Reaktionen zum Papst-Rücktritt: "Der größte Sohn Bayerns"

"Moralische Instanz in der Welt", "intellektuelle Autorität": Politiker, Bischöfe und Weggefährten würdigen die Lebensleistung Papst Benedikts XVI. - und zeigen sich bestürzt über dessen Rücktritt. Doch auch von Missachtung der Menschenrechte ist die Rede. Und ein bisschen Lokalpatriotismus darf nicht fehlen.

Papst-Rücktritt: Von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI. Fotos
AFP/ Osservatore Romano

Hamburg - Die Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. hat Verblüffung, aber auch Bestürzung ausgelöst. Bundespräsident Joachim Gauck reagierte sichtlich bewegt. Für die historisch höchst seltene Entscheidung "sind großer Mut und Selbstreflexion nötig. Beides findet meinen außerordentlichen Respekt", sagte Gauck. Er habe Benedikt XVI. erst kürzlich persönlich kennengelernt. "Sein Glaube, seine Weisheit und seine menschliche Bescheidenheit haben mich tief beeindruckt."

In Benedikts Wirken hätten sich hohe theologische und philosophische Bildung mit einfacher Sprache und mit Menschenfreundlichkeit verbunden, so Gauck. "Dadurch habe er vielen Menschen Orientierung und Ermutigung zum Glauben gegeben." Benedikt sei als Papst der ganzen Welt verpflichtet gewesen, "aber er blieb auch im Herzen immer mit seiner Heimat verbunden". Dies sei bei seinen Besuchen in Deutschland spürbar geworden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Papst Benedikt XVI. für seine Arbeit als Kirchenoberhaupt gedankt. Seiner Rücktrittsentscheidung zollte sie "allerhöchsten Respekt". Benedikt XVI. "ist und bleibt einer der bedeutendsten religiösen Denker unserer Zeit", sagte Merkel. Wenn er zu schwach sei, um seine Aufgaben zu erfüllen, müsse das respektiert werden."In unserem Zeitalter immer längeren Lebens werden viele Menschen nachvollziehen können, wie sich auch der Papst mit den Bürden des Alterns auseinandersetzen muss", sagte die Kanzlerin. Merkel würdigte, dass Benedikt XVI. den Dialog der Kirchen gefördert sowie Juden und Muslimen die Hand gereicht habe. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2011 sei eine Sternstunde des Parlaments gewesen.

Nach Ansicht des britischen Premierministers David Cameron wird er von "Millionen Menschen als spirituelle Leitfigur vermisst werden". Cameron sprach von dem Besuch des Papstes in Großbritannien 2010, an den sich das Land mit "großem Respekt und Zuneigung" erinnere. Zudem würdigte er die Bemühungen des Papstes um die Stärkung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und Großbritannien. Die Visite Benedikts war der erste Staatsbesuch eines Papstes in dem Land seit der Abspaltung der anglikanischen Kirche unter König Heinrich VIII. im Jahr 1534.

"Papst Benedikt ist nicht nur durch sein Amt, sondern durch seine Person eine moralische Instanz in der Welt", sagte der langjährige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und bezeichnete den scheidenden Papst als "größten Sohn Bayerns" in der mehr als tausendjährigen Geschichte des Landes. Unvergleichlich seien seine Bescheidenheit und seine besondere Gabe, auch im 21. Jahrhundert den Menschen das Evangelium nahe zu bringen.

Auch Horst Seehofer, Ministerpräsident des Freistaats, betonte, die Entscheidung verdiene "größten Respekt, auch wenn ich sie persönlich zutiefst bedauere". "Mit seiner charismatischen Ausstrahlung und seinem unermüdlichen Einsatz für das Wohl der Kirche hat der Papst aus Bayern die Menschen in aller Welt begeistert", so Seehofer. Deutschland und Bayern hätten Benedikt XVI. "unendlich viel zu verdanken".

"Mit schwerem Herzen, aber großem Verständnis"

Für Max Seckler, langjähriger Kollege und Freund des Papstes, ist dessen Rücktritt ein Zeichen der Größe des Kirchenoberhaupts. "Er stärkt damit die Auffassung, dass ein Papst aufhören soll, wenn es ihm die Gesundheit gebietet", sagte der Tübinger Theologe. "Er hat sehr gelitten unter manchen Dingen, die dieses Amt mit sich bringt", fügte der 85-Jährige hinzu. "Man kann sich schwer vorstellen, welche Intrigen es da in Rom gibt, mit denen er sich rumschlagen muss. Das hat ihn sehr belastet, weil er ja ein Theologe ist und ein edler Mensch."

Justin Welby, Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der anglikanischen Kirche mit ihren 80 Millionen Gläubigen, äußerte sein Verständnis für die Entscheidung. "Wir haben heute Morgen mit schwerem Herzen, aber großem Verständnis die Entscheidung des Papstes aufgenommen, die Bürden des Amtes als Bischof von Rom abzulegen, ein Amt, das er mit großer Würde, Einsicht und Mut ausgefüllt hat", sagte er. "Wir beten, dass Gott ihn im Ruhestand mit Gesundheit und Frieden beschenkt, und wir vertrauen die dem Heiligen Geist an, die nun die Verantwortung übernehmen, seinen Nachfolger zu wählen."

Die Evangelische Kirche in Deutschland zollte Papst Benedikt XVI. tiefen Respekt für seinen Rücktritt. "Dass Papst Benedikt, der im 86. Lebensjahr steht, von sich aus das Amt abgibt, empfinde ich als bewegend, und es erfüllt mich mit großem Respekt", erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider. "Dass Ämter nur auf Zeit wahrgenommen und dass man ab einem bestimmten Lebensalter von allen amtlichen Pflichten befreit ist, gehört zum Maß des Menschlichen. Es ist ein gutes Zeichen, dass Papst Benedikt dieses durch das Evangelium eröffnete Maß des Menschlichen durch die Ankündigung seines Rücktritts zum Ausdruck bringt", sagte Schneider. Der Rat danke diesem für alle theologischen Gespräche und Diskussionen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sprach von "einer großen menschlichen und religiösen Geste" und betonte: "In der Stunde, in der seine Kräfte zu gering werden, um der Kirche den erforderlichen Dienst zu erweisen, legt er dieses Amt zurück in Gottes Entscheiden."

"Unter ihm ist die katholische Kirche hinter Erneuerungen zurückgefallen"

Die Entscheidung von Papst Benedikt XVI. hatte auch den Vatikan unerwartet getroffen. Der Papst habe den Entschluss aus freien Stücken ohne Druck von außen getroffen, erklärte ein Sprecher.

Der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz bedauert seine Entscheidung. "Das ist sehr schade", sagte der sichtlich überraschte Bischof. "Benedikt XVI. ist ein Papst, der intellektuell und als Geistlicher viel aufweist und die Kirche in eine gute Richtung geführt hat."

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier äußerte großen Respekt für den Schritt. "Papst Benedikt hat sein Amt in einer durch vielfältige Umbrüche gekennzeichneten Zeit angetreten und seiner Kirche mit seiner großen geistlichen und intellektuellen Autorität Orientierung gegeben und Maßstäbe gesetzt", sagte Steinmeier. Unvergessen sei seine vorsichtige Öffnung zu den Kirchen der Reformation. "Ich als Protestant wünsche mir, dass die katholische Kirche unter seinem Nachfolger diesen Weg der Öffnung mit Nachdruck weiter verfolgt." Katholiken und Protestanten verbinde viel mehr als sie trenne, sagte Steinmeier.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, äußerte sich kritisch. "Das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. war eine verpasste Chance", schrieb er auf seiner Facebook-Seite. "Unter ihm ist die katholische Kirche teilweise wieder hinter Erneuerungen durch das zweite vatikanische Konzil zurückgefallen, beispielsweise durch die Aufhebung der Exkommunikation der antisemitisch-ausgerichteten Piusbruderschaft."

Auch seine Worte gegen Homosexuelle seien ein Angriff auf den säkularen Verfassungsstaat, auf die Menschenrechte und eine humanistisch orientierte Werteordnung gewesen. "Von seinem Nachfolger erwarten wir, dass er sich seiner Verantwortung im Umgang mit Juden, Muslimen, Homosexuellen und Frauen bewusst ist und Gesellschaften hier nicht mehr spaltet, sondern eint."

Dieser Schritt sei "aus vielen Gründen verständlich", sagte der Theologe und Papst-Kritiker Hans Küng. "Zu hoffen ist aber, dass Ratzinger nicht Einfluss auf die Wahl seines Nachfolgers nimmt", betonte der 84-Jährige. Benedikt XVI. habe in seiner Amtszeit so viele Konservative Kardinäle berufen, dass unter ihnen kaum eine Person zu finden sei, "die die Kirche aus ihrer vielschichtigen Krise herausführen könnte".

Respekt und Achtung für diesen Schritt

Israels Oberrabbiner Yona Metzger lobte die Verdienste von Benedikt XVI. im Dialog zwischen den großen Religionen. "Während seiner Amtszeit gab es die besten Beziehungen zwischen der Kirche und dem Oberrabbinat. Wir hoffen, dass sich das fortsetzt", ließ Metzger über seinen Sprecher ausrichten. "Er verdient ein hohes Ansehen für den Ausbau der interreligiösen Verbindungen zwischen Judentum, Christentum und Islam." Metzger wünschte dem Papst "viel Gesundheit und ein langes Leben".

"Ich denke, er wollte keine Wiederholung der dramatischen letzten Monate des Pontifikats von Johannes Paul II.", sagte Adam Boniecki, einer der bekanntesten katholischen Intellektuellen Polens, in einer auf der Webseite der katholischen Wochenzeitschrift "Tygodnik Powszechny" veröffentlichten Stellungnahme. "Man muss Benedikt dankbar sein, dass er gezeigt hat, wie sich das Problem von Amt, Alter und Schwäche in großem Glauben lösen lässt."

Italiens Ministerpräsident Mario Monti zeigte sich überrascht und geschockt von dem angekündigten Rücktritt. "Ich bin sehr erschüttert über diese unerwartete Nachricht", sagte er. Es habe vorher keine Anzeichen oder Signale für die Entscheidung Benedikts gegeben.

Auch die deutsche CSU-Politikern Dorothee Bär war "erschüttert" über den Rücktritt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese erklärte, sie hoffe auf Reformen in der katholischen Kirche, die "dringend nötig" seien. "Der katholischen Kirche wünsche ich viel Kraft zur Erneuerung", schrieb sie.

Frankreichs Staatschef François Hollande würdigte die Entscheidung als "höchst achtbaren" Schritt, nachdem Benedikt XVI. bei einer Vollversammlung der Kardinäle in einer auf Lateinisch gehaltenen Rede ausgeführt hatte, dass er aufgrund seines Alters nicht mehr "die Kraft" habe, die katholische Kirche zu führen.

"Mein persönlicher Eindruck war, dass der Heilige Vater geistig fit war und sehr interessiert an aktuellen Themen, insbesondere zu Themen rund um Europa", erklärte die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Der Papst hatte Kramp-Karrenbauer erst am vergangenen Donnerstag zu einer Privataudienz empfangen.

Der Papst schweigt auf Twitter

Auf dem Sozialen Netzwerk Twitter wurde das Thema innerhalb kürzester Zeit von Tausenden Nutzern aufgegriffen. Mehr als 3000 Nachrichten mit dem Begriff "Papst" liefen innerhalb einer Stunde über Twitter, die englische Übersetzung "Pope" kam dem Analysedienst Topsy zufolge auf über 53.000 Erwähnungen in der Stunde.

Während Politiker dem 85-Jährigen Anerkennung zollten, reagierten viele Twitternutzer mit dem für den Kurznachrichtendienst typischen Humor. "Papst Benedikt will zurücktreten? Hat der auch bei der Doktorarbeit geschummelt?", fragte ein Nutzer mit dem Profilnamen "Schlenzalot". In diese Kerbe schlugen nach dem Rücktritt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan am Wochenende etliche Twitter-User. "Bibel plagiiert. Papst tritt zurück", kommentierte Sven Hätscher. Auch die Versicherung von Kanzlerin Angela Merkel, sie habe volles Vertrauen zu ihrer Ministerin, nahmen die Twitterer aufs Korn.

Nutzer spekulierten, nicht immer ernsthaft, um einen möglichen Nachfolger. "Hat sich Lothar Matthäus schon als Nachfolger ins Spiel gebracht?", witzelte Nutzer Chris Nieh.

Der Papst selber schwieg auf Twitter zu der Debatte. Obwohl der Vatikan erst Anfang Dezember mehrere Twitterprofile in verschiedenen Sprachen eingerichtet hatte, wurde am Montag zunächst keine offizielle Nachricht auf diesem Wege verbreitet. Auch das sorgte bei anderen Nutzern für Scherze: "Papst hat das Twittern gelernt und möchte jetzt noch den Rest des Internets kennen lernen", meinte Nutzer Uwe K. "Twitteraccount eröffnet. Drei Monate später keinen Bock mehr auf seinen Job. Der Papst kennt das", schrieb "Thomas" unter dem Namen "Sechsdreinuller". Andere zeigten ernsthafteres Verständnis für den 85-jährigen Joseph Ratzinger: "Ich finde, dass man diesen Job auch kündigen kann, demokratisiert ihn irgendwie auf erfreuliche Weise", meinte Thomas Elbel.

jjc/dpa

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insgesamt 30 Beiträge
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1. ein guter Theologe,
adam68161 11.02.2013
aber leider kein guter Hirte, dem es gelang,die Herde zusammen zu halten und zu neuen geistigen Weiden zu führen, Der Rücktritt ist aber Ausdruck seiner Bescheidenheit - einer Eigenschaft, die uns Zeitgenossen abhanden gekommen ist.
2. Der größte Sohn Bayerns...
expendable 11.02.2013
...im guten wie im schlechten ist und bleibt Franz Josef Strauß.
3. Über scheidende Geister soll man nicht lästern
derdriu 11.02.2013
Ich finde, der Papst hat einiges schlechter gemacht. Viele kath. Christen sind in Deutschland zu seiner Zeit ausgetreten- auch aufgrund seiner Entscheidungen. Gerade die Deutschen gingen doch ganz und gar nicht konform mit ihm und mussten Kritik von ihm einstecken, weil sie sich engagierten und kritisch äußerten- so ein Unding! Ich kann wenig positives Wirken bei ihm erkennen. Er mag gebildet und demütig sein. Aber bezüglich Religion und geistiger Führung ist er ein anachronistischer, selbstgerechter und realitätsferner Sturkopf. Es wäre schön gewesen, wenn er durch seine Bildung und Intelligenz mehr Gutes für die Menschen statt für seine Ideologie getan hätte.
4. Moralische Instanz der Welt - ganz sicher nicht !
iffel1 11.02.2013
Mal abgesehen davon, dass der Papst für 2 Drittel der Welt uninteressant bzw. unbekannt ist, hat er was gegen die Pille danach, Abtreibung etc. und trägt nichts zur Aufklärung der jahrhundertelangen Kinderschänderei in der katholischen Kirche bei. Auch der nächste Papst wird da nichts tun. Warum so ein Gewese um diese Pensionierung ? Ein alter Mann geht in den Ruhestand und fertig. Er will in Ruhe gelassen werden und ganz offensichtlich leidet er nicht nur an Altersschwäche - also lasst ihn zufrieden !
5. der größte Sohn Bayerns?
kf_mailer 11.02.2013
oh je, dann siehts aber langsam traurig aus im Freistaat.
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