Rückzug von Benedikt XVI.: Fortschritt durch Rücktritt

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Papst Benedikt XVI. 2012 in Rom: Rückzug in Würde Zur Großansicht
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Papst Benedikt XVI. 2012 in Rom: Rückzug in Würde

Der Rücktritt ist das vielleicht Bemerkenswerteste und Mutigste, was Benedikt XVI. während seines Pontifikats getan hat. Der Schritt hat historischen Charakter: Er könnte für die Kirche zukunftsweisend sein.

Hamburg - Ausgerechnet mit dem Bekenntnis der Schwäche zeigt er die größte Stärke. Benedikt XVI. hat sich gegen ein öffentliches Leiden entschieden, gegen ein für alle Welt sichtbares Siechtum. Obwohl das Leiden und die Frage nach dessen Sinn zum Christentum gehören.

Das Leid Johannes Paul II. vor seinem Tod war unübersehbar. Er war der schwer von Parkinson gezeichnete Diener seines Herrn, er ertrug das Leid mit Demut und fast übermenschlicher Kraft. Stumm zeigte er sich Ostern 2005 am Fenster des Apostolischen Palasts. Wenige Tage später starb er. Es war ein öffentliches Ableben. Leid, das war die Botschaft Johannes Paul II., zeigt, dass auch der Stellvertreter Christi nur ein Mensch ist. Und somit endlich.

Mit seinem Rückzug hat er die Menschen bewegt

Diese Endlichkeit hat Benedikt XVI. nun in den Mittelpunkt gerückt. Indem er sie thematisiert und Konsequenzen gezogen hat. Der Rücktritt ist ein mutiger Schritt. Über Jahrhunderte trat ein Papst nur ab, wenn er starb, in Ruhestand ging er nicht. Einen Stellvertreter Christi a.D. gab es praktisch nicht - auch wenn ein Verzicht theoretisch möglich war. Das Pontifikat galt als Amt auf Lebenszeit.

Der Rücktritt sagt etwas aus über Benedikt, über die Kirche, die er geführt hat - und die Zeit, in der wir leben.

In seinem Rücktritt war Benedikt mutiger als in vielen Dingen und Lehrmeinungen, die er während seines Pontifikats vertreten hat. Der Papst war ein konservativer Gelehrter, "Professor Papst" nannten sie ihn - halb anerkennend, halb verachtend. Er war ein Wissenschaftler, kein Menschenfänger. Ein Dogmatiker, kein Händeschüttler. Mit seinem bewussten Rückzug hat er geschafft, was er mit vielen seiner Reden nicht vermochte: Er hat die Menschen gerührt, sie bewegt.

Denn nicht der Gelehrte Ratzinger hat von seinen schwindenden Kräften gesprochen, sondern der Mensch, den man zum Stellvertreter Christi gewählt hatte. Der mit Mitra und Hirtenstab geschmückte Würdenträger, der 1,2 Milliarden Katholiken weltweit vorsteht und als unfehlbar gilt, ein alter, kränkelnder Mann. Ein Greis, der auf die 90 zugeht und sein Alter zunehmend als Bürde empfindet - wie Millionen andere auch. Ein Mensch, kein Übermensch.

Indem er Schwäche zugelassen hat, hat er an Stärke gewonnen

Doch in der sehr persönlichen Begründung seines Schrittes schwang noch ein zweiter Aspekt mit. Benedikt sprach nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Welt, die sich schnell verändere und "von Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen" werde. Es war nicht das Wehklagen eines alten Mannes, sondern die schlichte Feststellung, dass er dem Tempo und den Debatten der Kirche der Gegenwart nicht mehr gewachsen ist. Das sagt etwas aus über ihn - und auch seinen Realitätssinn. Gerade den hatte man dem Wissenschaftler Benedikt häufig abgesprochen.

Es ist eine Aussage über die Beziehung zwischen dem alten Mann und der Welt. Es ist vielleicht eines seiner größten Verdienste, diese Beziehung realistisch einzuschätzen, als Kluft, die sich aufgetan hat. Nicht am Amt zu hängen. Schwäche zuzulassen.

Als Benedikt XVI. im Dezember 2012 seinen Twitter-Account startete, war die Kluft unübersehbar. Man hielt ihm ein iPad vor die Nase, führte seine Hand über das Display. Die Botschaft sollte sein: Diese Kirche ist gerüstet für die Moderne. Die Botschaft war: Man zwingt den Papst zu einer Moderne, die seine nicht mehr ist, nicht mehr sein kann. Und das kann man ihm nicht verübeln.

Der Papst ist mächtig

Es war eine Szene, die auch viel aussagte über die Kirche in dieser Welt: Die versucht mitzuhalten, aber so, wie das dickliche Kind in der Grundschule immer schnaubend hinterherläuft. Die feststellt, dass es ihr misslingt, das Tempo, in dem Entscheidungen getroffen und Debatten geführt werden, zu halten. Und die nicht nur eine Debatte führen muss zur selben Zeit, sondern Dutzende. Die Katholiken in Deutschland verbindet im Alltag wenig mit den Katholiken in Ghana. Die Menschen stellen ganz unterschiedliche Fragen an die Kirche. Und sie erwarten unterschiedliche Antworten. Die Weltkirche ist gigantisch groß, fast zu groß, um sie zu steuern.

Die deutschen Bischöfe ringen darum, ob wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion gehen dürfen; und der Papst hat in Verhütungsfragen für Gläubige noch immer das letzte Wort. Die eine Kirche gibt es nicht. Den einen Papst schon.

Er muss allen gerecht werden, und das kann kaum funktionieren. Der Papst ist mächtig. Und die Macht öffnet Raum für Intrigen, Kämpfe, Auseinandersetzungen. Das zeigte die Vatileaks-Affäre - aber auch die Frage nach der Deutungshoheit im Missbrauchsskandal. Es waren anstrengende Jahre für Benedikt XVI.

Mit seinem Rücktritt hat der Papst eine zukunftsweisende Botschaft gesendet: Das Papstamt ist von Menschen gemacht und es wird von Menschen ausgefüllt. Der Mensch entscheidet, nicht Gott allein. Der Rücktritt ist eine verantwortungsvolle Entscheidung, die zeigt: Der Papst ruht sich nicht aus auf Gott, eine Überhöhung des Amtes wird künftig schwer werden. Es ist eine dem Menschen und ihrem Alltag zugewandte Entscheidung. Es bleibt zu hoffen, dass daraus eine dem Menschen und ihrem Alltag zugewandte Kirche erwächst.

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insgesamt 187 Beiträge
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1. Protestantisierung
Zaphod 12.02.2013
Eine dem Alltag zugewandte Kirche soll wohl vor allen Dingen eine "zeitgemäße" Kirche sein. Zeitgemäße Kirchen sind solche, die den Mensch in den Mittelpunkt stellen, die ihn mehr als Gott verehren und in denen der Gottesdienst zum gemütlichen Treffen verkommt. Derartige Entwicklungen, die die Fundamente der katholischen Kirche angreifen und sie so schutzlos der Willkür der Massen preisgeben würden, hat Papst Benedikt klug abgewehrt. Es bleibt zu hoffen, dass die Kirche auch weiterhin nicht den Versuchungen erliegt, sich dem Zeitgeist anzupassen wie ein zwitschernder Vogel dem Wind.
2. urbi ex tempore
e-cdg 12.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDer Rücktritt ist das vielleicht Bemerkenswerteste und Mutigste, was Benedikt XVI. während seines Pontifikats getan hat. Der Schritt hat historischen Charakter: Er könnte für die Kirche zukunftsweisend sein. http://www.spiegel.de/panorama/rueckzug-von-benedikt-xvi-fortschritt-durch-ruecktritt-a-882963.html
Wozu braucht's überhaupt einen Papst? Glaube und Kirchensteuer funktionieren auch ohne den Schiffer/Fischer Petrii !
3.
rakatak 12.02.2013
---Zitat von SPON-Artikel--- Als Benedikt XVI. im Dezember 2012 seinen Twitter-Account startete, war die Kluft unübersehbar. Man hielt ihm ein iPad vor die Nase, führte seine Hand über das Display. Die Botschaft sollte sein: Diese Kirche ist gerüstet für die Moderne. Die Botschaft war: Man zwingt den Papst zu einer Moderne, die seine nicht mehr ist, nicht mehr sein kann. ---Zitatende--- Ui, ui, ui, der Papst kann nicht twittern. Da ist der Rücktritt natürlich unausweichlich ... :o(
4. Warum nur...
stefanwalthers 12.02.2013
...habe ich bei Formulierungen wie "dem Alltag zugewandt" immer das Gefühl, dass implizit eine Gefälligkeitskirche herbeigeredet werden soll. Scheidung: kein Problem, Abtreibung: warum nicht, Verzicht üben: muss doch nicht sein etc. Darum kann es einer römisch-katholischen Kirche nicht gehen. Sie hat nicht nur das Recht, anzuecken - sie hat nachgerade die Pflicht, den Gläubigen auch harte und unbequeme Inhalte zu kommunizieren. Hier scheint man, auch was die liturgischen Usancen betrifft, in der Exegese dessen, was das II. Vaticanum wirklich bedeutet, in Deutschland bisweilen auf sehr eigenen Wegen unterwegs zu sein. Es ist das Verdienst Benedikts XVI. dieses Thema wieder in den Diskurs der Kirche einzubringen. Auch gegen den Empörungs-Reflex von Küng, Hasenhüttl & Co. Nicht nur deshalb ist er ein mutiger Pontifex. Er scheut nicht den einsamen Weg, Dafür Respekt und Anerkennung.
5. Hurra, Hurra
e-cdg 12.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDer Rücktritt ist das vielleicht Bemerkenswerteste und Mutigste, was Benedikt XVI. während seines Pontifikats getan hat. Der Schritt hat historischen Charakter: Er könnte für die Kirche zukunftsweisend sein. http://www.spiegel.de/panorama/rueckzug-von-benedikt-xvi-fortschritt-durch-ruecktritt-a-882963.html
Der Papst tritt ab, doch ihr braucht euch nicht zu freuen, bald haben sie wieder einen neuen !
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