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S.P.O.N. - Fame Fatale: Seh-Krieg der Milliardäre

Von Steffi Kammerer

Wer hat die schickste, schönste, längste? Vor der Karibik-Insel St. Barth dümpeln zum Jahreswechsel die größten Privat-Yachten der Welt - zum Schaulaufen der Superreichen. Die Frage ist: Was soll das?

Die Yacht war mir aufgefallen, weil sie die einzige im Hafenbecken von St. Barth war, von der ziemlich laute Musik schallte. Durch einen Zufall traf ich Tage später einen Offizier, der auf eben jenem Partyboot arbeitete. Er deutete ans andere Ende des Restaurants. Hinter der Säule sitze sein Boss. "Wer ist es denn?", fragte ich. Er antwortete mir zögerlich. Und flüsternd.

Und weil der Boss ein wirklich sehr einflussreicher Mann ist und mein Offizier seine Arbeit gern hat, verrate ich hier keine Namen. Aber ich nickte bedeutungsvoll. Er nickte noch bedeutungsvoller. Sein Blick sagte: Banken, Öl, viele Milliarden. Er bestellte Champagner. Dann musste er los, sein Schiff wartete.

Ich bin ihm noch ein paar Mal begegnet und er sah dann immer aus, als hätte er Angst. Denn er hatte das wichtigste Gebot seiner Welt verletzt: zu schweigen. Es gibt viele Yachten, von denen niemand weiß, wer sich in ihrem Innern und dort mit welchen Gästen verbirgt. Für alle sichtbar ist nur das Personal - das wienert und poliert und stramm steht oder in Uniform Silbertabletts herumträgt.

Ein schwimmender Superlativ

Auch Roman Abramowitsch hält viel von Geheimniskrämerei, aber nicht, wenn es um seinen Reichtum geht. Im Gegenteil. Zu Weihnachten lief die "Eclipse" ein, das neue Schiff des russischen Multimilliardärs. Ein schwimmender Superlativ: die längste private Motoryacht der Welt, von Blohm & Voss in Hamburg gebaut, inklusive eigenem U-Boot, Fenstern aus kugelsicherem Glas, einem Anti-Paparazzi-Schild. Mit 163 Metern ist sie gerade den knappen Meter länger, den es brauchte, um die Yacht des Scheichs von Dubai auf Platz zwei zu verweisen.

Die "Eclipse" passt nicht ins Hafenbecken von St. Barth, da ist bei 60 Metern Länge Schluss. Also ankerte sie davor. Aber dort knubbelte es sich genauso. Denn: Wer als Milliardär etwas auf sich hält, muss zum Jahresende hier auf der winzigen Karibikinsel sein, Ziel des Jetsets seit Jahrzehnten. Hier und nirgendwo anders.

Man sollte ja denken, wenn man Imperien und Konzerne lenkt, hat man alle Freiheiten dieser Welt. Hat man auch. Bis auf eine: Am 31. Dezember muss man sich in St. Barth blicken lassen. Mit dem richtigen Schiff - und richtig, das heißt heute vor allem: lang.

Acht Giga-Yachten

In diesem Jahr wurde ein neuer Rekord aufgestellt. An Silvester lagen allein acht Giga-Yachten vor dem Hafen jeweils mit einer Länge von mehr als 100 Metern (im vergangenen Jahr waren es nur fünf). Dazu noch rund 120 Yachten über 50 Meter. Jede für sich gewohnt, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bis eben Abramowitsch mit seiner "Eclipse" kam.

Als wenn das nicht reichte, schmiss der neue Inselkönig eine Silvesterparty, die hier noch zwei Wochen später jene trauern lässt, die nicht eingeladen waren. Also alle, die nicht Demi Moore oder Ashton Kutcher oder Harvey Weinstein heißen oder zu den andern 250 Gästen gehörten, die Abramowitsch in sein Reich schauen ließ.

Diesmal nicht auf der "Eclipse", sondern an Land, auf einem Grundstück im Norden der Insel, 28 Hektar groß, seit eineinhalb Jahren seins. Und natürlich eines der teuersten, die jemals in der Karibik verkauft wurden: für 90 Millionen Dollar. Es gehörte einst David Rockefeller. Sehr schön schaut das von oben aus, ein eigenes Tal voll kleiner balinesisch aussehender Bungalows und eine Bucht, die auf Fotos einsam wirkt wie bei Robinson Crusoe.

Ich drücke auf die Klinke

Je näher man kommt, desto mehr ändert sich das.

Denn einen Privatstrand kriegt auf St. Barth selbst Abramowitsch nicht. Da lärmen Kinder, es riecht nach Kokosöl wie an jedem anderen Strand auch. Und weil einer der reichsten Männer der Welt trotzdem meint, sein Revier markieren zu müssen wie der Pauschaltourist am Ballermann, steht vor dem Gatter mit den vielen grünen "Private Property"-Verbotsschildern ein halbes Dutzend ebenso grüner Liegestühle im Sand, sorgfältig in einer Reihe. Mit gebügelten weißen Handtüchern, die, zu ordentlichen Rollen gedreht, darauf warten, dass die Hausgäste - und zwar bitteschön nur die - sich niederlassen.

Nur zum Spaß drücke ich auf die Klinke der rückwärtigen Gartenpforte, sie lässt sich einfach öffnen, vor mir ein gepflegter Dschungel. Aber nein, ich trete nicht ein, ich will nicht abgeführt werden.

Seit zehn Tagen fort

Um auf die "Eclipse" zu kommen, würde ich mich vielleicht schon ein wenig mehr anstrengen. Aber die ist schon seit zehn Tagen wieder fort. Gerade eben wurde sie nochmal vor St. Barth gesehen, aber nur, um dann mit der "Luna" - einem anderen Abramowitsch-Boot mit mageren 115 Metern - im Schlepptau in Richtung Anguila zu verschwinden.

Abramowitsch tut gut daran, sich zu zeigen. Denn in wenigen Jahren ist er den Thron wieder los, schon lässt ein Araber ein 180 Meter langes Schiff bauen. Mich interessiert an diesem speziellen Phallus-Krieg eigentlich nur eines: Ab welcher Länge bricht so ein Monstrum in der Mitte auseinander?

Wenn das nicht passieren kann, bestelle ich jetzt mal eine Yacht, die einen Kilometer lang ist. Vorsichtshalber. Aber es muss schnell gehen, auch wenn ich dann sicher Aufschlag zahlen muss. Sie wissen schon, Silvester. Bis dahin muss ich zurück sein.

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1. Die Frage ist: Was soll das?
Sapientia 18.01.2011
Zitat von sysopWer hat die schickste, schönste, längste? Vor der Karibik-Insel St. Barth dümpeln zum Jahreswechsel die größten Privat-Yachten der Welt - zum Schaulaufen der Superreichen. Die Frage ist: Was soll das? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,740010,00.html
Das allerdings frage ich mich, wenn ich solche Artikel lese. Neid des Spießbürgers, der zuerst den Unerreichbaren auf eine selbst gebaute Empore hievt und sich dann daran stört, dass er auf einer Empore steht? Was soll DAS?
2. Luft nach oben
mabeu 18.01.2011
Wie teuer kommt ein Flugzeugträger-Umbau? Der ist nicht nur lang sondern auch unheimlich hoch...
3. Wie auf dem Schulhof
kck 18.01.2011
Es findet dort Gleiches statt wie auf dem Schulhof, in Vereinen, Clubs, Grüppchen, Banden, Gangs und sonstigen Cliquen - überall dort, wo sich Menschen in ihrer Freizeit treffen "schau mich an - ich schau dich an".
4. Hah
Gani, 18.01.2011
Zitat von SapientiaDas allerdings frage ich mich, wenn ich solche Artikel lese. Neid des Spießbürgers, der zuerst den Unerreichbaren auf eine selbst gebaute Empore hievt und sich dann daran stört, dass er auf einer Empore steht? Was soll DAS?
Aus dem gleichen Grund echauffierst du dich über diesen Artikel.
5. Sapientia = Sancta Stupiditas
Ontologix II 18.01.2011
Zitat von SapientiaDas allerdings frage ich mich, wenn ich solche Artikel lese. Neid des Spießbürgers, der zuerst den Unerreichbaren auf eine selbst gebaute Empore hievt und sich dann daran stört, dass er auf einer Empore steht? Was soll DAS?
O Herr, lass Weisheit vom Himmel regnen, besonders in das Hirn der Sapientia. Sollte es so schwer zu begreifen sein, dass Reichtum nicht auf Bäumen wächst, sondern dadurch entsteht, dass ein paar wenige Superschlaue und gewissenlose Individuen durch meist kriminelle Machenschaften andere Menschen um den Ertrag ihrer Arbeit bringen und für sich anhäufen. Oder haben diese Superreichen sich diese Jachten in lebenslanger und ehrlicher Arbeit selbst gebaut? Dann wäre jeglicher Neid unangebracht. In Wirklichkeit ist es doch so, dass diese Schiffe durch Betrug, Abzocke, Spekulation und Ausbeutung der Arbeitskraft anderer erworben wurden.
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Steffi Kammerer
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Lebt als freie Autorin in Berlin und New York. Ist im Rheinland aufgewachsen und hat Wirtschaftskommunikation, Geschichte und Filmwissenschaft studiert. Unter anderem hat sie für die "Süddeutsche Zeitung", den "Stern" und "Park Avenue" gearbeitet.

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