Hofnarr in Wales Die Witzfigur von Conwy

Russel Erwood hat einen außergewöhnlichen Posten: Er ist Hofnarr der Stadt Conwy in Wales, der erste seit mehr als 700 Jahren. Ein Gespräch über Spott im Dienst der Bürger und die Pflicht, sich um die Frauen der Stadt zu kümmern.

Ein Interview von

AFP/ Robert Mann

SPIEGEL ONLINE: Es gibt doch schon genug Witzfiguren. Warum braucht eine Stadt heutzutage einen Hofnarren?

Erwood: Mein Job besteht darin, meine Stadt zu einem bunteren, glücklicheren, angenehmeren Ort zu machen. Es gibt so viele negative und schreckliche Dinge auf der Welt. Da finde ich es sehr wichtig, etwas zu tun, was die Menschen glücklich macht.

SPIEGEL ONLINE: Das ginge auch als Clown, aber ein Hofnarr ist doch mehr als das. Er ist Sprachrohr des kleinen Mannes, hat die Narrenfreiheit, über die Herrschenden zu lästern. Tun Sie das?

Erwood: Klar. Es ist wichtig, dass es Stimmen gibt, die auf die Probleme der einfachen Leute hinweisen oder die Mächtigen auf die Schippe nehmen. Das ist ein wesentlicher Teil der Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Wer wurde schon zum Ziel Ihres Spotts?

Erwood: Die Labour-Partei sucht gerade einen neuen Vorsitzenden. Einer der Kandidaten, Jeremy Corbyn, sieht aus wie Obi-Wan Kenobi aus "Star Wars". Als Corbyn hier eine Rede gehalten hat, habe ich das gesagt. Das ist einer der großen Vorteile des Postens: Ich kann sagen, was ich will!

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einem Traumjob für Pubertierende - albern und aufmüpfig daherreden, ohne Verantwortung zu übernehmen.

Erwood: Nun mal langsam. Ich renne ja nicht bloß durch die Gegend und verhalte mich wie ein Idiot. Man muss wissen, wie absurd eine politische Entscheidung ist, um darüber zu spotten.

SPIEGEL ONLINE: Könnten andere Orte einen Hofnarren vertragen?

Erwood: Auf jeden Fall. Schauen Sie sich doch bloß die Nachrichten an, manche politischen Entscheidungen sind aberwitzig. Wir haben die Fähigkeit verloren, über uns zu lachen und den Herrschenden zu sagen, dass sie irren. Ein Hofnarr sagt es eben nur so, dass es unterhaltsam ist - aber die Botschaft bleibt trotzdem bedeutsam. Städte, hört auf mich: Holt euch einen Hofnarren!

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie an den Posten?

Erwood: Es begann passenderweise mit einem Witz. Seit ich erwachsen bin, arbeite ich als Entertainer und Zauberer. Ich hatte auch Auftritte in Conwy und habe mich in den Ort verliebt. Vergangenen Oktober bin ich aus Bristol hierhergezogen. Die Händler am Ort haben mich den Hofnarren genannt: "Hey, schaut mal, der Hofnarr kauft Brot!" Irgendwann vor Weihnachten hat mich die örtliche Handelskammer angesprochen, ob ich nicht offiziell Hofnarr werden wolle.

SPIEGEL ONLINE: Gab es ein historisches Vorbild?

Erwood: Wir haben monatelang recherchiert, um das herauszufinden. Und tatsächlich lebte im 13. Jahrhundert ein Hofnarr mit dem englischen König Edward I. in Conwy. An diesem Vorbild haben wir uns orientiert.

SPIEGEL ONLINE: Ein historisch akkurates Outfit - fertig war der Hofnarr?

Erwood: Von wegen. Historischen Texten zufolge musste ein Hofnarr Prüfungen seiner potenziellen Herren bestehen, in meinem Fall Aufgaben der Bürger von Conwy - um zu schauen, ob der Kandidat etwa taugt.

SPIEGEL ONLINE: Was mussten Sie tun?

Erwood: Zaubertricks vorführen. Mit drei Dolchen jonglieren, während ich eine Augenbinde trug. Und ein Schwert auf meinem Kinn balancieren. Ich habe den Griff auf mein Kinn gestellt, aber die Leute wollten die Klinge unten haben.

SPIEGEL ONLINE: Größere Verletzungen?

Erwood: Kleinere Schnitte, nichts allzu Schlimmes. Immerhin hatte ich Erfahrung mit Schwertern. Hofnarren im Mittelalter waren ausgebildete Schwertkämpfer, ich trainiere seit einigen Monaten. Aber die Schwertklinge auf dem Kinn war echt unangenehm.

SPIEGEL ONLINE: Und dann waren Sie endlich Hofnarr?

Erwood: Fast. Ich musste noch wie im Mittelalter versprechen, dass ich innerhalb der Stadtmauern wohne, Conwy gegen Invasoren verteidige und mich um die Frauen in der Stadt kümmere.

SPIEGEL ONLINE: Um die Frauen kümmern, aha. Was bedeutet das genau?

Erwood: Das steht der Interpretation offen, und dabei würde ich es gerne belassen. Nur so viel: Ich versuche so ritterlich wie möglich zu sein. Und was die Pflicht zur Verteidigung angeht - ich hoffe, dass Conwy nicht so bald überfallen wird.

SPIEGEL ONLINE: Ziehen Sie jetzt tatsächlich im Hofnarren-Outfit mit Holzschwert durch die Stadt?

Erwood: Ja klar.

SPIEGEL ONLINE: Und abends als Hofnarr auf ein Pint in den Pub?

Erwood: Das kommt öfter vor.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Leute?

Erwood: Die Einheimischen mögen es, ich bin so etwas wie das Stadt-Maskottchen. Einige Touristen haben durch mich erst erfahren, was ein Hofnarr überhaupt ist. Inzwischen kommen Besucher nur hierher, um mich zu sehen. Hier in Conwy gibt es beim Bäcker jetzt Kuchen mit meinem Gesicht, der Buchladen hat eine Abteilung über Hofnarren. Und momentan trete ich zum Beispiel noch beim Ferienprogramm der Stadt auf.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihnen das nie zu viel?

Erwood: Vielleicht würde es das, wenn ich nie in anderen Orten meiner normalen Entertainer-Arbeit nachgehen würde. Aber Hofnarr zu sein ist ein Privileg.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange kann man so einen Posten behalte?

Erwood: Oh Mann, ich weiß es nicht. Ich müsste den Posten abgeben, wenn ich nicht mehr innerhalb der Stadtmauern wohnen würde. Und mich könnte jemand herausfordern. Wenn die Bürger sich dann für den Herausforderer entscheiden, wäre ich den Posten los. Hoffentlich passiert das nicht. Hofnarr zu sein ist für mich kein Job, es ist, wer ich bin.

SPIEGEL ONLINE: Falls Sie irgendwann doch gehen: Was glauben Sie, wie macht sich "Hofnarr" im Lebenslauf?

Erwood: Ich war immer Entertainer, hatte nie einen ordentlichen Job. In meinem Arbeitsfeld ist Erfahrung als Hofnarr ein dickes Plus.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
io_gbg 24.08.2015
1.
Merry old England, at its' best.
rosmarino 24.08.2015
2. @io_gbg
Kompliment! Sie schaffen es in einen Satz mit sechs Wörtern drei Fehler einzubauen: 1. Wales ist nicht England sondern Great Britain 2. at its best wird ohne Apostroph geschrieben 3. Im Englischen wird in diesem Satz kein Komma verwendet
louisseize 24.08.2015
3. Gute Idee!
Die Idee des Narren, der straffrei seine Meinung sagen kann, wäre doch auch was für unsere Regierung! Einfach mal ohne politisches Kalkül raushauen, was Sache ist: Zum Beispiel, dass Griechenland ein hoffnungsloser Fall ist und alle Milliarden im ägaischen Meer versinken. Herrlich! Und Herr Kauder kann schließlich immer behaupten, es ist ja nur der Narr, der keine Ahnung hat.
claudiusoptimus 24.08.2015
4. @rosmarino...
...bei Ihnen wäre ich nicht gerne Hofnarr, denn mein Kopf und Hals ist mir teuer, Eure königliche Querulanz.
_spiegelvorhalter 24.08.2015
5. Großartig!
BER nicht weiterbauen und mit der eingesparten Kohle für Jahrhunderte einen Hofnarren beschäftigen! Wer ist noch dafür?
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