Gedenken an Rathenau-Mörder: Stein des Anstoßes

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Bei Nacht und Nebel haben Unbekannte auf dem Friedhof von Saaleck in Sachsen-Anhalt einen Gedenkstein aufgestellt - zur Erinnerung an die rechtsextremen Mörder des jüdischen Reichsaußenministers Walther Rathenau. In der Region hat man einen konkreten Verdacht, wer hinter der Aktion stecken könnte.

Mord von 1922: "Knallt ab den Walther Rathenau" Fotos
Mitteldeutsche Zeitung/ Torsten Biel

Hamburg - Für die Mörder war es ein Leichtes, Walther Rathenau umzubringen. Der Reichsaußenminister verlässt am 24. Juni 1922 seine Villa in Berlin-Grunewald in einem offenen Auto, er ist allein mit seinem Chauffeur. Drei Männer überholen ihn auf der Königsallee, einer schießt mit einer Maschinenpistole, ein anderer wirft eine Handgranate hinterher. Rathenau ist sofort tot, sein Fahrer überlebt.

Die Täter sind Erwin Kern, 23, Jurastudent aus Kiel, und Hermann Fischer, 26, Maschinenbauingenieur aus Chemnitz, beide ehemalige Offiziere und Mitglieder der rechtsterroristischen Organisation Consul. Am Steuer sitzt Ernst Werner Techow. Die Deutschnationalen hatten im Vorfeld aufgerufen: "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!"

Das Trio begibt sich per Fahrrad auf die Flucht, bis ihnen Hans Wilhelm Stein, Burgherr von Saaleck im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt, Unterschlupf gewährt. Stein ist ein verurteilter Hochstapler und Freizeitdichter mit antisemitischer Haltung. In München will er den Attentätern einen Fluchtwagen und gefälschte Pässe organisieren.

Doch die drei fliegen auf. Sie lassen Licht im Turm der Burg brennen, und die Einwohner Saalecks, die wissen, dass Stein außer Ortes ist, alarmieren die Polizei. Kern wird von Kugeln aus einer Dienstwaffe getötet, Fischer erschießt sich daraufhin selbst, Techow wird festgenommen und später zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Staatsanwaltschaft spricht von "blindwütigem Judenhass".

Auf einem Mistwagen werden die Leichen der Attentäter Kern und Fischer auf den Saalecker Friedhof gekarrt und zwischen zwei jungen Eichen am Rande des Geländes verscharrt.

"Strafrechtlich nicht relevant"

Adolf Hitler lässt im Juli 1933 die Gräber umbetten, einen wuchtigen Gedenkstein für Fischer und Kern errichten und beweihräuchert die Täter als "Vorkämpfer". In der DDR-Zeit wird die Inschrift entfernt, das Monstrum gerät in Vergessenheit. Nach der Wiedervereinigung mutiert es jedoch zum Wallfahrtsort für Neonazis, die Fahnen schwenken, das Deutschlandlied singen und in der Gaststätte Burgblick auf die Attentäter anstoßen.

Der Ort wehrt sich gegen den Stein des Anstoßes. Im Januar 2000 rückt die Panzerbrigade 38 an, entfernt das Denkmal, der Kirchengemeinderat beschließt, dass diese Stelle nicht mehr als Grab vergeben wird. Die rechte Szene verzieht sich - und doch werden dort weiterhin Blumen abgelegt, zum Todestag ein fetter Kranz.

Nun ist der Stein wieder da. Besser gesagt: eine Art Ersatz.

Aufgefallen ist er Beamten der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd am 90. Todestag von Rathenaus Mördern. Denn seit der Wende ist der 17. Juli ein Tag, an dem die Polizei verstärkt auf dem Friedhof des 300-Einwohner-Dorfes an der Saale nach dem - und vor allem den - Rechten sieht. Der Jahrestag ist ein Routinetermin. "Wir sind immer da, und die Betroffenen wissen auch, dass wir da sind", konstatiert Ulrike Diener von der Polizei.

Bei dem Gedenkstein handele es sich um einen Findling mit den eingemeißelten Namen Fischer und Kern samt Datum des Todestages - in runenähnlicher Schrift. Am Abend seien noch einmal eine "Handvoll" mutmaßlich Rechtsgesinnter erschienen und hätten Blumen abgelegt. Orangefarbene Gladiolen und rote Eisbegonien schmücken nun den anonymen Erinnerungsstein. Es ist ein idyllischer Platz am Fuße der Ruinen von Saaleck- und Rudelsburg.

"Strafrechtlich ist der Stein nicht relevant", sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Naumburg. Das wäre er nur, wenn der Friedhof nicht frei zugänglich wäre.

Die evangelische Kirchengemeinde Bad Kösen, Eigentümerin des winzigen Friedhofs, will das heimlich aufgestellte Mahnmal nicht haben. Pfarrerin Anke Nagel hat den unbekannten Initiatoren eine Frist gesetzt: Bis Montagabend konnten sie den Stein selbst entfernen. Abgeholt hat ihn keiner.

Es gibt einen Verdacht

"Diese illegale Grabstätte wird vom Bauhof der Stadt Naumburg geräumt", sagt Johannes Borchert von der Kreisverwaltung Naumburg. Man müsse gar nicht "hoch politisch" werden, sondern könne sich schlichtweg darauf stützen, dass es für den Stein "keinerlei Berechtigung und keinerlei Genehmigung" gebe, die Ruhezeit für die beiden Toten sei längst abgelaufen.

"Wir wissen, wer damit etwas zu tun hat" - diesen Satz hört man in diesen Tagen oft im Burgenlandkreis. Gerüchten zufolge sollen Mitglieder der NPD an der Aktion beteiligt gewesen sein. "Aber wir sind in der Beweispflicht, das ist schlichtweg unmöglich" - auch ein Satz, den man oft hört.

Zuletzt wurden die Verdächtigen an Christi Himmelfahrt auf dem Friedhof gesehen. Natürlich ein ganz spontanes Treffen, keine Versammlung, die man hätte anmelden müssen. "Es bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel", sagt ein Ermittler.

"Ich war bei der letzten Veranstaltung nicht dabei", sagt NPD-Politiker Andreas Karl, ehemaliger Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Er verweist auf Lutz Battke, Vorsitzender der NPD-Fraktion im Stadtrat von Laucha an der Unstrut und Mitglied des Kreistages Burgenlandkreis: "Der weiß da sicher was."

Über die Frage, ob und gegebenenfalls warum er den Gedenkstein aufstellen ließ, zeigt sich Battke, Bezirksschornsteinfeger mit Hitler-Gedächtnis-Oberlippenbart und Vokuhila-Frisur, sichtlich amüsiert. "Tja, also, ich weiß nicht, ob ich das so bestätigen kann, schönen Tag noch!", lacht er in den Hörer und legt auf.

Die Einwohner von Saaleck haben gelernt, mit den Rechten zu leben. Es seien immer dieselben Verdächtigen, sagt Bürgermeister Gerd Förster. Es handele sich um maximal 20 Personen, vier, fünf von ihnen kämen aus Saaleck, der Rest aus Thüringen. Wichtig sei im Moment nur: "Der Stein muss weg."

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