Ryanair-Notlandung in Frankfurt-Hahn "Wir fühlen uns alleingelassen"

Als eine Ryanair-Maschine in Frankfurt-Hahn notlandet, sitzt Minerva Galvañ Domenech auf Sitz 8B. Im Interview berichtet sie von Panik in der Kabine - und erhebt Vorwürfe gegen die Billigairline.

Dieses Foto hat Minerva Galvañ Domenech während des Flugs gemacht
Minerva Galvañ

Dieses Foto hat Minerva Galvañ Domenech während des Flugs gemacht

Ein Interview von


Ryanair-Flug FR7312 aus Dublin sollte eigentlich gegen 23.15 Uhr im kroatischen Küstenort Zadar ankommen. Doch wegen eines plötzlichen Druckabfalls in der Kabine musste die Maschine der Billigfluglinie in Frankfurt-Hahn notlanden. Bei einem kontrollierten Sinkflug verlor das Flugzeug in rund sieben Minuten knapp 9000 Meter an Höhe. Nach der Landung wurden 33 der 189 Fluggäste wegen Blutungen in Ohren, Mund und Nase ins Krankenhaus gebracht.

Minerva Galvañ Domenech, eine Callcenter-Arbeiterin aus dem spanischen Alicante, saß in der Maschine auf Sitz 8B. Ihr kroatischer Freund saß in einem anderen Teil des Flugzeugs, er musste ins Krankenhaus. Im Interview wirft Galvañ Domenech der Billigfluglinie schlechtes Krisenmanagement vor.

Minerva Galvañ Domenech
Minerva Galvañ

Minerva Galvañ Domenech

SPIEGEL ONLINE: Frau Galvañ Domenech, wie geht es Ihnen?

Galvañ Domenech: Es geht so, vielen Dank. Ich bin noch immer geschockt von der Notlandung. Dazu bin ich erschöpft und müde. Viele Passagiere, darunter ich, mussten die Nacht am Flughafen verbringen. Wir haben noch nicht einmal ein Hotelzimmer gestellt bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie beschreiben, wie Sie die Notlandung erlebt haben?

Galvañ Domenech: Es hat auf dem Flug plötzlich ein komisches Geräusch gegeben. Fast im selben Moment bekam ich starke Ohrenschmerzen. Die Maschine verlor sehr schnell an Höhe. Es stank nach Gas. In meinem Mund war ein beißender, metallischer Geschmack. Dann fielen Sauerstoffmasken herunter. Aus dem Lautsprecher dröhnte eine Durchsage. "Emergency landing. Emergency landing." Immer wieder.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Galvañ Domenech: Ich dachte: Bitte, das darf nicht der letzte Tag meines Lebens sein. Ich zitterte unkontrolliert. Ich umklammerte die Hand eines Fremden neben mir. Dann blickte ich aus dem Fenster. Ich versuchte zu erkennen, wo wir sind. Doch ich sah gar nichts. Nur Himmel. Ich dachte: Bitte, lass uns nicht über dem Meer sein!

Die Kabine während der Notlandung
Minerva Galvañ

Die Kabine während der Notlandung

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierten die anderen Passagiere?

Galvañ Domenech: Die Frau neben mir blickte mich aus weit aufgerissenen Augen an. Gleichzeitig weinte sie. Ich glaube, sie hatte einen Schock. Um uns war es sehr still. Ich glaube, nicht einmal die Babys weinten.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah dann?

Galvañ Domenech: Irgendwann sah ich Lichter vor dem Fenster. Ich wusste jetzt: Wir sind nicht über dem Meer. Das beruhigte mich etwas. Wenig später hörte der starke Sinkflug auf. In der Kabine war wieder Sauerstoff. Ich war erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Die Landung verlief dann normal?

Galvañ Domenech: Ja. Aber wir waren noch immer alle sehr aufgebracht. Wir wollten vom Bordpersonal wissen, was passiert ist. Doch wir bekamen keine Antwort. Die Stewards sagten nur: "Wir wissen noch nicht, was passiert ist."

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie nach der Landung direkt aussteigen?

Galvañ Domenech: Nein. Wir mussten noch gut eine Dreiviertelstunde warten, bis sich die Türen öffneten. Manche Passagiere weinten, andere waren geschockt, wieder andere wurden zornig. Manche bluteten aus Ohren, Mund oder Nase.

Blutige Sauerstoffmaske
Minerva Galvañ

Blutige Sauerstoffmaske

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie ausgestiegen waren: Wie wurden Sie betreut?

Galvañ Domenech: Wer blutete oder Kopfschmerzen hatte, wurde mit der Ambulanz ins Krankenhaus gebracht, darunter auch mein Partner. Ein paar Familien mit Kindern wurden in einem nahegelegenen Militärstützpunkt untergebracht. Die meisten Passagiere aber mussten am Flughafen übernachten.

Ryanair teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, es habe eine "Knappheit von verfügbaren Unterkünften" geherrscht; daher habe man die Passagiere nicht in Hotels unterbringen können. Warum man sie nicht in die nächstgelegenen Städte gebracht hat, sagte ein Sprecher nicht. Mit dem Auto sind es rund 70 Kilometer bis Koblenz oder Trier und etwa 125 Kilometer bis Frankfurt am Main.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Passagiere, die unter Schock standen, psychologisch betreut?

Galvañ Domenech: Nein. Weder vom Flughafenpersonal noch von Ryanair. Das Einzige, was ich bekam, war eine Standard-Mail, die mich über meine Fluggastrechte aufklärte.

Ryanair-Passagiere am Flughafen Frankfurt-Hahn
Minerva Galvañ

Ryanair-Passagiere am Flughafen Frankfurt-Hahn

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Partner, der ins Krankenhaus musste? Wie hat sich Ryanair um ihn gekümmert?

Galvañ Domenech: Mein Partner wurde ebenfalls nicht von Ryanair kontaktiert. Er zahlte seine Krankenhausrechnung letztlich selbst, 68 Euro. Dann fuhr er mit dem Taxi zurück zum Flughafen, ebenfalls auf eigene Kosten. Das lässt sich sicher einreichen, aber ich finde das trotzdem empörend. Wir fühlen uns alleingelassen. So behandelt man doch keine Menschen.

Ryanair teilte mit, man entschuldige sich aufrichtig für die Unannehmlichkeiten. Auf die konkreten Vorwürfe von Galvañ Domenech ging die Pressestelle nicht ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Galvañ Domenech: Uns wurde gesagt, dass am Nachmittag ein Bus abfährt, der uns nach Zadar fährt. Er wurde für die Passagiere organisiert, die wegen der Blutungen vorerst nicht fliegen sollen. Mein Freund und ich werden diesen Bus nehmen. Mein Freund ist Kroate. Er will sich in seiner Heimat noch einmal genauer von einem Arzt untersuchen lassen.



insgesamt 130 Beiträge
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weltraumschrott 14.07.2018
1. Denkt an die Preise...
Ryanair fliegt für einen Zehner (in Worten: zehn Euro) von Berlin Tegel nach Palma de Mallorca. Da darf man auch im Falle einer Havarie keinen Service erwarten. Ich wette, wenn Flixbus eine Panne hat, zahlen die auch keine Hotelübernachtung.
teichenstetter 14.07.2018
2. 50 Euro
für einen Flug bezahlen und dann ein Hotelzimmer gestellt bekommen wollen.
peter-11 14.07.2018
3. Billig
... geht zu Lasten der Sicherheit und ganz sicher zu Lasten des Services. Insofern sollte man sich schon überlegen mit welcher Airline man fliegt. Die Sicherheit muss gewährleistet sein, aber alles immer billiger haben zu wollen und dann noch einen Topservice zu erwarten, ist irgendwie weltfremd.
SGPDIDA 14.07.2018
4. Eine der schlimmsten Airlines die es gibt!
Für diese Nummer muss Ryanair auseinander genommen werden. Die Leute so alleine zu lassen zeigt was für eine schlechte Airline Ryanair ist. Billig hin oder her, hier haben sie bewiesen das sie die Basics nicht beherrschen und damit keine vertrauenswürdige Airline sind.
aleron 14.07.2018
5. Willkommen bei Ryanair. Wie ich schon in einem anderen Beitrag geschri
anderen Beitrag geschrieben habe, Ryanair ist billig, in jeder Hinsicht. Lieber 20 oder 30 Euro mehr ausgeben und dafür aber den Flug geniesen können. Wer das nicht braucht kann gerne weiter diese Fluggesellschaft nehmen. Zum Leidwesen der Beschäftigten sowie der Fluggäste wird es Ryanair noch viel zu lange geben.
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