Großbrand in russischem Einkaufszentrum Das Inferno von Kemerowo

Mehr als 60 Menschen sterben bei einem Feuer in einem sibirischen Einkaufszentrum, darunter viele Kinder und Jugendliche. Russland erlebt erneut einen verheerenden Brand - wieder geht es um Schlamperei.

REUTERS

Von , Moskau


"Wir brennen", schreibt Maria im russischen Facebook VKontakte. "Ich liebe euch. Alle. Wahrscheinlich verabschiede ich mich für immer." Wenige Stunden später stirbt das Mädchen im Krankenhaus in Kemerowo, einer Industriestadt in Westsibirien, 3000 Kilometer von Moskau entfernt.

Maria ist eines von bislang 64 offiziell bestätigten Opfern, die das Großfeuer im Einkaufszentrum Simnjaja Wischnja, zu Deutsch "Winterkirsche", nicht überlebt haben. Unter den Toten sind zahlreiche Kinder und Jugendliche, auch acht Schüler einer Klasse. Viele sind den Behörden zufolge noch nicht identifiziert. Noch immer werden sechs Menschen vermisst, noch immer schwelt der Brand in dem mehrstöckigen Gebäude, aus dem Sicherheitskräfte Leichen bergen. Im Dach klaffen riesige schwarze Löcher, es ist an mehreren Stellen eingestürzt.

Russland erlebt erneut eine schwere Brandkatastrophe, die einmal mehr belegt, wie wenig Sicherheitsvorkehrungen in dem Land zählen. Vielen Russen ist noch das verheerende Feuer in Perm in Erinnerung. 2009 waren dort in einem Nachtklub mehr als 150 Menschen gestorben, nachdem in dem Gebäude Feuerwerk gezündet worden war. Die Funken entzündeten die aus Reisig gefertigte Deckenverkleidung, die sofort wie Zunder brannte. Im September 2013 kamen 37 Patienten bei einem Brand in einer Psychiatrie in Luka im Gebiet Nowgorod ums Leben, im März 2015 in einem Einkaufzentrum in Kasan elf Menschen.

In Kemerowo trauern die Menschen am Montag, legen Rosen, Nelken und Plüschtiere in der Nähe des Einkaufszentrums in der Stadtmitte nieder, zünden Kerzen für die Opfer an. Drei Tage Trauer haben die Behörden angesichts des verheerenden Brandes angesetzt. Was sich im Simnjaja Wischnja ereignet hat, macht viele sprachlos.

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Brandkatastrophe in Russland: Trauer in Kemerowo

Sonntagnachmittag, es ist viel los im Gebäude, wie immer an den Wochenenden. Das Einkaufszentrum ist beliebt bei Kindern und Jugendlichen, neben 14 Geschäften und Restaurants gibt es einen Streichelzoo, Trampoline, eine Eislaufbahn und ein großes Kino.

Augenzeugen berichten, wie sich im vierten Stock auf einmal schwarzer Rauch ausbreitet. Fernsehbilder zeigen später dunkle große Rauchsäulen über dem Gebäude.

Innen im Gebäude wartet Aleksandr Lillewjali auf seine drei Töchter, fünf Jahre alt und elf Jahre alte Zwillinge. Er hat sie ins Kino gebracht, sie schauen sich den Zeichentrickfilm "Sherlock Gnomes" an. Nach eineinhalb Stunden habe eines seiner Kinder angerufen und gesagt, dass es Rauch im Kinosaal gebe und sie nicht rauskönnten, erzählt er dem Internetportal "Meduza". Er will helfen, kommt aber nicht in den Saal, bittet Einsatzkräfte, seine Töchter zu retten - ohne Erfolg. Seine Kinder, die ihn immer wieder anrufen und um Hilfe bitten, sterben.

Ermittler sehen "schwere Verstöße"

Auch andere Augenzeugen erzählen, Notausgänge und Türen seien verschlossen gewesen. Es habe auch keinen Feueralarm gegeben. Das Ermittlungskomitee erklärte am Montag, einer der Wachleute habe den Alarm ausgeschaltet - warum ist nicht bekannt, auch nicht, wo sich der Mann aufhält. Die Behörde bestätigte, dass Notausgänge geschlossen waren, spricht von "schweren Verstößen". Wieso die möglich waren, sagte niemand. Von Korruption ist in den sozialen Medien die Rede, davon, dass zuletzt 2016 eine Kontrolle stattgefunden habe.

Die Kinderbeauftragte der Regierung, Anna Kusnezowa, spricht von Schlamperei und Fahrlässigkeit. Es kursieren erste Mutmaßungen zur Brandursache. Mal heißt es, ein defektes Kabel habe das Feuer verursacht. Mal sollen angeblich zwei Jugendliche ein Trampolin angezündet haben. "Der eigentliche Grund für diese Katastrophe ist nicht irgendein Kabel, sondern, wie wir mit den Bestimmungen umgehen", sagt Kusnezowa. Landesweit sollen nun die Einkaufszentren überprüft werden.

Vier Menschen, darunter die Generaldirektorin des Kemerowoer Einkaufszentrums, eine ehemalige Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland, wurden bereits am Morgen festgenommen. Es soll Baumängel an dem Gebäude geben und minderwertiges Material verbaut worden sein.

Die Immobilie wird seit 2013 als Einkaufszentrum genutzt. Über ein Netz an Tochterfirmen einer Holding soll sie Denis Schtengelow gehören, der mit Süßigkeiten und Snacks Millionen Euro verdient hat. Die Besitzverhältnisse will der Geschäftsmann, der inzwischen in Australien lebt, weder bestätigen noch dementieren. Er sei im Kontakt mit den Behörden, sagte er der Zeitung "RBK". Eine seiner Tochterfirmen soll die Flächen in dem Einkaufzentrum vermietet haben.

Gouverneur nicht am Unglücksort

Aman Tulejew, langjähriger Gouverneur der Region Kemerowo, fordert von dem Besitzer des Einkaufszentrums nun finanzielle Unterstützung für die Angehörigen der Opfer. Tulejew meldete sich im staatlichen Fernsehen zu Wort, das am Sonntag, als die Zahl der Toten nach und nach stieg, erst sehr spät begann, über die Katastrophe zu berichten.

Der Gouverneur stellte den Angehörigen der Opfer jeweils eine Million Rubel, etwa 14.000 Euro, und weitere Hilfe in Aussicht. Zum Einkaufszentrum fuhr er nicht. Seine Eskorte würde die Löscharbeiten dort behindern, sagte ein Sprecher - eine Begründung, die Empörung auslöste: "Was für eine Eskorte, sind sie wahnsinnig? Entlassen sie ihren PR-Idioten. Gehen sie zu Fuß, kriechen sie", kommentierte der Kreml-nahe Politologe Alexej Tschesnakow. Und der Chefredakteur des Kreml-kritischen Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow forderte auf Twitter: "Aman Tulejew soll zurücktreten."

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