Schicksalstalk bei Günther Jauch: Glaube, Rollstuhl, Hoffnung

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Wie lebt es sich, wenn der liebe Gott einen Moment lang weggesehen hat? In Günther Jauchs Talkrunde sprach Samuel Koch über sein Leben als Querschnittsgelähmter nach dem missglückten Stunt bei "Wetten, dass..?". Der Mann ist ein Glücksfall für alle Leidensgenossen.

Samuel Koch bei Jauch: "Wer sollte sonst schuld sein - außer mir?" Fotos
DPA

Als Samuel Koch an diesem Dezembertag hinter der "Wetten, dass..?"-Bühne seine Muskeln dehnt, ahnt er nicht, dass sein Leben in wenigen Minuten aus den Fugen geraten wird. Dass er sich vermutlich den Rest seines Lebens nicht mehr selbst die Zähne putzen können wird. Dass er ohne fremde Hilfe verhungern, verdursten wird.

Noch ist er ein athletischer, frohmütiger Schauspielschüler, der die Zusage für eine winzige Sprechrolle in einem "Tatort" bereits in der Tasche hat. Für die ZDF-Show hat er gewettet, er könne mit Sprungfedern an den Füßen in vier Minuten fünf Autos mit je einem Salto überspringen. Ein gewagter Stunt.

Millionen Menschen sehen, wie Samuel Koch an jenem 4. Dezember 2010 stürzt, mit dem Kopf erst auf das Dach eines Audis prallt, dann auf dem Studioboden aufschlägt, regungslos liegen bleibt. Ausgerechnet sein Vater sitzt am Steuer.

Seither ist Samuel Koch vom Hals abwärts gelähmt, er leidet an einer sogenannten ultrahohen Tetraplegie. Nur im Schulterbereich kann er sich minimal bewegen.

16 Monate später sitzt Samuel Koch im Gasometer bei Günther Jauch, der ihn fragt, was er denen entgegnet, die ihm vorhalten, das Risiko bewusst eingegangen zu sein; die ihm vorhalten, nur er selbst trage die Verantwortung an seinem neuen, quälenden Leben. "Wer sollte sonst schuld sein - außer mir?", fragt Samuel Koch zurück. Solche Leute hätten doch recht.

"Eigentlich ist alles gut"

Der 24-Jährige trägt ein anthrazitfarbenes Hemd mit schwarzer Krawatte, er sitzt im Rollstuhl, seine rechte Hand ruht auf dem Arm seiner jüngeren Schwester Rebecca. Er hat ein Buch geschrieben ("Zwei Leben"). Von Fortschritten will er nicht sprechen, er nennt es "Fortkrabbeln". Doch wer Samuel Koch in seinem ersten Interview im Juni 2011 gesehen hat, staunt über die Entwicklung, die dieser emsige, nimmermüde Student seitdem gemacht hat.

Er ist noch immer frohen Mutes, hat den Schalk im Nacken, strotzt regelrecht vor Lust am Leben. Einer, der sich nichts einreden, nichts diktieren lässt. Dem man nicht mit Statistiken und Prognosen kommen braucht. Einer, der seinen Weg längst geht, ohne laufen zu können.

Am Tag plagten ihn manchmal unerträgliche Schmerzen. In der Nacht schleiche sich die Panik in seinen Kopf, wenn er hilflos daliege und an die Decke starrt. Es sei eine Art Platzangst im eigenen Körper. Er versuche sich dann selbst zu beruhigen, sagt Samuel Koch. "Eigentlich ist alles gut", denke er dann. "Ich habe ein Dach überm Kopf, zu essen und zu trinken und wenn ich rufe kommt jemand und bohrt sogar für mich in meiner Nase."

Solche Attacken sind Überbleibsel aus dunklen Tagen, die Samuel Koch durchlebt hat. Als er meinte zu spüren, wie sich der Staub auf seinen regungslosen Körper legt, ihn einhüllt, unter sich begräbt. "Im Himmel kann es schöner sein", habe er damals öfter gedacht, sagt Samuel Koch. "Ich hatte Pläne für mein Leben, die waren an diesen Körper geknüpft." Die Phase der Lebensmüdigkeit habe er überstanden - auch, weil er seine Hände nicht benutzen könne. "Damit fällt die 'Smith & Wesson'-Variante schon mal aus."

"Wo alles haltlos wird, wurden wir gehalten"

Aber was ist das für ein Gott, der solche Schicksale duldet? Günther Jauch stellte am Sonntag die Sinnfrage, weil Samuel Koch und seine Familie in ihrem Glauben Trost gefunden haben. Darauf gebe es keine Antwort, konstatierte Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Auch sein Gottesbild habe sich verändert, als seine jüngste Tochter an Leukämie starb. Aber er habe mehr denn je in der Zeit der Trauer gespürt: "Wo alles haltlos wird, wurden wir gehalten."

Samuel Koch erfuhr bedingungslosen Halt von seiner Familie, vor allem in dem Jahr, das er in einer Spezialklinik in der Schweiz verbringen musste. Um seinen Eltern weniger zur Last zu fallen, wohnt er seit kurzem wieder in Hannover, setzt sein Studium fort. Er habe sich in seinem Wesen nicht verändert, erzählt seine Schwester. Die Gespräche mit ihm kreisten um die gleichen Themen wie vor dem Unfall. Wenn sie mit ihm telefoniere, vergesse sie gar manchmal, dass er querschnittsgelähmt ist.

Seine Sehnsucht nach Normalität ist ungebrochen. Irgendwann kein Sorgenkind, kein Problemfall mehr sein - die Hoffnung hält Samuel Koch aufrecht.

Mit Freunden war er in Ägypten. Auf Fotos, die ihn im Meer zeigen, umarmen ihn zwei Kumpels. Man ahnt nicht, dass Samuel Koch sie bitten muss, ihm die Nase zu putzen oder am linken Ohr zu kratzen. Diese Jungs seien völlig unbefangen und unbekümmert mit ihm in den Urlaub gestartet, sagt Samuel Koch. Das habe ihm gutgetan. Auch dass die Ägypter wenig Erfahrung mit Querschnittsgelähmten hätten, scheint er genossen zu haben. Gemeinsam habe man experimentiert, was gehe und was man besser hätte lassen sollen.

Filmvergleich stößt auf Kritik

Zwei Frauen hätten Samuel Koch Huckepack fünf Stockwerke auf eine WG-Party in Stuttgart getragen, plaudert Günther Jauch aus. So ganz stimme die Geschichte nicht, widerspricht der 24-Jährige. "Es war ein Herr."

Aus Samuel Kochs Mund klingt das Leben als Querschnittsgelähmter nicht weniger lebenswert als das eines Gesunden. Die Leichtigkeit, um die sich Samuel Koch bemüht, verführt Günther Jauch zu der Peinlichkeit, eine Parallele zu suchen zwischen dem verunglückten "Wetten, dass..?"-Kandidaten und dem französischen Kinoerfolg "Ziemlich beste Freunde". Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo, der seit einem Gleitschirmunfall querschnittsgelähmt ist.

Jauchs plumper Schlenker zu dem Film, den in Frankreich 20, in Deutschland acht Millionen Kinobesucher sahen, zerstört die homogene Gesprächsrunde im Gasometer. Zuerst geht Udo Reiter der Hut hoch. Der ehemalige Intendant des MDR ist seit einem Autounfall vor 45 Jahren ebenfalls querschnittsgelähmt. Der Film sei "verzuckert", "Gelähmten-Kitsch", die Mär von "Ohren kraulenden Nutten" könne er nicht bestätigen.

Auch Samuel Koch räumt ein, der Film sei lustig, aber "sehr verblümt". Der Gruß von seinem Leidensgenossen Philippe Pozzo di Borgo via Kamera rührt den Studenten dann aber doch: "Samuel, die Leute brauchen dich, weil du stark bist."

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insgesamt 79 Beiträge
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1.
M. Michaelis 23.04.2012
Mich hat vo allem die präzise Ironie beeindruckt mit der er erfolgreich jegliche bemitleidende Anbiederung und kalischeehaften Verkitschungsversuche Jauchz abgewehrt hat. Davon können wir zur Larmoyanz oder Überhöhung neigenden Deutschen einiges Lernen.
2.
frubi 23.04.2012
Zitat von sysopDPAWie lebt es sich, wenn der liebe Gott einen Moment lang weggesehen hat? In Günther Jauchs Talkrunde sprach Samuel Koch über sein Leben als Querschnittsgelähmter nach dem missglückten Stunt bei "Wetten, dass..?". Der Mann ist ein Glücksfall für alle Leidensgenossen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829069,00.html
"Wie lebt es sich, wenn der liebe Gott einen Moment lang weggesehen hat?" Ist das hier der Kirchenkurier oder Spiegel Online? Was für ein Schwachsinn. Es ist ja schön und gut, dass der Glaube an einen bärtigen Allmächtigen dem Herrn Koch in seiner schwierigen Zeit hilft aber das kann dann auch ruhig so beschrieben werden: als Privatsache.
3.
provocator 23.04.2012
ein Glanzstück war diese Sendung gerade nicht. Jauchs gespielte Unbefangenheit war gar zu durchsichtig, seine Gesprächsführung holprig und langweilig und wirklich heiße Eisen wurden nicht nur umschifft, sondern sehr weiträumig umfahren. Beeindruckend waren lediglich die Person des Herrn Koch und des Herrn Reiter.
4. Wie war nochmal Ihre Frage?
hathaway 23.04.2012
Zitat von sysopDPAWie lebt es sich, wenn der liebe Gott einen Moment lang weggesehen hat? In Günther Jauchs Talkrunde sprach Samuel Koch über sein Leben als Querschnittsgelähmter nach dem missglückten Stunt bei "Wetten, dass..?". Der Mann ist ein Glücksfall für alle Leidensgenossen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829069,00.html
Samuel Koch war faszinierend zu sehen, nicht nur, wie er mit seinem Unfall und seiner Lähmung umgeht, sondern auch, wie besonnen, höflich und witzig gegenüber dem von Peinlichkeit zu Peinlichkeit weiterirrenden Jauch. Es konnte einem angesichts von Jauchs ungenauen, meist die Antwort schon vorwegnehmenden Fragen nur schlecht werden. Es war als habe er kein Klischee, keine Plumpheit auslassen wollen. Abgesehen davon, dass dies gar kein geeignetes Thema für Jauchs "Politiktalk" war und stattdessen eine Stern-TV-Sendung- der Moderator gehörte dafür eigentlich umgehend abgesetzt.
5.
rolandmuck 23.04.2012
Jauch versteht es eine Sendung mit gutem Thema und überwiegend guten Gesprächsteilnehmern in die Tonne zu klopfen. Das macht ihm so schnell keiner nach.
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