Wahre Tierliebe Schabenfreude ist die schönste Freude

Hundewelpen und Katzenbabys kann ja jeder süß finden. Aber Schaben? Deren Qualitäten als Haustiere offenbaren sich erst auf den zweiten Blick, wie ein neues Buch zeigt.

Anja Rützel

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Anja Rützel schreibt normalerweise über das Dschungelcamp und andere Trash-TV-Auswüchse. In ihrem Buch "Saturday Night Biber" erzählt sie von ihrer wahren Leidenschaft: Tieren in allen Niedlichkeitsgraden. Die Autorin mag Alpakas, Ameisenbären - und Madagaskar-Fauchschaben. Der Text ist ein bearbeiteter Buch-Auszug.

Wenn 50 Schaben gleichzeitig fauchen, klingt es wie das Rauschen am Strand von Hawaii. Die Madagaskar-Fauchschabe, der Name deutet es an, gibt extrem laute Zischlaute von sich, wenn sie sich bedroht fühlt. Wenn 15 dieser Schaben gleichzeitig fauchen, klingt das immerhin noch wie ein Grüppchen resoluter Vorstadtmadämchen, die sich vor dem Damenklospiegel der Großraumdisco Yabbadabbadoo mit Haarlack-Sprühstößen die Toupierfrisur nachbetonieren: Psssssschhhhh!

Ich weiß das, seit ich einmal einen Erfurter Schabenzüchter besuchte und mich von seiner Kakerlaken-Passion mitreißen ließ. Damals, im Sommer 2016, bestellte ich mir auf der Heimreise spontan mein eigenes kleines Rudel beim Schabenversand.

Die Argumente des Züchters waren auch einfach zu überzeugend: "Wenn man einen Hamster eine Woche lang nicht füttert, ist er tot, das ist bei Schaben nicht der Fall." Auch bei leicht nachlässiger Pflege werden die Riesenversionen der Fauchschaben bis zu fünf Jahre alt. Außerdem faszinierte mich die Idee, dass sie mir eine ganze, bislang ungeahnte Parallelwelt auftun könnten. Eine, die im Dunkeln der Wandritzen liegt, eine kreuchende, fleuchende Gesellschaft.

Was, wenn die Menschen Schaben statt Hunde züchten würden?

Weltweit gibt es mehr als 4600 verschiedene Schabenarten, nur 20 davon sind in Europa heimisch. Es gibt die Gemeine Küchenschabe, die Orientalische Schabe, die Bäckerschabe, die Braunbandschabe und die Lapplandschabe. Es gibt Floridaschaben, Samtschaben, Zebraschaben, Orangekopfschaben, Porzellanschaben, Lobsterschaben, Bananenschaben.

Äußerlich sind sie so unterschiedlich, dass man sich gut eine Parallel-Erde zur unsrigen vorstellen kann. Dort ergötzen sich Menschen nicht seit Jahrhunderten an der Zucht immer neuer Hunderassen, sondern legen denselben Ehrgeiz in die Schabenzucht. Und an besonders fauligen Wetterumschwungstagen flanieren sie stolz mit ihren aufgepudelten Prachtschaben durch die Grünanlagen.

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Ungewöhnliche Haustiere: Leben mit Schabi Alonso und Jürgen Schabermas

Drei Tage nach der Bestellung treffen die Schaben in einem leeren Kartoffelsalatbottich bei mir ein. Ich verbringe viel Zeit damit, ihnen zuzuschauen, wie sie ihre Umgebung mit schwankenden Wobbelantennen ausloten und flink mit ihren glänzenden Lakritzkörpern davonhuschen, wenn ich in den Bottich fasse.

Und ich recherchiere die Geschichte meiner neuen Wohnungsgenossen: Seit gut 300 Millionen Jahren gibt es Schaben auf der Erde. In dieser Zeit hat sich ihr grundsätzlicher Bauplan nicht sonderlich verändert. Ich male mir einen Zeitstrahl, um mir diese Fantastillionenzahl zu verdeutlichen: Nachdem die Schaben die Welt in Besitz genommen hatten, dauerte es noch einmal 50 Millionen Jahre, bis die ersten Dinosaurier auftauchten.

Am Morgen füttere ich die Schaben mit Hundekuchen, Löwenzahn und Banane, sie fressen praktischerweise alles. Dann bringt die Post die Terrarien, die ich mit Kokosmulch und einem verzweigten Tunnelsystem aus leeren Klopapierrollen zum Verstecken ausstatte.

Jürgen Schabermas neben Stefan Schaab

Ich beschließe, den Tieren Namen zu geben, um sie mir vertrauter zu machen. Bei diesem Gedanken komme ich mir vor wie ein Standesbeamter, der bei seinen Trauansprachen zu oft "Der kleine Prinz" zitiert hat. Der Name, der sich förmlich aufdrängt, ist natürlich Schabi Alonso. Als die Schaben bei mir einziehen, ist erstens gerade Fußball-Europameisterschaft, und zweitens verehre ich den Fußballspieler fast gleichen Namens sehr.

Die Rampensau, die immer ganz vorne an der Scheibe klebt, nenne ich Stefan Schaab, die professoral wirkende Altschabe Jürgen Schabermas, das Exemplar daneben ist Lawrence von Schabrabien. Als Nächstes taufe ich Schabnetha, Schabifried, Borky und Hörn, die zusammen die Band SCHABBA haben.

Ich erwäge, einige Schaben nach in Ungnade gefallenen Bekannten zu benennen, womöglich der eleganteste Diss überhaupt. Beim nächsten zufälligen Treffen müsste ich nicht mehr betreten die Straßenseite wechseln, sondern könnte ganz nonchalant sagen: "Ich habe eine Schabe nach dir benannt." Gibt es einen besseren Satz, um Menschen nachhaltig zu verwirren?

Polit-Schabe Schabowski sagte Trumps Sieg voraus

Leider stehe ich mit meiner Schabenliebe im Bekanntenkreis recht alleine da. Ich versuche, die Tierchen wenigstens im Internet ein bisschen populär zu machen und lasse ausgewählte Exemplare während der EM auf Twitter als Orakeltier auftreten.

Es ist unheimlich: In vier Spielen tippen sie vier Mal das richtige Ergebnis, sogar den Sieg der Waliser über Belgien. Ich bin kurz davor, alle weiteren Lebensentscheidungen vom Gutdünken der Schaben abhängig zu machen, dann versagt beim Viertelfinale Deutschland gegen Italien ausgerechnet Schabi Alonso.

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Inzwischen habe ich die meisten Schaben in gute Hände abgegeben, drei leben weiter bei mir. Ich werde sie behalten, denn spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl bin ich sicher: Sie wissen mehr als wir.

In der Wahlnacht hatte ich eine letzte Tipp-Arena mit zwei Häuschen aufgebaut. Schabowski, die Polit-Schabe, zögerte nur kurz, zielstrebig ging sie zum Clinton-Häuschen rechts unten und krabbelte halb hinein - um es dann völlig unnötig wieder zu verlassen, den ungeschützten Weg quer durch den Karton zu wählen, in das Trump-Häuschen links oben zu trippeln und es sogar zu erklimmen. Ein Sachverständiger, der alles genau so kommen sah, wie tatsächlich geschah!

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Es waren noch nicht alle Stimmen ausgezählt, da legte ich Schabowski ein Stück Honigmelone in das Terrarium, sein Lieblingsessen - in der Hoffnung, dass er sich daran erinnern und mich schonen würde, wenn die Schaben irgendwann die Weltherrschaft ergreifen werden. Es kann nicht mehr lange dauern.


Am 15. Juni liest Anja Rützel ab 20 Uhr in der Berliner Fahimi-Bar aus "Saturday Night Biber", musikalische Gäste werden außerdem Molchlieder singen.

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Anja Rützel:
Saturday Night Biber

Fischer; 240 Seiten; 9,90 Euro



insgesamt 9 Beiträge
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banalitäter 23.05.2017
1. Wie immer ..
... ein klasse Text - er hat mich zum Lachen gebracht . Grüße an Schabi Alonso .
seb.mazur@googlemail.com 23.05.2017
2. haha,
gibt es nichts im fernsehen?
Rafaelblond 23.05.2017
3. Schabpo
.... für diesen Text. Trotzdem eklige Viecher. Darauf einen Schabau ...
Radlermass 23.05.2017
4. wie schon Reinhard Mey auch sang:
Alles, was ich habe Ist meine Küchenschabe Sie liegt auf meinem Ofen Da kann sie ruhig poofen Mein allerbester Freund ist sie Der letzte, der mir blieb Drum ist mir das Insektenvieh Auch ganz besonders lieb Auch bess're Zeiten gab es schon Groß war die Freundeszahl Sie liefen mit dem Glück davon Ich sah mit einem Mal: Alles, was ich habe Ist meine Küchenschabe Sie liegt auf meinem Ofen Da kann sie ruhig poofen Da kann man seh'n, wie so ein Tier Ein bess'rer Mensch sein kann Sie hält in Freud und Leid zu mir Und schaut mich tröstend an Da kann man seh'n, wie so ein Tier Ein bess'rer Mensch kann sein Und ihre Augen sagen mir Du bist ja nicht allein Alles, was ich habe Ist meine Küchenschabe Mag sie die Küche haben Ich hör' ihr zu beim Schaben Krrrrk, Krrrrk, Krrrrrrrrrk
oil-peak-fan 23.05.2017
5. Bearbeitung.
Wieso muß ein in Buchform vorliegender Text von Spon bearbeitet werden? Sitzen dort die besseren Autoren? Hätte ich als Autor nie zugelassen - trotz des verkaufsfördernden Beitrags. Apropos: In Mexiko gibt es geröstete Cucarachas - gesalzen/ungesalzen - in Tütchen zu kaufen.
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