Airbus-Absturz über Ägypten Russland trauert, Russland spekuliert

Über dem Sinai ist ein russischer Urlaubsflieger mit 224 Menschen an Bord abgestürzt. Die betroffene Fluggesellschaft Kogalymavia flog früher auch für TUI. Über die Absturzursache wird noch gerätselt.

REUTERS

Von , Moskau


Als der Flug 7K9268 am Morgen von den Radaren verschwindet, 23 Minuten nach dem Start im ägyptischen Badeort Scharm al-Scheich, beginnen für Russland nervenaufreibende Stunden voller Wechsel zwischen Schock, Hoffen und Verzweifeln.

Die ersten Meldungen über das Schicksal des Airbus A321 der russischen Gesellschaft Kogalymavia mit 224 Menschen an Bord sind so widersprüchlich, dass viele auf eine Falschmeldung hoffen. Beim Radiosender Echo Moskaus etwa, wo die Moderatorin ausspricht, was viele in diesen Stunden denken: Hoffentlich werde der Jet doch einfach an seinem Ziel eintreffen, in Sankt Petersburg, erwartet 12.20 Uhr Ortszeit. So steht es noch auf der Online-Anzeigetafel des Flughafens, als die ersten Psychologen dort bereits eintreffen.

Um 8.17 Uhr eilen die Nachrichtenagenturen, Flug 7K9268 sei über der Sinai-Halbinsel vom Radar verschwunden. Kurz darauf meldet sich aber ein Vertreter der ägyptischen Flugsicherheit zu Wort: Nein, der Airbus habe den ägyptischen Luftraum doch sicher verlassen.

Fotostrecke

9  Bilder
Russischer Airbus: Absturz auf der Sinai-Halbinsel

So geht es weiter: Das Flugzeug sei "sicher", meldet die Nachrichtenagentur Reuters, wieder unter Berufung auf einen ägyptischen Beamten. Der wiederum will es von der russischen Airline erfahren haben: Ihre Piloten hätten Kontakt mit türkischen Fluglotsen aufgenommen, sie durchquerten nun türkischen Luftraum.

Die Eilmeldungen gehen weiter, und bald spricht gar nichts mehr dafür, dass der Airbus oder seine Passagiere in Sicherheit sind. Ägyptens Ministerpräsident bestätigt den Absturz, alle Passagiere seien tot, zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

Ägyptische Behörden sehen keine Hinweise für einen Anschlag

Es beginnen Spekulationen über die Ursache des Unglücks: Auf Twitter befürchten viele Russen instinktiv einen Terroranschlag, vielleicht gedacht als Vergeltung islamistischer Terroristen für Russlands Luftangriffe in Syrien. Flug 7K9268 war über der Sinai-Halbinsel unterwegs. Im Norden und im Zentrum des Sinai ist die militante Organisation Ansar Beit al-Makdis aktiv. Diese hatte Ende des Vorjahres dem Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die Treue geschworen. Am Samstagnachmittag behauptet die Gruppe auf ihrem Twitter-Account, sie habe das Flugzeug abgeschossen. Die Behauptung lässt sich zunächst nicht überprüfen - und steht im Gegensatz zu den bislang bekannten Fakten zum Absturz und zu offiziellen Angaben.

Der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow sagt der russischen Nachrichtenagentur Interfax, die Behauptung der Terrorgruppe sei falsch. Die ägyptischen Behörden sehen ebenfalls keine Hinweise für einen Anschlag. Sie teilen mit, der Pilot habe bereits kurz nach dem Start technische Probleme gemeldet. Er soll um Erlaubnis für eine Notlandung auf dem nächstgelegenen Flughafen gebeten haben. Im Internet machen Informationen über die Flughöhe des Jets die Runde: Demnach sackte der Airbus kurz vor dem Absturz plötzlich 1700 Meter in die Tiefe.

Kogalymavia-Flug bei Flightradar

Russische Nachrichtenagenturen wiederum zitierten einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Flughafens Scharm al-Scheich. Die Besatzung des Kogalymavia-Fliegers sei ihm bekannt. Sie habe sich in der vergangenen Woche mehrfach an die Techniker des Airports gewandt, "weil das Triebwerk nicht ansprang".

Der Jet war nur eins von sieben Flugzeugen der kleinen Fluggesellschaft Kogalymavia, die bis 2014 auch im Auftrag des deutschen Touristik-Konzerns TUI flog. Sie hat vor wenigen Jahren den Linienbetrieb eingestellt und fliegt mit ihren fünf Airbus-Flugzeugen ausschließlich Charterflüge unter der Marke Metrojet. Der nun betroffene Airbus A321 hatte in den vergangenen Tagen zahlreiche Flüge nach Scharm al-Scheich absolviert, aus unterschiedlichen russischen Städten.

Rettungstrupps haben mit der Bergung der Toten begonnen

In den vergangenen Jahren war es in Russland immer wieder zu schweren Flugzeugunglücken gekommen. Besonders häufig sind dabei Kleinstlinien betroffen. 2011 stürzte eine Chartermaschine der Firma Jak-Service nach dem Start in Jaroslawl ab, dabei kam fast das komplette Team des Eishockey-Erstligisten Lokomotiv Jaroslawl ums Leben. 2012 fing eine Tupolew auf dem Moskauer Vnukovo-Airport Feuer. Betrieben wurde sie von Red Wings, einer Airline mit gerade einmal zehn Flugzeugen. Im November 2013 zerschellte ein Jet von Tatarstan Airlines bei der Landung in Kasan.

Viele der Zwerg-Airlines sparen an der Wartung und fliegen mit älteren Maschinen. Laut russischen Medien soll der Airbus von Kogalymavia 18 Jahre alt gewesen sein, kein übermäßig hohes Alter für ein Flugzeug. Beim Krisenmanagement machte die Fluggesellschaft keine gute Figur. Noch mittags gegen 12 Uhr Ortszeit machten Firmenvertreter den Angehörigen falsche Hoffnungen. Einen Absturz könnten sie derzeit nicht bestätigen, diktierten sie russischen Reportern.

Neue Hoffnung schürten auch Meldungen, Retter hätten an der Absturzstelle Stimmen von Verletzten gehört. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters seien sie von Trümmern eingesperrt.

Bestätigt hat sich das allerdings - wie so viele Hoffnungsschimmer an diesem Tag - bislang nicht. Ägyptische Rettungstrupps haben inzwischen mit der Bergung der Toten begonnen, darunter sind auch die Leichen von mindestens 17 Kindern.

Präsident Wladimir Putin hat für Sonntag Staatstrauer in Russland angeordnet und den Angehörigen sein Beileid ausgedrückt.



insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
maynard_k. 31.10.2015
1. alte Maschinen?
18 Jahre sind für Flugzeuge nicht viel. Die Maschinen der Condor beispielsweise sind im Schnitt 30 Jahre alt. Ein Flugzeug kann auch hundert Jahre fliegen sofern es ausreichend gewartet wird.
Akonda 31.10.2015
2. Was....
...soll man da diskutieren - es nimmt einem den Atem und man denkt an die vielen Angehörigen der Opfer :-(. Es ist unverständlich, dass immer noch veraltete oder schlecht gewartete Maschinen unterwegs sind.
freddygrant 31.10.2015
3. Der Report ist ok ...
... aber SPON sei gesagt, dass die Worte "Russland spekuliert" bei solch einem dramatischen Flugzeugabsturz äußerst unangebracht sind. Wir trauern alle mit Russland!
Schraube 31.10.2015
4. Vgl. Germanwings
Ich meine mich erinnern zu können, dass viele Journalisten etliche Wochen nach dem Germanwings-Absturz in Frankreich, Stein und Bein schwörten, dass sie diese Vermuteritis, die jedm Tweet hinterherrennt zukünftig bleiben lassen wollen. Nun geht's bei dem Absturz freudig weiter. Auch bei dem Germanwings-Absturz waren sich die einen sehr schnell sicher, dass es technische Gründe haben müsste und (vor allem die Fluglinien-nahen) dass es menschliches Versagen sein müsse. Dann kam's ganz anders. Ein Selbstmörder nutze gezielt technisches (eigentlich flugfernes Spezial-)Instrumentarium in der Maschine für einen Mitnahme-Selbstmord. Mal sehen, was wir während der Aufklärung in den nächsten Wochen über diesen Absturz noch alles erfahren.
Bueckstueck 31.10.2015
5.
Zitat von maynard_k.18 Jahre sind für Flugzeuge nicht viel. Die Maschinen der Condor beispielsweise sind im Schnitt 30 Jahre alt. Ein Flugzeug kann auch hundert Jahre fliegen sofern es ausreichend gewartet wird.
Nein, eine Passagiermaschine dieser Grösse kann im Liniendienst natürlich nicht 100, nicht mal 50 Jahre fliegen, egal wie oft gewartet wird - die Struktur altert und müsste komplett ausgetauscht werden um die Höchstbelastungen etwa beim Start mit voller Menschenfracht und Treibstoff auf Dauer zu überstehen. Das wäre aber quatsch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.