Mexikanischer Kult um "Santa Muerte" Die Heilige mit dem Totenschädel

Millionen Menschen huldigen der "Heiligen Frau Tod": In Mexiko findet der Kult um die Skelettfrau immer mehr Anhänger. Der katholischen Kirche passt das überhaupt nicht.

AP

Von , Mexiko-Stadt


Der Tempel der Santa Muerte ist ein schlichtes blau-weißes Gebäude in einem heruntergekommenen Viertel der Hauptstadt. Mexikos "Heilige Frau Tod" ist zwischen Parkhäusern, öffentlichen Toiletten und vergitterten Apartments zuhause. Wer sie besuchen will, fragt nach der "Parroquia de la Misericordia". Aber diese "Kapelle der Barmherzigkeit" erinnert so gar nicht an eine Kirche. Kein Turm, kein Protz, kein Prunk.

Nur das riesige Holzkreuz vor dem Eingang und zwei Figuren in Schaufenstern weisen auf den speziellen Charakter des Gebäudes hin. Da steht zum einen die Statue von Apostel Judas Thaddäus, der in Mexiko als Heiliger verehrt wird. Und daneben steht jene Heilige, mit der die katholische Kirche so viele Probleme hat: Santa Muerte, ein Skelett, gewandet in ein zartrosa Kleid, auf dem Kopf ein Diadem und in der rechten Hand eine große Sense. Die Linke hat die "Heilige Frau Tod" zu einer einladenden Geste geformt.

Also tritt man ein in ihr Haus, das innen zur Hälfte Kirche, zur Hälfte religiöser Kitschhandel ist. Ein Altar, Gebetsbänke, Jesus-Statuen und Abbildungen der Mutter Gottes an den Wänden mischen sich mit Figuren der Santa Muerte in allen Größen, Farben und Verkleidungen. Ein junges Mädchen verkauft Bildchen mit dem Konterfei der Todesheiligen und ihren Gebeten: "Sieben Pesos, aber dafür beschützen sie dich", sagt sie.

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Glaube in Mexiko: Der Kult um die "Heilige Frau Tod"

Hier in der "Kapelle der Barmherzigkeit" vermischen sich Katholizismus und Kult zu jener schaurig-schönen und ganz mexikanischen Todesverehrung, die der Schriftsteller Octavio Paz einmal so beschrieb: "Für einen Pariser, New Yorker oder Londoner ist der Tod ein Wort, das man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt. Der Mexikaner dagegen sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte."

Und so findet Santa Muerte in dem Land mit der besonderen Beziehung zum Tod einer steigende Anhängerschaft. Drei Millionen Menschen sollen ihr mittlerweile folgen, auch jenseits der Grenzen Mexikos. In den USA, in Zentralamerika und runter bis Kolumbien hat sie ihre Anhänger.

Schon lange nicht mehr gilt die Santa Muerte als die Schutzheilige der Drogendealer, Verbrecher und Prostituierten. In den vergangenen 15 Jahren haben ihre Anhänger sie aus der Klandestinität befreit. Früher hätte man die Statuetten vor allem daheim auf Hausaltären und in Gefängnissen angebetet, sagt Adrián Yllescas, Anthropologe an der Universität UNAM in Mexiko-Stadt. Er erforscht seit Jahren das Phänomen, das erstmals um 1940 in Mexiko aufkam. Heute aber trifft man die klapprige Fromme an Straßenecken, in kleinen Kapellen und öffentlichen Schreinen.

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Religiöse Marktlücke

Früher war es tatsächlich so, dass vor allem diejenigen Menschen die Santa Muerte um Schutz und Beistand baten, die am Rande der Legalität ihr Geld verdienen. Heute, so sagen es Forscher, hängen ihr vor allem Menschen an, die sich in gefährlichen Berufen verdingen: Polizisten, Soldaten und Taxifahrer zünden der Santa Muerte ebenso ein Kerzchen an wie Pistoleros oder Dealer der Drogenkartelle.

Die Santa Muerte schließt auch eine religiöse Marktlücke. In Zeiten, in denen die Menschen sich in der katholischen Kirche zunehmend weniger Zuhause fühlten, erhielten Bewegungen wie die der Santa Muerte Zulauf, sagt Yllescas.

An einem Sonntagvormittag Ende März bereitet sich Juan Carlos Ávila, Pfarrer der Santa-Muerte-Kapelle, auf seine Messe vor. Er richtet sich die violette Soutane, während rund zwei Dutzend Gläubige die Kirche füllen. Der Pfarrer hat eine sonore Stimme, und wenn man ihn fragt, was es mit der schaurigen Heiligen auf sich hat, dann sagt er: "Uns ist die Santa Muerte an diesem Ort vor 16 Jahren erschienen, deswegen haben wir hier diese Kapelle errichtet. Sie ist eine von Gottes Engeln."

Das sieht die katholische Kirche anders. Papst Franziskus hat vergangenes Jahr bei seinem Besuch in Mexiko harsche Worte gewählt. Er sei besorgt über die Vielen, die dieses Trugbild verherrlichten und sich mit ihren makabren Symbolen schmückten, um den Tod zu kommerzialisieren, sagte er bei einem Treffen mit Bischöfen. Für den Vatikan ist die Santa Muerte ein Aberglaube, ihre Anhänger seien Kriminelle.

"Wir müssen uns gut mir ihr stellen"

In der Kapelle der Barmherzigkeit in Mexiko-Stadt ist davon nicht viel zu sehen. Die Gläubigen, die Pfarrer Ávilas Messe hören, sind Senioren, junge Paare mit Kindern, hier und da ein Tätowierter mit rasiertem Schädel, aber auch Menschen wie José Luis Cortés. Der 40-jährige Maurer ist gekommen, um der Santa Muerte für die gelungene Operation seines Vaters zu danken. Cortés ist schon ein paar Jahre Anhänger der umstrittenen Heiligen. "Wir müssen uns gut mit ihr stellen", sagt er. "Denn sie ist die einzige, die uns ganz sicher eines Tages holen kommt."

So sehen es viele der anderen Gläubigen, die an diesem Sonntag der Santa Muerte einen Besuch abstatten. Alte Menschen in Rollstühlen werden vor das Abbild des Skeletts geschoben, andere knien nieder, flüstern leise ihre Fürbitte und stecken ein paar Scheine in einen der vielen Opferstöcke. Keiner von ihnen sieht aus, als ginge er einem dunklen Gelderwerb nach.

Pfarrer Ávila schließt seine Predigt dann auch mit dem Satz, den er wie ein Mantra vor sich herträgt: "Alle verteufeln unser Mädchen." Dabei seien es doch Leute wie du und ich, die ihr huldigten: "Marktverkäufer, Straßenkehrer und Büroangestellte."



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