Missbrauchs-Video aus Russen-Knast: "Du Stück Scheiße"

Von , Moskau

Das Video eines brutalen Übergriffs sorgt für Empörung in Russland: Weil ein Häftling seine Gefängniskluft nicht anziehen wollte, schlugen und traten ihn Wärter. Das Video steht für die üblen Zustände in den Straflagern. Deren Insassen beginnen, sich zu wehren.

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Die Schilderung der russischen Gefängnisbehörde kommt sperrig-bürokratisch daher. Der Gefangene M. habe sich "äußerst frech" verhalten und "in kategorischer Form (...) geweigert seine Zivilkleidung abzulegen". In der Folge seien von den Gefängnismitarbeitern "Spezialmittel" angewendet worden, sowie "physische Gewalt".

Wie genau die Wärter der Strafkolonie Nummer zehn im südrussischen Rostow den renitenten Häftling malträtierten, davon können sich russische Bürger inzwischen ein Bild im Internet machen. Ein Video der Misshandlung ist im Netz aufgetaucht. Häftling M. ist auf dem Streifen zu sehen, ein kräftiger junger Mann von 20 Jahren. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im April ist er gerade erst verurteilt worden: Dreieinhalb Jahre wegen Raub und leichter Körperverletzung. Er wurde aus dem Untersuchungsgefängnis in das Straflager verlegt.

"Du Stück Scheiße"

Die Wärter haben ihn in ein Nebenzimmer geführt, eine Stimme im Off befiehlt, das Fenster zu schließen. "Du Stück Scheiße", rufen die Männer, "Schwuchtel", sie schlagen auf den Kopf und in den Unterleib. Ihr Opfer versucht sich wegzudrehen. Wehren kann er sich nicht, er trägt die Arme auf den Rücken gefesselt. Als der Gefangene zu Boden stürzt treten sie auf ihn ein.

Das Misshandlungs-Video steht für die üblen Zustände in Russlands Strafvollzug und zeigt die bescheidene Bilanz der vor drei Jahren angelaufenen Gefängnisreform von Dmitrij Medwedew, damals Präsident, heute Premierminister.

Wie zu Sowjetzeiten heißen die Straflager noch immer "Besserungsanstalten". Dabei ist es oft erst die harte Lagerhaft, die aus Dieben, Gaunern und Betrügern brutale Schwerkriminelle macht. In Russlands Gefängnissen herrschen raue Sitten. Unter den Häftlingen führen vielerorts Mafia-Bosse das Kommando, die sogenannten Diebe im Gesetz. Wie zu Sowjetzeiten auch werden Verurteilte immer noch in Gefängnisse verlegt, die weit entfernt liegen von den großen Städten, von Angehörigen und offenbar auch zu weit entfernt von den Augen der staatlichen Kontrolleure.

Russlands Gefängnisse seien halb Erbe der Zuchthäuser des Zaren, halb Erbe des Gulags, hat Russlands Justizminister Alexander Konowalow einmal gesagt. Gulag hieß das weit verzweigte System von Stalins Arbeitslagern.

Kein anderes Land in Europa sperrt so viele seiner Bürger weg wie Russland, die Inhaftierungsrate liegt sechsmal höher als in Deutschland. Rund 700.000 Männer und Frauen verbüßen Haftstrafen, hinzu kommen laut Schätzungen 300.000 Menschen in Untersuchungshaft. Diese Situation "deformiert unsere Gesellschaft, macht sie moralisch krank", mahnt Senator Nikolai Fjodorow, ein ehemaliger Justizminister.

Entlassung bei guter Führung gegen Zahlung von 50.000 Rubel

Mitte November rebellierten 250 Insassen der Strafkolonie Nummer sechs im Städtchen Kopeisk nahe der Grenze zu Kasachstan gegen die Gefängnisverwaltung. Trotz Frost versammelten sich die Männer in schwarzen Mützen und schwarzen Jacken auf dem Dach eines Gefängnisgebäudes. "Sie schlagen und erniedrigen uns" hatten sie auf ein großes Transparent geschrieben. "Die Verwaltung presst uns Geld ab" auf ein anderes. Zwei Tage dauerte der Aufstand. Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass die Gefängnisverwaltung Häftlinge bei guter Führung nur gegen Zahlung von 50.000 Rubel gehen ließ, umgerechnet 1250 Euro.

Die Gefängnisrevolte von Kopeisk war kein Einzelfall. Im Juli traten in der Provinz Baschkortostan 900 Häftlinge der Kolonie Nummer vier in den Hungerstreik, nachdem der Häftling Sergej Lasko von Wachen zu Tode geprügelt worden war. "Sie schlagen Häftlinge, bis sie blau werden", berichtete die örtliche Menschenrechtlerin Almira Schukowa. Die Gefängnisverwaltung habe laute Musik spielen lassen, damit niemand Laskos Schreie hört. Ein Gefangener erzählte der Aktivistin: "Wenn die Musik beginnt wissen wir, dass sie wieder jemanden schlagen."

Fälle, in denen Misshandlungen öffentlich werden, sind selten. Die Umstände, unter denen das Video des Übergriffs auf den 20-jährigen Häftling M. nun den Weg ins Internet fand, sind unklar. Am Ende des Sechs-Minuten-Streifens fällt der Häftling auf die Knie und fleht seine Peiniger um Gnade an.

"Ich bitte euch, verzeiht mir! Um Gotteswillen!" - "Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen", antworten die Wärter und knebeln ihn den Mund mit der Häftlingsmütze, die er nicht überziehen wollte. Dann endet der Film. Fünf Gefängnismitarbeiter wurden wegen des gewalttätigen Übergriffs verhaftet.

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