Russlands Waldbrandopfer: Tragödie nach der Jahrhundertglut

Aus dem Moskauer Umland berichtet

Die Krise scheint vergessen, doch bewältigt ist sie nicht: 2010 brannte eine Feuerwalze das Dorf Mochowoje vor Moskau nieder. Premier Putin überwachte den Wiederaufbau per Videokamera. Geholfen hat das wenig. Heute kämpfen die Menschen gegen Überschwemmungen - und neue Brände.

Waldbrandopfer in Russland: "Für die Verwaltung sind wir Feinde" Fotos
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Die alte Tamara hat ihr Dorf nicht oft verlassen: Einmal, nach Stalins Tod, reiste sie zu einem sowjetischen Jugendfestival nach Moskau. Dann, fast sechs Jahrzehnte später, verließ sie Mochowoje, 150 Kilometer vor Moskau gelegen, zum zweiten Mal, und diesmal für immer.

Jetzt hockt Tamara Fjodorowna Michailowa, 74, krause graue Locken, zwischen einem nagelneuen Kühlschrank, einer weißen Waschmaschine und glänzenden Möbeln. "Ich habe in meinem ganzen Leben nie solchen Luxus gekannt", sagt sie. "Ich danke der Regierung für die schnelle Hilfe." Dann streicht Tamara ein wenig verschämt ihren geblümten Kittel glatt, dreht sich zur Seite und weint ein wenig. "Aber die Heimat habe ich verloren", schluchzt sie.

Der Untergang brach plötzlich über Mochowoje herein und brummend wie eine Bomberstaffel. Ende Juli 2010, in Russland tobten seit Wochen schwere Torf- und Waldbrände, stieg schwarzer Rauch über dem Wald nahe Tamaras Haus auf. Sie griff nach der Ikone der Gottesmutter Maria und kniete sich betend auf die staubige Straße. Es half nichts: Tosend fegte der Feuersturm kurz darauf über die Baumwipfel auf die Häuser zu. Nicht alle Dörfler konnten fliehen. Einige Alte versteckten sich in ihren Vorratskellern, sieben erstickten.

Die Tragödie von Mochowoje war einer der traurigen Höhepunkte der Brandkatastrophe im vergangenen Jahr, ein Fanal vor den Toren der russischen Hauptstadt, nur zwei Autostunden vom Kreml entfernt. Rund 150 Dörfer wurden bei den schwersten Bränden in Russland seit Jahrzehnten verwüstet, 2000 Gebäude zerstört, mehr als 2200 Bewohner obdachlos.

Mindestens 53 Menschen kamen ums Leben, 90.000 wurden noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Tagelang lag die Millionenmetropole Moskau unter einer dicken Smogglocke. Ausländische Unternehmen ließen ihre Mitarbeiter ausfliegen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums stieg die Zahl von Atemwegserkrankungen sprunghaft an, die Sterblichkeit in der Hauptstadt nahm um 50 Prozent zu. Insgesamt fielen der anormalen Hitze und dem Smog laut Regierungsangaben bis zu 55.000 Menschen zum Opfer.

Schlecht ausgerüstete Feuerwehren bekämpften die Jahrhundertbrände

Russlands Führung erkannte erst spät das Ausmaß der Katastrophe. Wladimir Putin sei wohl mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, lästerte Julija Latynina, Kolumnistin der oppositionellen Tageszeitung "Nowaja Gaseta". Der Premierminister hatte sich mit Bikern getroffen und die in den USA aufgeflogene Agentin "90-60-90" Anna Chapman empfangen, während in seinem Land unterbesetzte und schlecht ausgerüstete Feuerwehren die Jahrhundertglut bekämpften.

Dort, wo einst der Ortseingang von Mochowoje lag, ragt heute ein drei Meter hohes Holzkreuz in die Höhe, ein Grabmahl für ein totes Dorf. "Bewahre Euch Gott", steht darauf. Ein Jahr nach dem Feuer wuchern Farne auf der Asche der verbrannten Holzhäuser, und vor den Kellern, aus denen die Bergungstrupps die Leichen zogen, blüht Kamille. In den Ruinen der wenigen Steinhäuser hausen nun Wanderarbeiter ohne fließendes Wasser. Es sind billige Tagelöhner wie Murat, 45, aus Usbekistan, die der findige Besitzer eines nahen Sägewerks dort einquartiert hat.

Bereits wenige Tage nach dem Feuer ordneten die Behörden an, Mochowoje aufzugeben. Zu klein schien der 300-Seelen-Ort, zu kostspielig der Neubau und Unterhalt von Straßen, Stromkabeln, Kanalisation und dem kleinen Sanitätsposten. Stattdessen baute der russische Staat in der Nachbarstadt Beloomut ein neues Viertel für die Menschen von Mochowoje. Für die Alten wie Tamara Fjodorowna mag der Neuanfang dort schwer sein, vor allem, weil der nächste Laden fast einen Kilometer Fußmarsch entfernt liegt, und kein Bus in der neuen Siedlung stoppt. Vielen Umsiedlern geht es mit den schmucken Fertigbau-Häuschen sogar besser als zuvor, junge Familien nutzen die großen Gärten, um ihre Häuser auf eigene Faust noch zu erweitern.

Den Aufbau der neuen Dörfer gemäß "moderner Technologien" machte Wladimir Putin zur Chefsache. Der Premier ließ Videokameras in den betroffenen Dörfern installieren, um den Wiederaufbau in Echtzeit zu überwachen und den örtlichen Beamten auf die Finger zu schauen.

Geholfen hat das freilich nicht immer.

Anna Jegorowna Surowowa entkam dem Feuer in Mochowoje nur mit Mühe und Not, die Flammen kokelten der 72-Jährigen Haare und Kleid an. Jetzt steht sie wütend in ihrem neuen Vorgarten in Beloomut und zeigt auf die andere Seite der neuen Fertighaussiedlung. "Gucken Sie, ,Putins Auge' schaute genau in die andere Richtung, weg von mir. Deshalb ist bei meinen Nachbarn alles in Ordnung, mein Kartenhäuschen dagegen droht bei jedem Regen weggespült zu werden."

"Hütte mit angeschlossenem Swimmingpool"

Weil der Boden zu sumpfig ist und die Fundamente schlampig gelegt wurden, stand bei Annas Einzug im November das Wasser einen Meter hoch im Keller. Anfangs ertrug die Alte den Misstand mit Humor. "Hereinspaziert in meine Hütte mit angeschlossenem Swimmingpool", scherzte sie, als die ersten Journalisten sie vor einem halben Jahr besuchten.

Doch auch der Einsatz von Pumpen brachte keine Besserung: Nach jedem Regenguss läuft der Keller wieder voll. Ursache ist ein Planungsfehler: Annas Hütte liegt tiefer als die der Nachbarn, einen halben Meter unterhalb der Straße. Die Stadtadministration hat Abhilfe bis Mai versprochen, passiert ist nichts. "Wenn wir uns beschweren wimmelt man uns am Telefon ab, und die Verwaltung behandelt uns inzwischen wie Feinde", sagt Annas Sohn.

Noch immer watet Anna knöcheltief im Wasser, wenn sie die kleine Holztreppe hinabsteigt. Schimmelpilze bevölkern die Wände des Kellers, der eigentlich als Vorratskammer für eingemachte Früchte und Kartoffeln dienen sollte. Im Winter zog es eiskalt durch Spalten hoch ins Bad, und der Holzfußboden im Flur wirft wegen der Nässe Dellen wie ein Wellblechdach.

Nachbarin Tamara Fjodorowna hat ebenfalls mit Wassereinbrüchen zu kämpfen. "Dann stinkt es im ganzen Haus, als sei jemand im Keller krepiert", sagt sie.

Auch beim Wiederaufbau von Werchnaja Werja, einem Dorf 300 Kilometer östlich von Moskau, konnten Putins Kamera-Augen nicht verhindern, dass bei der Drainage geschlampt wurde. Auch dort laufen die Keller voll. Wenn es regnet, stellte der Chef der oppositionellen Jabloko-Partei, Sergej Mitrochin, bei einem Besuch fest, tropft es zusätzlich von der Decke. Die Ursache für die Probleme liegt in der großen Eile, mit der die neuen Unterkünfte gebaut wurden. In Beloomut wurden 150 Häuser in nur drei Monaten hochgezogen, damit die Feuerflüchtlinge sie noch vor dem Winter beziehen konnten.

Die Waldbrandsaison hat in Russland wieder begonnen. Laut Angaben des Katastrophen-Schutzministeriums haben die Feuer bereits jetzt eine Fläche erfasst, die dreimal größer ist als sie es vor einem Jahr zur gleichen Zeit war."Die Prognose der Meteorologen ist ungünstig", sagt Alexej Jaroschenko von Greenpeace Russia. "Das heißt, wir erwarten einen trockenen und heißen Sommer. Aber das Land ist noch schlechter auf die Waldbrände vorbereitet als vor einem Jahr", warnt er.

Anfang Juni kroch wieder schwerer Brandgeruch unter der neuen Haustür von Tamara Fjodorowna in Beloomut hindurch, und wieder stieg Rauch bedrohlich gegenüber ihres Hauses auf. Nur einen Steinwurf von ihrem Zaun entfernt brannte der Wald. Diesmal bekam die Feuerwehr die Flammen schnell unter Kontrolle. Die Ikone der Gottesmutter, die Tamara aus Muchowoje retten konnte, liegt dennoch seither griffbereit auf dem braunen Nachtschränkchen in ihrem neuen Haus. Sicher ist sicher.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
snickerman 04.07.2011
Die verdorrten Torfböden, die einmal für potentielle landwirtschaftliche Zwecke drainiert worden waren, müssen langfristig entweder ausgeräumt oder wiederbewässert werden. Kanäle muss man graben, die das Wasser zurückbringen und andere, die es ableiten, versperren. Aber das ist langfristig und mühsam, auch kostspielig, so wie die Einstellung, Ausbildung und Ausrüstung von tausenden von zusätzlichen Feuerbekämpfern. Nichts für Politiker, die sich bei Einweihungen fotografieren lassen möchten...
2. Herr Bidder
glad07 04.07.2011
Zitat von sysopDie Krise scheint vergessen, doch bewältigt ist sie nicht: 2010 brannte eine Feuerwalze das Dorf Mochowoje vor Moskau nieder. Premier Putin überwachte den Wiederaufbau per Videokamera. Geholfen hat das wenig. Heute kämpfen die Menschen gegen Überschwemmungen - und neue Brände. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,770987,00.html
ist eigentlich New Orleans schon aufgebaut worden? Wieso wird darüber nichts berichtet? Vor 5 Jahren ist's passiert, nicht im letzten Sommer.
3. alle vier Jahre
hegelotl 04.07.2011
Zitat von sysopHeute kämpfen die Menschen gegen Überschwemmungen - und neue Brände.
..., von denen man in den nächsten Wochen mit Sicherheit hören wird. Aus Rußland kommen hauptsächlich drei Arten von Nachrichten: 1. Terroranschlag 2. Journalist/in oder Oppositionelle/r ermordet 3. Das halbe Land steht in Flammen Zusätzlich gibt es alle vier Jahre ausführliche Berichte über Rußlands Theaterszene, wenn die beiden Politfarcen "Dumawahl" und "Präsidentenwahl" aufgeführt werden. Inszenierung in beiden Fällen durch den "nationalen Führer"-Regisseur Wladimir Putin.
4. Wir hören in den Nachrichten das, was....
iskin 04.07.2011
Zitat von hegelotl..., von denen man in den nächsten Wochen mit Sicherheit hören wird. Aus Rußland kommen hauptsächlich drei Arten von Nachrichten: 1. Terroranschlag 2. Journalist/in oder .....
der dumme Michel eben hören soll. In Rußland ist alles schlecht, mit denen wollen und sollen wir nichts zu tun haben. Wir sollten lieber so schlau sein, und ein riesiges starkes Europa mit den unendlichen Resourcen Rußlands zu "bauen". Stattdessen sind wir angekettet an diesen aggressiven Bankrottstaat USA. Eine Schande ist das, denn, wenn Sie mal nach Rußland fahren würden, Ihnen sehr viel Sympathe entgegenschlagen würde. Kein Wort mehr davon, dass wegen des zweiten Weltkriegs mehr als 20 Millionen Russen umgekommen sind.
5. Immer Unterschied zwischen den Menschen und der Regierung
Koda 04.07.2011
Zitat von iskinder dumme Michel eben hören soll. In Rußland ist alles schlecht, mit denen wollen und sollen wir nichts zu tun haben. Wir sollten lieber so schlau sein, und ein riesiges starkes Europa mit den unendlichen ......
Die Russen als Menschen sind sicher sehr sympathisch; ebenso wie die meisten Menschen in Afrika oder Asien. Nur die Systeme in denen sie leben, können grausam sein.
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