Zugunglück bei Santiago de Compostela: Die Helden der Todeskurve

Unglücksstelle bei Santiago de Compostela: "Die Anwohner sind die wahren Helden" Fotos
REUTERS

Noch vor den Einsatzkräften waren Anwohner am Ort des Zugunglücks bei Santiago de Compostela: Sie versorgten die Verletzten, befreiten die Eingeklemmten. Ein Feuerwehrmann und ein Bewohner von Angrois werden als Helden gefeiert. Der Lokführer verweigert bislang eine Aussage zum Unfallhergang.

Santiago de Compostela - Die Anwohner waren die ersten am Unglücksort. Aufgeschreckt durch einen lauten Knall, ein Beben, Hilfeschreie eilten sie zur A-Grandeira-Kurve bei Angrois, nur wenige Kilometer vom Bahnhof der Pilgerstätte Santiago de Compostela entfernt. Ihnen bot sich ein grauenhafter Anblick: Ein Schnellzug vom Typ Alvia war entgleist, die Waggons hatten sich aufeinander getürmt, ineinander geschoben, sie lagen in Trümmern im Schottergleis.

Etwa 240 Passagiere saßen in dem Unglückszug, der von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten des Landes unterwegs war. Viele von ihnen waren nach dem Unfall in den Waggons gefangen, schwer verletzt, hilflos. Die Anwohner kamen mit Steinen, mit Brettern, Decken und Wasser zu Hilfe. Sie zerschlugen die Fensterscheiben, kletterten ins Innere, zogen die Insassen nach draußen, in Sicherheit.

In spanischen Zeitungen wird vor allem ein Mann als "Symbol der Tragödie" gefeiert: José Ramón Valiñas, 48 Jahre alt, seit 25 Jahren Feuerwehrmann. Er war am Mittwochabend in Santiago de Compostela im Dienst, eigentlich sollte er die Vorbereitungen auf das größte Fest des Jahres im Auge behalten - dann sprang der Schnellzug aus den Gleisen.

Valiñas fuhr mit dem ersten Trupp an den Unglücksort, wie die Zeitung "El País" berichtet. Fotos zeigen ihn in voller Einsatzmontur, in seinen Armen hält er ein blondes Mädchen in kurzen Jeans und rosafarbenen Top, die Beine, die Arme, das runde Gesicht voller Schmutz.

"Ich bin kein Held"

Er könne sich nicht mehr daran erinnern, wie viele Menschen er aus dem Zug geholt habe, sagte Valiñas der Zeitung. Die ersten zwei Stunden seien knallharte Arbeit gewesen: Sie hätten die Brände in den Waggons gelöscht und dann damit begonnen, die Passagiere herauszuholen. "In solchen Momenten verlierst du das Gefühl für Zeit und Realität."

An das blonde Mädchen von dem Foto kann er sich laut "El País" gut erinnern: Er habe sie am Unglücksort entdeckt, sie sei vollkommen orientierungslos gewesen. "Sie hat gesprochen und sich bei mir bedankt", sagte Valiñas der Zeitung. Aber er habe sie nicht allein in die sichere Zone getragen. "Ich habe sie einem Anwohner in einem roten Hemd abgenommen. Es ist Zufall, dass sie nur mich fotografiert haben."

Dass er nun in sozialen Netzwerken als Held gefeiert wird, findet er eigenen Angaben zufolge gar nicht so toll. "Konzentriert euch nicht auf mich", zitiert ihn die Zeitung. "Ich bin kein Held. Es haben so viele geholfen."

Für ihn sind die Bewohner von Angrois die wahren Helden, sagte er der Zeitung "La Voz de Galicia": "Sie haben die Verwundeten versorgt und eingeklemmte Menschen aus fürchterlichen Situationen befreit."

Einer von ihnen ist Abdel Rivas, der Mann in dem roten Hemd, der das blonde Mädchen rettete. Er wohnt laut "La Voz de Galicia" in Angrois und war schon Minuten nach dem Unglück vor Ort. Seitdem kriege er kein Auge mehr zu: "Die Bilder kommen immer wieder, es ist furchtbar", sagte er der Zeitung. Er habe das Schlimmste erlebt - "das Weinen, die Hilfeschreie, das Chaos". Bis um halb zwei nachts sei er an der Unglücksstelle gewesen.

Vorwürfe gegen den Lokführer

Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist auch knapp zwei Tage nach dem Vorfall unklar. Fest steht bisher nur, dass der Zug viel zu schnell unterwegs war: Er ist mit Tempo 190 in die A-Grandeira-Kurve gerast, erlaubt sind dort maximal 80 Kilometer pro Stunde. Die Polizei sieht in Lokführer Francisco José G., 52, einen Verdächtigen. Sie nahm ihn noch im Krankenhausbett unter dem Vorwurf der Fahrlässigkeit fest.

G. werde "einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück" verdächtigt und solle bald als Beschuldigter vor dem Ermittlungsrichter aussagen, sagte der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias. Bei einer ersten Befragung durch die Ermittler am Freitagabend hat der Lokführer die Aussage verweigert. Der Mann, der mit leichten Verletzungen im Krankenhaus liegt, "hat sich geweigert, auf Fragen der Polizei zu antworten", sagte ein Polizeisprecher.

Einem Bericht der Zeitung "El Mundo" zufolge soll G. kurz nach dem Unglück gesagt haben: "Ich habe es verbockt, ich will sterben." Erkenntnisse zum Unfallhergang erhoffen sich die Ermittler auch von der Blackbox - der Datenschreiber wurde aus den Trümmern geborgen und wird inzwischen ausgewertet.

Die spanische Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif macht den Lokführer für die Tragödie verantwortlich. G. hätte den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unglücksstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen, sagte Adif-Präsident Gonzalo Ferre.

Alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, aber für Systemausfälle verfüge der Lokführer über einen genauen Plan mit allen Anweisungen, betonte der Behördenchef. Im Gespräch mit der spanischen Nachrichtenagentur EFE fügte Ferre noch an: "Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier."

Mittlerweile ist bekannt, dass unter den Todesopfern fünf Ausländer sind: ein US-Bürger, eine Dominikanerin, eine Mexikanerin, ein Kolumbianer sowie ein Mann oder eine Frau aus Algerien. Sieben Opfer waren am Freitag noch nicht identifiziert.

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aar/dpa

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