenvätern eher beheimatet als im Echtzeit-Rhythmus der Nachrichtenticker oder gar des weltweiten Dorfes Internet. Dass der Papst Ende 2012 einen eigenen Twitter-Kanal startete, war denn auch mehr ein Zeichen dafür, dass mit Greg Burke ein Profi die Kommunikation im Vatikan übernommen hatte.

Papst Benedikt XVI. ist ein vergeistigter Mann, seine Leidenschaft gilt anderen Dingen. Ihm liegt beispielsweise das regelmäßige Spielen von Mozartstücken am eigenen Klavier so am Herzen, dass er verzweifelt versuchte, das Instrument nach seiner Wahl zum Pontifex Maximus irgendwie auch in seine päpstlichen Privatgemächer schaffen zu lassen.

Ein großer Seelsorger dagegen war Ratzinger nie. Ein wichtiger Gegenspieler unter den deutschen Bischöfen lästerte einmal hinter vorgehaltener Hand ungefragt über ihn: Der Mann könne einfach nicht mit Menschen. Dennoch vermochte Ratzinger auch sehr sensibel, manchmal charmant, ja zart zu sein, was sich etwa in seiner ersten Enzyklika und deren Schwärmereien über die Liebe zeigte.

Was wird von diesem Pontifikat bleiben?

Selbst sein großer wissenschaftlicher Gegner und langjähriger Professoren-Kollege Hans Küng, auch er ein Jahrhundert-Theologe, war nach einer überraschenden vierstündigen Privataudienz mit Benedikt XVI. im September 2005 eine Weile wieder angetan von Ratzinger. Er kann zuhören - wenn er will.

Was wird bleiben von diesem Pontifikat? Kaum die Pastoralreisen, die die Amtszeit seines Vorgängers prägten. Denn hier wagte sich Papst Benedikt XVI. fast nur auf bekanntes Terrain in Europa und im Westen, obwohl in der Weltkirche schon lange die Musik der Zukunft im Süden und Osten spielt - bis zur absurden Tatsache, dass der Papst in wenigen Jahren sogar mehrmals in sein Heimatland reiste.

In Erinnerung bleiben wird wohl seine Regensburger Rede, denn das Thema des rechten Umgangs mit dem Islam wird die westliche Welt ohne Zweifel noch eine Weile beschäftigen. Ihm zugute zu halten ist vielleicht sein relativ energischer Umgang mit dem Missbrauchsskandal, der die Weltkirche im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erschütterte: Hier fand er, etwa bei direkten Gesprächen mit den Opfern, Zeichen öffentlicher Demut, die bei ihm sonst so selten zu erkennen waren.

Ab dem 28. Februar um 20 Uhr, so verkündete es Benedikt XVI. am Montagmorgen, wird der Heilige Stuhl vakant sein. Zugleich wird an diesem Abend ein Pontifikat enden, das für die Weltkirche weitgehend wertlos war. Hätte Johannes Paul II. dem Kardinal Ratzinger doch seinen Ruhestand mit dem Verfassen noch einiger großer Werke zur Theologie gegönnt - es hätte ihm und seiner Kirche besser getan.

Fotostrecke

15  Bilder
Papstwahl: So funktioniert das geheime Konklave

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 215 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
RoLf132 11.02.2013
Zitat von sysopEr wollte das Amt nicht und bekam es doch: Joseph Ratzinger wurde gegen seinen Willen Papst, er fügte sich dem Konklave. Was er schon als Professor lehrte, verbreitete er nun als Benedikt XVI.: Er verprellte die Protestanten, erzürnte die Muslime - und scherte sich kaum um die Moderne. Rücktritt von Benedikt XVI.: Bilanz seines Pontifikats - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/ruecktritt-von-benedikt-xvi-bilanz-seines-pontifikats-a-882626.html)
Dieser Papst hat nicht eine Reformierung der Kirche im Sinn; er hat dafür gesorgt, dass das Kardinalskollegium in seiner übergroßen Mehrheit aus erzkonservativen Kardinälen besteht. Somit ist nicht zu erwarten, dass ein nächster Papst reformfreudiger sein wird. Dazu bedarf es noch einiger Papstgenerationen....
2. Freigeistertum
malte.b 11.02.2013
Ein konservativer Mann, der eine eigene Meinung vertrat, ohne sie mit SPD/Günen/Linken/CDU/CSU/FDP abzusprechen, war in der Tat eine Zumutung für die moderne Gesellschaft, die nur noch Harmonie zu vertragen scheint.
3. Konsequent
a.vollmer 11.02.2013
Ein Papst, der dafür gesorgt hat, dass wirklich niemand päpstlicher als der Papst sein kann.
4. Nachwort
fea 11.02.2013
Wieso holt man jetzt bitte das Nachwort aus der Schublade raus, obwohl der Mann ja gar nicht tot ist?
5. nun vielleicht
sangerman 11.02.2013
hat er nur gemerkt, das es doch keine Fabelwesendinger gibt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Papst Benedikt XVI.
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 215 Kommentare

Twitter zu #Papst #Benedikt