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Muslimische Seelsorge in Gefängnissen: Gegen den Irrglauben

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Peter Schinzler/ DER SPIEGEL

Islamwissenschaftlerin Gülden Sahin: "Eine gute religiöse Betreuung durch Imame kann helfen"

Salafisten versuchen in deutschen Gefängnissen, neue Anhänger zu rekrutieren. Doch nur wenige Bundesländer gehen bislang systematisch gegen die Gefahr vor. Dabei könnten Imame als Seelsorger helfen.

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Das Foto sieht wenig spektakulär aus. Es zeigt eine Zelle, in der ein weißes Poster hängt, darauf ist der Schattenriss eines Gefangenen abgebildet, er umklammert Gitterstäbe. Ein Mitarbeiter eines bayerischen Gefängnisses hat das Bild gemacht und der Islamwissenschaftlerin Gülden Sahin gegeben. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch beim bayerischen Verfassungsschutz und sagt, das Bild sei alles andere als harmlos. "Es ist das Logo von Ansarul Aseer."

Die islamistische Organisation wirbt unter muslimischen Gefangenen um neue Anhänger. Sahins Job ist es, das zu verhindern. Sahin schult Mitarbeiter von Gefängnissen, sagt ihnen, woran sie erkennen können, dass unter ihren Augen neue Dschihadisten rekrutiert werden.

Schon in der Ausbildung lernen die Beschäftigten von Justizvollzugsanstalten, Warnsignale zu erkennen. Ein Bild eines kleinen grünen Vogels steht für manche im Islam für die frommen Seelen im Jenseits. "Das Logo wirkt unschuldig, kann aber ein Hinweis darauf sein, dass ein Insasse den Wunsch hat, als Märtyrer zu sterben", sagt Sahin.

Die religiöse Widerlegung des Irrglaubens

Sie und ihre Kollegen stellen den Gefängnissen Listen mit bedenklichen Gruppierungen, Autoren und Predigern zur Verfügung und prüfen, ob jemand salafistische Literatur in Gefängnisbibliotheken eingeschleust hat. Sahin hält Vorträge im Knast und berät die Mitarbeiter. Seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris ist das Interesse an ihrer Arbeit stark gestiegen. Zwei der islamistischen Täter hatten sich im Gefängnis radikalisiert. Immer wieder bekommt Sahin Anfragen von Kollegen aus anderen Bundesländern, die mehr über das Projekt erfahren wollen.

Seit fast zehn Jahren arbeiten in Bayern Verfassungsschutz und Gefängnisse auf diese Weise zusammen. In anderen Bundesländern werde eine intensive Zusammenarbeit durch "Berührungsängste" zwischen den Behörden erschwert, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Aber auch in Bayern stoßen die Bemühungen, gegen salafistische Rekrutierer vorzugehen, an Grenzen. Denn wenn JVA-Mitarbeiter erkannt haben, dass sich ein Insasse radikalisiert, können sie ihn kaum bekehren. "Da kann eine gute religiöse Betreuung durch Imame helfen", sagt Sahin. Die Imame würden als Autorität anerkannt und hätten "eine Chance, den extremistischen Irrglauben religiös zu widerlegen". Aber Imame, die das leisten können, gibt es nur in wenigen Knästen. "Die Gefängnisse sind nicht vorbereitet", sagt der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschland (BSBD) Anton Bachl.

Kaum Geld für den Einsatz von Imamen

Dabei wird die Zahl der radikalen Insassen wohl steigen. Derzeit laufen bundesweit mehrere Hundert Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche islamistische Straftäter. Im Dezember 2014 forderten die Innenminister der Länder deshalb geeignete Programme innerhalb des Strafvollzugs. Auch der BSBD setzt sich dafür ein, mehr muslimische Seelsorger anzuwerben.

Husamuddin Meyer ist einer von ihnen. Der 47-Jährige mit dem Prophetenbart geht seit sieben Jahren in hessische Gefängnisse und diskutiert dort mit muslimischen Häftlingen über den Islam. "Mittlerweile haben alle Kontakt zu Salafisten gehabt", sagt er. Im vergangenen Jahr berichtete er im SPIEGEL, wie er Gefangene von ihren radikalen Ansichten abbringt. Damals war er mit seiner Forderung nach mehr muslimischen Seelsorgern noch ziemlich allein. Seitdem haben sich viele seiner Position angeschlossen.

Meyer sitzt in seinem Auto und gibt Gas. Auf der Ablagefläche vor der Windschutzscheibe rutscht ein rot eingebundener Koran umher. Er trägt ein weites blaues Leinenkleid. Gehetzt blickt er auf die Uhr, biegt auf die Autobahn ein. Sein Handy klingelt. Er hat reichlich zu tun.

Das Land Hessen stellt dieses Jahr mit 110.000 Euro für muslimische Seelsorge in Gefängnissen mehr als doppelt so viele Mittel zur Verfügung wie im Vorjahr. In anderen Bundesländern aber tat sich kaum etwas. Bundesweit stehen speziell für die Betreuung von muslimischen Gefangenen, die in Berlin, Baden-Württemberg und Hessen geschätzt rund ein Fünftel der Insassen ausmachen, offenbar nicht sehr viel mehr als rund 170.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Für christliche Gefängnisseelsorger sind es rund 12 Millionen Euro.

Die christlichen Geistlichen werden meist wie höhere Beamte bezahlt, Imame bekommen oft nur eine Aufwandsentschädigung. Die schlechte Vergütung ist ein Grund, warum viele JVA-Leiter keine geeigneten Imame finden. Viele greifen deshalb auf Seelsorger der Türkisch-Islamischen Union (DITIB) zurück, die vom türkischen Staat bezahlt werden. Deutsch können diese häufig nicht, manchmal hilft ein Übersetzer. "Ein tiefschürfendes Seelsorgegespräch ist da nicht möglich", sagt Michael Stumpf, Leiter der JVA München.

"Mit dem deutschen Salafismus kennen sie sich nicht aus"

Er beklagt auch die hohe Fluktuation. "Ich hab' dauernd einen anderen." Sein Kollege Thomas Weber von der JVA Mannheim sagt, in Deutschland sozialisierte Insassen hätten mit manchen Imamen aus der Türkei oft nicht viel gemein, schon gar nicht Muslime, die aus anderen Ländern als der Türkei stammten. Unter diesen Bedingungen sei es schwer, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sagt JVA-Leiter Stumpf. Das aber brauche es, wenn man auch nur die geringste Chance haben wolle, zu radikalisierten Gefangenen durchzudringen.

Auch Gefängnisseelsorger Meyer hat Erfahrungen mit Imamen von DITIB gemacht. "Mit dem deutschen Salafismus kennen sie sich nicht aus", sagt er. Meyer will deshalb eine der ersten Ausbildungen für muslimische Gefängnisseelsorger in Deutschland organisieren. Ein Schwerpunkt der Lehrinhalte soll die Auseinandersetzung mit Argumenten salafistischer Prediger sein.

Nur: Wer soll eine solche Ausbildung bezahlen? Christliche Seelsorger werden von den Kirchen ausgebildet. "Muslimische Gemeinden können das nicht leisten", sagt der Osnabrücker Islamwissenschaftler Rauf Ceylan. Sie finanzieren sich durch freiwillige Beiträge und Spenden. Meyer hofft, dass das Land Hessen die Kosten für eine Seelsorger-Ausbildung übernimmt.

Außerdem fordert er, dass gefährdete Gefangene auch nach der Haftentlassung betreut werden. Zu hoch sei sonst das Risiko, dass sie rückfällig werden, wenn sie in Freiheit wieder mit der salafistischen Szene in Kontakt kommen.

Auch Gülden Sahin vom bayerischen Verfassungsschutz hält eine solche Nachbetreuung für dringend notwendig. Sie lobt die Arbeit des Berliner Vereins "Violence Prevention Network". Die Organisation unterstützt in mehreren Bundesländern Gefangene auch nach der Haftentlassung. Teil der Betreuung sind umfangreiche Deradikalisierungsprogramme. Die Bundesregierung scheint die Arbeit der Organisation nicht so positiv zu sehen. Gerade musste VPN seine Arbeit in sechs Bundesländern einstellen. Der Bund hat die Förderung nicht verlängert.


Zusammengefasst: Islamisten versuchen auch in Deutschland, muslimische Gefängnisinsassen zu radikalisieren. Imame können helfen, dies zu verhindern oder zumindest zu erschweren: indem sie als Seelsorger in Gefängnissen arbeiten. Sie werden als Autorität anerkannt und hätten "eine Chance, den extremistischen Irrglauben religiös zu widerlegen", sagt eine Expertin. Doch die Länder stellen nur sehr wenig Mittel zur Verfügung. Die sind aber nötig, denn es bräuchte auch eine entsprechende Ausbildung der Imame.

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