Junge Französin ohne Gedächtnis Sarahs Wahrheit

Eine junge Französin kann sich nicht an ihr früheres Leben erinnern, meint nur einige Details zu kennen. Liegt es am Trauma nach einem Überfall? Inzwischen hat sich ihre Mutter bei der Polizei gemeldet - und erzählt die Geschichte ein bisschen anders.

Sarah Mastouri: "Es ist furchtbar, keine Spuren meines Lebens zu finden"
AFP/Centre Hospitalier de Thuir

Sarah Mastouri: "Es ist furchtbar, keine Spuren meines Lebens zu finden"

Von Annika Joeres, Nizza


Die junge Frau trägt gepflegte dunkle Locken, hat ihre Augen sorgfältig mit schwarzem Kajal umrahmt und spricht langsames Hochfranzösisch. Wer sie ist, kann sie nicht sagen. Die Französin erlebt einen Albtraum: Sie kann sich nicht an ihr früheres Leben erinnern, nicht an ihre Familie, nicht an Freunde oder ihren Beruf. "Ich fühle mich wie in einem undurchdringlichen Meer aus Watte", sagt sie. Vor wenigen Tagen hat ihre Psychiatrie im südfranzösischen Thuir nun einen Appell an Zeugen gestartet, um ihre Identität aufzuklären.

Im Juli vergangenen Jahres ist die junge Frau in einem Krankenhaus in Perpignan ohne Erinnerung aufgewacht. Sie vermutet, überfallen worden zu sein. Ihre Papiere sind weg. Sie meinte sich erinnern zu können, in Algerien geboren zu sein, ihr Abitur in Perpignan absolviert und anschließend in Lyon Soziologie studiert zu haben. Ihr Name sei Sarah Mastouri. "Es ist furchtbar, keine Spuren meines Lebens zu finden."

Auch die Psychologen waren machtlos. Die Klinik, so Sprecherin Carole Gleyzes, habe alle möglichen Verwaltungen befragt - sie habe nach der Geburtsurkunde gefahndet, nach Einträgen in der Universität von Lyon, nach ihrem Namen in Schuljahrgängen. Auch das algerische Konsulat, Krankenversicherungen und das Außenministerium konnten "Sarah" nicht in ihren Unterlagen finden.

"Die Seele bewahrt sich vor den belastenden Erfahrungen"

Wenige Tage nach ihrem Appell hat sich nun ihre Familie aus dem nordfranzösischen Reims gemeldet. Die Polizei geht anhand von Fotos und Schilderungen davon aus, dass es sich tatsächlich um die Mutter und Großeltern handelt. Sie widersprechen "Sarahs" Angaben: Sie heiße in Wirklichkeit Michelle und sei auf der französischen Übersee-Insel Réunion geboren worden, außerdem sei sie erst Mitte 20. Ob die Familie sie vermisste, ob sie gar nach ihr suchte, ist nicht bekannt. Die Identität der Angehörigen wurde bislang nicht öffentlich.

Eine Lügnerin ist die Frau dennoch nicht. "Unsere Patientin braucht nun Zeit und Taktgefühl, um die letzte Entwicklung zu verarbeiten", sagte ihr Arzt Philippe Raynaud. "Sie hat uns weder manipuliert noch ist sie eine Spinnerin."

"Sie sagt ihre Wahrheit", sagt die Kieler Psychologin und Gedächtnis-Expertin Karin Joder. Meist sei für den Patienten nach einem traumatischen Ereignis die Erinnerung nicht mehr zugänglich, ihm fehle sozusagen der Schlüssel zu seiner Biografie, die rein physiologisch noch in den Gehirnzellen festgeschrieben sei.

Wahrscheinlich hat sich "Michelles" Unterbewusstsein mit der Amnesie vor schmerzhaften Erinnerungen geschützt. "Die Seele bewahrt sich vor den belastenden Erfahrungen wie einem Unfall, Überfall oder einer sehr schwierigen Kindheit", so Joder. Jetzt die junge Frau auf ihre Familie treffen zu lassen, sei sehr heikel. "Zuerst muss die Frau stabilisiert werden. Sie sollte eben nicht nur von Krankenschwestern, Ärzten und Medikamenten umgeben sein, sondern in einem wohlwollenden Umfeld leben und in ihren Interessen wie zum Beispiel Sport bestärkt werden."

Eine fast unmögliche Aufgabe ohne gesicherte Identität und Finanzen. "Michelle" hat schon eine Odyssee hinter sich. Ohne Papiere landete sie vor einem Jahr in verschiedenen Flüchtlings - und Obdachlosenheimen - ohne zu wissen, wohin sie ihr Leben führt und woher sie kommt. Erst im Januar hat sie die Psychiatrie in Thuir aufgenommen, die größte der Region am Fuße der Pyrenäen mit mehr als 300 Patienten.

"Sie muss sich selbst ganz neu kennenlernen"

Immerhin glauben ihr die Ärzte. "Ihre Angaben sind sehr schlüssig", sagte Philippe Raynaud, Direktor der Psychiatrie. Die Patientin drücke sich sehr verständlich und in gewähltem Französisch aus - wahrscheinlich habe sie eine gute Bildung genossen. "Wir haben keinen Grund an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln", so Raynaud. Seiner Meinung nach könne "Michelle" die Klinik eigentlich verlassen. "Aber ohne Basis, ohne eine bestätigte Biografie kann sich kein Mensch ein stabiles Leben aufbauen."

Niemand kann vorhersagen, wie die junge Frau auf ein Treffen mit der Mutter reagieren wird. "Manche Betroffene können sich wieder erinnern, wenn sie Angehörige treffen, an ihren Arbeitsplatz zurückkehren oder Geschichten aus ihrem Leben erfahren. Es kann aber auch sein, dass diese Frau selbst ihre Mutter nicht wiedererkennt und die Erinnerung für immer verloren geht", so Psychologin Joder.

Ein sehr seltener Fall. Dann müssten Ärzte und Helfer versuchen, mit "Michelle" zusammen eine neue Identität aufzubauen, bei Null wieder anzufangen. Gemeinsam mit einem Betreuer oder dem Psychologen könne nach ihren Interessen geforscht werden, etwa ob sie eine Fremdsprache oder eine bestimmte Sportart beherrsche - erlernte Fähigkeiten seien häufig erhalten, so Joder. "Sie muss sich selbst ganz neu kennenlernen." Für diese Etappe will die Klinik die junge Frau vor der Öffentlichkeit abschirmen. Sie müsse in ihrem neuen Alltag geschützt werden, heißt es in einer Erklärung.

Aber nicht nur für die Französin ist ihr kommendes Leben Neuland: Bislang ist nur wenig über Amnesien und ihre Heilung bekannt. Weil der totale Gedächtnisverlust sehr selten ist und nicht medikamentös behandelt werden kann, investieren weder Pharmaindustrie noch Universitäten in die Erforschung. Psychologin Joder prophezeit: "Es werden viele Fragezeichen bleiben - für die Frau und ihre Helfer."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Neinsowas 06.09.2013
1. was ich daran nicht verstehe...
Die Angaben der wahrscheinlichen Mutter/Familie können doch sehr schnell überprüft und verifiziert werden.... Dann hat man einen Ausgangspunkt und "Michelle" muss nicht weiter "Sarah" genannt werden...andernfalls hat man damit Anhaltspunkte, welchen Stand sie in ihrer Familie hatte, was ihre Neigungen und Fähigkeiten waren....oder warum sich Menschen aus Reims melden, um falsche Angaben zu machen....?
Valis 06.09.2013
2. Wow
Wow, was für eine Ferndiagnose von der Kieler Psychologin die ohne sie gesehen zu haben weiss, das sie die Wahrheit sagt!
Hagbard 06.09.2013
3.
Zitat von ValisWow, was für eine Ferndiagnose von der Kieler Psychologin die ohne sie gesehen zu haben weiss, das sie die Wahrheit sagt!
Steht im Artikel, dass die kieler Psychologin sie nie gesehen hat?
günterjoachim 06.09.2013
4. Na ja...
Wer's glaubt wird selig. Solche selektiven Gedächtnisverluste klären sich irgendwann ohne Probleme auf.
carpediem 06.09.2013
5. @valis: Wahrheit
Man kann es schnell überlesen: Die Psychologin hat geäußert, dass die Französin IHRE, nicht DIE Wahrheit sagt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.