Fotoprojekt Leben in Russlands Einöde

Nur 300 Menschen wohnen im russischen Dorf Kolodozero, sie führen ein einfaches, naturverbundenes Leben. Das hält Fotograf Alexey Myakishev seit Jahren in Bildern fest.

Alexey Myakishev

Ein Interview von


Zur Person
  • Alexey Myakishev
    Alexey Myakishev, Jahrgang 1971, wurde in Kirov im Herzen Russlands geboren. Seit 1999 arbeitet er als freiberuflicher Fotograf in Moskau. In seinen Fotoserien hält er das Leben von Russlands Bevölkerung fest. Vor allem Außenseiter spielen darin eine große Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Myakishev, wie riecht es in der Einöde?

Myakishev: Meinen Sie den Ort, den ich fotografiert habe? Das ist Kolodozero, ein 300-Einwohner-Dorf im Nordwesten Russlands. Da riecht es vor allem nach dem großen See, den es dort gibt. Der Wind trägt den Geruch des Wassers in den Ort. Aber der Geruch hängt auch sehr von den Jahreszeiten ab, die das Leben hier bestimmen. Im Winter sinken die Temperaturen auf minus 40 Grad, und es riecht es nach Frost und Eis, im Frühling nach Tau, im Sommer nach frischem Gras und im Herbst nach Laub.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren seit Jahren die Einwohner Kolodozeros. Was ist an denen so besonders?

Myakishev: Sie führen ein einfaches Leben, wohnen in Häusern aus Holz und sind sehr mit der Natur verbunden. Für sie sind ganz andere Dinge wichtig als für die Menschen aus großen Städten. Auf dem Land ist der Alltag hart. Die Einwohner Kolodozeros leben von ihren Nutztieren, vom Angeln und vom Wald, in dem sie jagen und Beeren sammeln. Sie führen ein Leben wie ihre Vorfahren vor 200 Jahren. Als wäre dort die Zeit stehen geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Internet?

Myakishev: In der Schule schon, aber sonst nicht. Die älteren Einwohner wissen zwar, was das ist, aber sie brauchen es nicht. Sie haben Telefone und Handys, aber die Verbindung ist sehr schlecht. Ich selbst muss immer auf einen Hügel kraxeln, um Empfang zu haben. Nur da komme ich mit meinem iPad ins Netz.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Einwohner, wenn Sie mit Kameras und Tablet dorthin kommen?

Myakishev: Sie kennen mich schon und haben sich an mich und mein Equipment gewöhnt. Ich übernachte immer bei Arkady, dem Priester im Ort. Das schafft Vertrauen, weil die Menschen sehr religiös sind. Arkady ist sehr charismatisch und macht viel im Dorf. Er hat die Holzkirche restauriert, lädt oft Leute zu sich ein und organisiert Theaterstücke und Konzerte.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Menschen in ihrer Freizeit?

Myakishev: Das Dorf ist ziemlich isoliert, die nächste Stadt 70 Kilometer entfernt. Aber im Dorf gibt es zumindest eine Schule und ein Haus der Kultur. Dort finden ab und zu Konzerte und Theaterstücke statt. Die Leute gehen da an den Feiertagen hin. Einige von ihnen haben auch einen Fernseher. Aber eigentlich haben sie dafür kaum Zeit. Sogar die Alten arbeiten noch, weil sie nur eine geringe Rente erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie prägt die Armut die Menschen im Ort?

Myakishev: Viel Geld haben sie nicht, aber sie halten zusammen. Die Familien leben über Generationen gemeinsam in ihren Häusern und sind füreinander da. Einige von ihnen gehen für ein paar Monate weg, um als Saisonarbeiter etwas Geld zu verdienen. Und im Sommer kommen auch mehr Menschen aus der Stadt ins Dorf, weil einige dort eine Datsche, also ein Sommerhaus haben. Für die Bewohner sind das Kunden, denen sie lokale Produkte verkaufen können.

SPIEGEL ONLINE: Wovor haben die Leute Angst?

Myakishev: Vor der Armut haben sie zumindest keine Angst, aber vor Wölfen. In den umliegenden Wäldern gibt es sehr viele davon. Sie jagen und reißen die Hunde im Ort.

SPIEGEL ONLINE: Wovon träumen die Einwohner?

Myakishev: Einige junge Leute träumen von einem anderen Leben, vielleicht in einer großen Stadt. Viele von ihnen ziehen nach der Schule nach Petrosawodsk, um dort zu studieren. Das hängt aber immer auch von der Familie ab. Wenn die Eltern ihren Kindern die Liebe zur Natur mitgeben können, dann bleiben auch einige. Im Dorf gibt es einen Akademiker, der sein Diplom gemacht und dann zurückgekommen ist, weil er es in Kolodozero so schön findet. Nun arbeitet er auf einer Farm, weil er die Arbeit mit den Tieren mag.

SPIEGEL ONLINE: Warum fahren Sie immer wieder in dieses kleine Dorf?

Myakishev: Kolodozero ist mein Rückzugsort. Da verschwinden meine Alltagssorgen zwar nicht, aber ich muss nicht immerzu an sie denken. Ich kann in den Ort versinken, ich fühle mich wie ein Teil von ihm. Alles ist so authentisch. Wenn ich da bin, schaue ich in den Himmel und denke über das Leben nach. Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Meine Existenz wird mir hier viel bewusster.

Das Interview wurde für das Fotoportal seenby geführt.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
bronstin 21.07.2016
1. Man hätte
die Stadt auch deutsch transkribieren können: Kirow - oder noch besser den alten Wjatka genommen. Kirow war schon bis zu seinem Tod so naja, halt wie Stalin mit allem drumherum
f-rust 21.07.2016
2. Danke.
wohltuend. das interview. das worum es darin geht.
willibaldus 21.07.2016
3. Und das ist wirklich West Russland und nicht
Hinter-Sibirien?
helgeharder 21.07.2016
4.
Zitat von willibaldusHinter-Sibirien?
Nein, es ist im Westteil Russlands, in Karelien, wenn ich das richtige sehe. Ungefähr 600km nordöstlich von St. Petersburg. Ich finde es auch immer wieder faszinierend, wenn man durch Rußland fährt und meint, man sei mindestens 100 Jahre in die Vergangenheit gereist. Natürlich gilt das nicht für große Städte wie Moskau etc., aber auf dem Land ist die Zeit echt stillgestanden.
humorrid 21.07.2016
5. Danke
Super Bilder und auch Interview, endlich geht es um die Leute und nicht um Putin. Danke fürs Unpolitische.
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