New York nach "Sandy" Steinzeit in Manhattan

Wie leben Menschen in der hippsten Stadt der Welt, wenn plötzlich das Licht ausgeht? Hurrikan "Sandy" hat Manhattan in die Steinzeit zurückversetzt: Es gibt keinen Strom, kein Wasser, Handys funktionieren nicht. Die New Yorker verstehen die Welt nicht mehr.

Von , New York

AFP

Ich hatte das Wasser kommen sehen, wie die Wellen erst über die untere Flutmauer sprangen, dann auch über die obere. Unser Apartment-Hochhaus steht in vorderster Reihe in Battery Park City, direkt am Hudson River, dort, wo die Sturmflut als Erstes erwartet wurde. Seit Stunden hatte ich immer mehr Lichter ausgehen sehen, grelle Blitze, wenn das Wasser Transformatoren erreichte oder Überlandleitungen stürzten. Erst wurde die Küste von New Jersey dunkel, dann die Freiheitsstatue, dann die Südspitze von Manhattan.

Ich war sicher: Das war es nun auch für uns, gleich ist überall alles weg: Strom, Wasser, Heizung. So ist es auch gekommen. Nur nicht für uns.

Stattdessen sind wir und die Bewohner einer Handvoll umliegender Hochhäuser aus unerfindlichen Gründen derzeit fast die einzigen im ganzen südlichen Manhattan, die noch in der Zivilisation leben. Zwei Straßen weiter ist Schluss, und zwar mit allem. Nicht nur der Strom ist weg. Es gibt kein Wasser und keine Wärme, keine Supermärkte und keine Ampeln, und, für manche vielleicht am schlimmsten in dieser hyperaktiven Stadt, keinen Mobilfunkempfang.

"Sandy" - alles nur ein großer Medienhype?

Es ist erstaunlich, wie sich die Straßenszenerie ändert, wenn plötzlich niemand mehr in sein Handy schreit, keine SMS geschrieben werden, kein Smartphone gezückt wird, um mit Google Maps den Weg zu finden. Für ein paar Stunden mag dieser Rückfall in die Steinzeit vielleicht ein Abenteuer sein, sogar wohltuend, eine Auszeit von der Hektik und der Daueraufregung New Yorks. Aber nach spätestens einem Tag ohne Wärme und Licht, ohne Dusche und Klospülung ist es nicht mehr lustig. An manchen Ecken der Stadt haben die Menschen Hydranten geöffnet und tragen das Wasser mit Eimern weg. Freunden von uns ist ein Baum auf das Haus gestürzt, genau auf das Kinderzimmer ihrer vierjährigen Tochter, zum Glück hatten sie sich im Keller verkrochen. Man hört viele solcher Geschichten in diesen Tagen, manche gingen glimpflich aus, andere nicht.

Allen hier ist bewusst, dass ihre Lage nicht zu vergleichen ist mit dem Erdbeben von Haiti oder Hungerkatastrophen in Afrika, aber viele New Yorker ärgern sich dennoch über gehässige und herablassende Kommentare aus anderen Teilen der Welt, wie ich sie auch aus Deutschland immer wieder höre: "Sandy" sei nicht viel mehr als ein normaler Herbststurm gewesen, so viel sei doch nicht passiert, alles nur ein großer Medienhype. Und viele hier wundern sich über so viel Zynismus: Müssen immer erst Tausende Menschen sterben, damit von einer Katastrophe die Rede sein darf?

Gestern bereits haben wir unsere Freundin Kirsten bei uns aufgenommen, ihr hat es nach 24 Stunden in ihrem kalten, zugigen Apartment am Rand von Soho gereicht, denn der Strom soll noch eine ganze Weile nicht zurückkommen, erst in vier Tagen, vielleicht in einer Woche. Solange werden wir wohl Anlaufstelle bleiben für viele unserer Freunde, die immer mal wieder für ein paar Stunden vorbeikommen, um sich aufzuwärmen, zu duschen, ihre elektronischen Geräte aufzuladen.

Ein paar tausend Taxis für Millionen New Yorker

So machen es viele in diesen Tagen, sie versuchen, bei Freunden und Verwandten wenigstens zeitweise unter zu kommen, aber es gibt nicht viele Möglichkeiten. Allein in Manhattan sind fast 300.000 Haushalte ohne Strom. Das ist so, als sei ganz Stuttgart ohne Strom und Wasser. Nur können die New Yorker noch nicht einmal ins Umland flüchten, denn auch dort gibt es meist keinen Strom, und die Brücken und Tunnel aus der Stadt sind noch immer geschlossen oder überlastet. Züge und U-Bahnen fahren auf absehbare Zeit nicht und nur wenige Bewohner von Manhattan besitzen ein Auto.

Kirsten und ich sind deswegen heute morgen wie viele New Yorker zur Arbeit gelaufen, knapp eineinhalb Stunden haben wir von der Südspitze Manhattans nach Midtown gebraucht, wo das SPIEGEL-Büro ist und auch das dänische Konsulat, wo Kirsten arbeitet. Taxis sind nur schwer zu bekommen, fünf Millionen Menschen nutzen sonst jeden Tag die U-Bahn, ein paar tausend Taxis können das nicht auffangen. Viele Fahrer wollen zudem Lower Manhattan nicht ansteuern, aus Angst, auf überflutete Straßen zu treffen.

Erst der vierte Fahrer hatte sich getraut, Kirsten überhaupt zu uns zu bringen. Eigentlich sollten dafür zumindest Busse fahren, so hat es Bürgermeister Michael Bloomberg versprochen, doch wir haben vergebens gewartet, wie auch die meisten anderen. Überall an den Bushaltestellen stehen Menschentrauben, aber keine Busse kommen. Auch Verkehrspolizisten sind fast keine zu sehen heute morgen, das ist mehr als rätselhaft, denn in weiten Teilen der Stadt funktionieren die Ampeln nicht.

Sandsäcke vor Goldman Sachs: Verschwörungstheorien machen die Runde

Das Verkehrsverhalten in Manhattan ist schon an normalen Tagen nicht gerade zimperlich, nun aber herrscht totale Anarchie auf den Straßen. All das lässt inzwischen immer mehr New Yorker an den Organisationsstrukturen der Stadt und den Fähigkeiten ihrer Führung zweifeln. Dazu gehört auch die Frage, warum nicht wenigstens versucht wurde, die verwundbaren Ecken der Stadt vor der Flut zu schützen, mit Barrikaden und Sandsäcken?

Fast eine Woche lang war abzusehen, dass "Sandy" kommen würde, doch unternommen wurde nichts. Nur um die Goldman-Sachs-Zentrale waren Sandsäcken aufgeschichtet. Vielleicht ist das auch der Grund, warum unser Apartmenthaus Strom hat: Es steht nur 80 Meter vom Hauptquartier der Investmentbank entfernt. Verschwörungstheorien machen jedenfalls schon die Runde mit der Frage, warum Goldman Sachs durchgängig auf Hochtouren lief, während wenige hundert Meter weiter an der Wall Street auch heute noch Totenstille herrscht: Selbst zur Mittagszeit, wenn der Finanzdistrikt sonst einem Ameisenhaufen gleicht, sind die Straßen leergefegt, nur das Brummen der Notstromgeneratoren und der Pumpen ist zu hören.

Die Börse ist zwar offiziell wieder geöffnet, doch Banker sind nicht zu sehen. Vielleicht sind sie auch nur in ihren Büros geblieben, weil es draußen schlicht nichts zu essen gibt: Alle Restaurants und Supermärkte sind geschlossen, nicht einmal ein Hot-Dog-Verkäufer ist zu sehen.

Am Nachmittag beginnen die ersten Supermärkte, Gemüse, Obst und Tiefkühlprodukte auf die Straße zu stellen - die Ware wird schlecht nach Tagen ohne Strom. Sofort bilden sich Menschentrauben. Denn wer Verpflegung einkaufen will, muss weite Wege gehen, bis hinauf zur Demarkationslinie: Sobald man die 40. Straße überschreitet, die Grenze zur Elektrizität, scheint es fast, als sei nichts passiert. Die Restaurants sind voll, alle haben ihre Smartphones gezückt. Im ersten Starbucks nach der Stromgrenze stehen die Menschen Schlange bis auf die Straße. "Endlich wieder Zivilisation", ruft einer erleichtert, als er seinen Kaffee in der Hand hält.

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