Russisches Atom-U-Boot Besatzungsmitglieder erstickten an Bord der "Nerpa"

Tragödie im Japanischen Meer: 20 Menschen kamen an Bord eines russischen Atom-U-Boots ums Leben. Sie erstickten, als sich aus bisher ungeklärten Gründen das Brandschutzsystem aktivierte. Das Unglück ist auch eine Blamage für Moskau - das Schiff sollte nach Ende der Testläufe womöglich an Indien vermietet werden.


Moskau - Es ist das größte Unglück in der russischen Marine seit dem Untergang der Kursk im Jahr 2000: Bei einem Unfall am Samstagabend sind auf dem Atom-U-Boot "Nerpa" (Robbe) 20 Menschen ums Leben gekommen, 22 wurden verletzt. Von den Opfern waren nur drei Marineangehörige - bei den übrigen 17 handelte es sich um zivile Personen, vor allem Schiffbauexperten, die das U-Boot auf der Testfahrt begleiteten.

Nach offiziellen Angaben schaltete sich aus bisher ungeklärten Gründen in zwei Abteilungen das Feuerlöschsystem des U-Boots ein: Dort wurde das Gas Freon (Halogenkohlenwasserstoff) eingeleitet, das im Falle eines Brandes der Luft den Sauerstoff entzieht. Die Besatzungsmitglieder, die sich in den betroffenen Abteilungen befanden, erstickten. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Ria-Nowosti sind allerdings für alle Besatzungsmitglieder Sauerstoffgeräte vorgeschrieben, die es erlauben, trotz des Gasaustritts zehn Minuten lang weiterzuatmen. Verschiedene Experten in russischen Medien vermuten, dass menschliches Versagen bei einem der Versuche ein Grund für das Unglück gewesen sein könnte.

Das U-Boot selbst sei nicht beschädigt, an Bord sei keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden, sagte der Marinevertreter Igor Dygalo. Inzwischen wurden die Verletzten vom U-Boot-Zerstörer "Admiral Tributs" geborgen, das U-Boot selbst kehrte in den Hafen "Bolschoj Kamen" (etwa 40 Kilometer von Wladiwostok) zurück. In der U-Boot-Werft in Komsomolsk am Amur wurden inzwischen Listen mit den Namen der Opfer ausgehängt. Die Leichen wurden bereits nach Nachodka, Wladiwostok und Bolschoi Kamen gebracht.

Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow habe Präsident Dmitrij Medwedew informiert, hieß es in Agenturberichten. Dieser habe umfassende Aufklärung des Vorfalls sowie "größtmögliche Unterstützung" für die Hinterbliebenen der Opfer gefordert. Der Vizeverteidigungsminister Alexander Kolmakow und Marine-Oberkommandeur Admiral Wladimir Wysotskiy befinden sich auf dem Weg an die Pazifikküste. Inzwischen erklärte ein Vertreter der russischen Staatsanwaltschaft, dass sie Anklage wegen "Verletzung der Vorschriften bei der Nutzung von Kriegsschiffen mit Todesfolge" erhoben hat.

Es war das schwerste Unglück der russischen Marine seit dem Untergang der "Kursk" in der Barentssee im Jahr 2000. Damals kamen alle 118 Seeleute an Bord ums Leben. Am 27. September war die "Nerpa" von der Werft am Amur ins Japanische Meer gebracht worden, wo es in der vergangenen Woche seinen ersten Tauchgang erfolgreich absolviert hatte.

Unter den 208 Besatzungsmitgliedern gehörten nur 81 der Marine an- die restlichen 127 waren Experten. Ende letzter Woche hatte die lokale Internet-Zeitung von Komsomolsk-am-Amur "komcity.ru" gemeldet, dass indische Marineangehörige erwartet würden, die auf der "Nerpa" Trainings durchlaufen würden. Ob unter den Opfern oder den Verletzten auch indische Staatsangehörige sind, konnte bisher nicht bestätigt werden.

"Diese U-Boote sind die Basis der russischen Flotte", sagte der Militärspezialist Pawel Felgengauer SPIEGEL ONLINE. Das 12.000 Tonnen schwere und bis zu 33 Knoten schnelle U-Boot gehört zur Klasse "Shuka-B" (in der Nato-Klassifikation "Akula"), die dem Experten zufolge als supermodern gilt. "Das Unglück wird schwerwiegende Konsequenzen haben", sagt er. Denn eine ähnliche Katastrophe könne schließlich auch auf den anderen Schiffen der gleichen Bauart passieren. Auf den U-Booten älterer Bauart konnte das Feuerlöschsystem nur manuell ausgelöst werden.

Der Bau des U-Boots war zwar schon 1991 begonnen worden - mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kollabierte allerdings auch die Finanzierung. Nach indischen und russischen Medienberichten schloss das russische Verteidigungsministerium 2004 einen Leasingvertrag mit Indien, der es ermöglichte, das Schiff fertigzubauen: Die "Nerpa" sollte nach dem Ende der Tests für 650 Millionen Dollar zehn Jahre an die indischen Streitkräfte vermietet werden. Nach den Worten des indischen Marinechefs Sureesh Mehta hatte das U-Boot sogar schon eine indische Bezeichnung: "INS Chakra". Allerdings bestreitet das russische Verteidigungsministerium die Vermietung des Atom-U-Boots.

In der Nähe von St. Petersburg wurde in der Folge des Vertrags ein Ausbildungszentrum für indische U-Boot-Besatzungen eingerichtet. Russland unterstützt Indien seit den siebziger Jahren beim Aufbau einer Untersee-Flotte: Laut Ria-Nowosti sind zwölf der 16 indischen U-Boote russischer bzw. sowjetischer Herkunft. Die restlichen vier wurden unter deutscher Lizenz in Indien gebaut.

In den staatlichen russischen Medien wurde zwar über das Unglück berichtet, die mögliche Vermietung des Atom-U-Boots an Indien kam allerdings nicht zur Sprache.



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