Schachlegende Bobby Fischer Das jähzornige Genie

Er liebte quietschgrüne Anzüge, zermürbte seine Gegner mit bizarren Forderungen und lobte die Terroranschläge von 9/11. Ex-Schachweltmeister Bobby Fischer führte ein Leben voller Exzentrik, Wahnsinn und Hass. Jetzt ist er auf Island im Alter von 64 Jahren an Nierenversagen gestorben.

Von Dennis Kayser


Hamburg - Seinen letzten Zug tat Schachlegende Bobby Fischer auf Island. Und es passt irgendwie zu ihm und seiner schrillen Biografie, dass er ausgerechnet hier zu atmen aufhörte. Gestorben in dem Land nahe am Polarkreis, wo er vor 35 Jahren als erster US-Bürger in einem spektakulären Match einem Sowjetrussen den Weltmeistertitel im Spiel der Könige abrang - und für einige Zeit selbst zum King wurde. Ein Volksheld, der den kalten Krieg auf einem Brett für den Westen entschied. Und dessen Abstieg im Leben von Schachfans in aller Welt mit Staunen und Verblüffung verfolgt wurde.

Bobby Fischer, das jähzornige Genie machte auch außerhalb des Schachsports Schlagzeilen: Mit seinen Hasstiraden gegen Juden, seinem Feldzug gegen den Kapitalismus, seinem Gefängnisaufenthalt. Genug Stoff für Bücher, einen Film, ein Musical und eine 900 Seiten starke FBI-Akte.

Das ganze Drama um Bobby Fischer begann im Sommer 1972 in einer schmucklosen Halle in Reykjavik. Dort fand der Schaukampf der Supermächte statt, ein Turnier Ost gegen West. Seit 1948 gehörte der Weltmeistertitel der Sowjetunion, wo zur damaligen Zeit vier Millionen registrierte Schachspieler lebten. 35.000 waren es in den Vereinigten Staaten von Amerika. Bobby Fischer hatte den Ruf des amerikanischen Spitzenspielers. Er sollte den USA endlich zum Ruhm verhelfen. Doch Fischer lehnte ab mit der Begründung, das Preisgeld von damals 375.000 Mark sei ihm zu wenig. Erst auf Bitten von Henry Kissinger ("Amerika wünscht sich, dass Sie hinfahren und den Russen besiegen") und einem zusätzlichen Scheck eines Londoner Bankmillionärs, ließ sich Fischer umstimmen.

Ein Egozentriker im quietschgrünen Anzug und gelben Slippern

Im Spiel zermürbte der Amerikaner seinen Gegner Boris Spasski, den isländischen Gastgeber und auch das Publikum mit immer neuen Beschwerden. Mal war ihm das Spielbrett zu fleckig, mal das Licht zu grell. Er forderte, der Tisch solle abgesägt werden und alle Kinder aus dem Parkett verschwinden. Vom Veranstalter verlangte der Egozentriker, der gern quietschgrüne Anzüge zu gelben Slippern trug, die teuerste Luxusuite im Hotel, Diplomatennummernschild am Auto und eine Polizeieskorte zur Halle.

Die Sperenzchen Fischers arteten derart aus, dass der sowjetische Geheimdienst KGB kapitalistische Sabotage witterte und sogar Fischers Stuhl mit Röntgenstrahlen auf Wanzen überprüfte. Es nützte ihnen nichts. Fischer gewann. Und wurde zum Helden.

"Die ganze Welt ist schachverrückt", jubelte nach seinem Sieg der britische "Daily Telegraph". Die "New York Times" stellte zwar anerkennend, aber doch schaudernd fest: Fischer besitze "die Aura eines Killers". US-Präsident Richard Nixon verzichtete sicherheitshalber darauf, den unberechenbaren Champion im Weißen Haus zu empfangen. Zu viel Merkwürdiges hatte man über das Schachgenie berichtet.

Mit 14 wurde Fischer jüngster amerikanischer Schachmeister

Robert James Fischer, genannt Bobby, wurde am 9. März 1943 in Chicago geboren. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Brooklyn, bei seiner alleinerziehenden Mutter Regina. Mit sechs bekam Fischer sein erstes Schachbrett, mit 14 wurde er jüngster amerikanischer Meister. Ein Jahr später brach er die Schule ab - obwohl ihm ein Intelligenzquotient von 184 attestiert wurde. Er galt als überdurchschnittlich begabt und unfassbar unbequem.

Oft weigerte er sich einfach aus einer Laune heraus, in wichtigen Spielen gegen seine Kontrahenten anzutreten. 1975 wurde ihm kurzerhand der Weltmeisterrang aberkannt, weil er seinen Titel partout nicht gegen Antolji Karpow verteidigen wollte.

Fischer tauchte ab, schloss sich in Kalifornien einer Sekte an und wurde erst 17 Jahre später wieder Gesprächsthema. Trotz US-Embargos trat Fischer während des Bürgerkriegs in Jugoslawien gegen seinen einstigen Rivalen Spasski an. In Belgrad behielt der Amerikaner die Oberhand und strich schließlich eine Siegerprämie von 3,35 Millionen Dollar Preisgeld ein, was von Seiten der USA als "illegaler Handel" deklariert wurde.

Der 11. September als "wundervolle Neuigkeit"

Amerika erließ einen Haftbefehl und setzte den einstigen Volkshelden weltweit auf die Fahndungslisten. Fischer flüchtete. Zunächst nach Ungarn, später vermuteten Behörden ihn in der Fränkischen Schweiz, dann landete er in Japan, wo er nicht nur umpolitisches Asyl bat, sondern auch in Interviews emsig den Holocaust leugnete. Einige Biografen vermuten, dass es sich bei seinen antisemitischen Hetztiraden um eine Auflehnung gegenüber seine jüdischstämmige Mutter handeln könnte.

Aber offenbar hasste Fischer nicht nur sie. Als am 11. September nach dem Terrorangriff auf New York die Türme des World Trade Centers einstürzten, pries er im Radio die Attacke als "wundervolle Neuigkeit". Das FBI forcierte die Ermittlungen gegen ihn. Doch erst 2004 gelang es der japanischen Polizei, ihn am Flughafen von Tokio zu verhaften. Fischer kam ins Gefängnis.

Mit Unterstützung seiner langjährigen Lebensgefährtin Miyoko Watai, damals Präsidentin des japanischen Schachverbands, bemühte sich Bobby Fischer um Asyl. Rund 600 Schachfans kämpften für ihren Guru. Fischer beklagte sich, dass er in Haft angeblich neben einem defekten Atomreaktor leben müsse. Sollte man ihn in die USA ausliefern, würde er garantiert "ermordet" werden, so Fischer.

Seine US-Bürgerschaft hatte er demonstrativ aufgegeben. Vergeblich beantragte er unter anderem die deutsche Staatsbürgerschaft, weil sein Vater Gerhardt Deutscher gewesen sein soll, als Fischer 1943 geboren wurde. Später lebte Gerhardt als Don Gerardo Fischer Liebscher in Chile als Lampenhändler - und unter Beschattung des FBI. Genau wie Bobby Fischers Mutter Regina in den USA. Beide Eltern sahen ihren Sohn nie wieder.

Acht Monate später, an seinem 62. Geburtstag, erhielt der Ex-Schachweltmeister schließlich einen isländischen Ausländerpass, den die japanischen Behörden zunächst nicht anerkannten. Erst als ihm obendrein die isländische Staatsbürgerschaft zuteil wurde, durfte Fischer in Begleitung seiner Lebensgefährtin, mit der er sich noch in der Haft verlobte, ausreisen.

Grau und bärtig ließ er sich mit Watai in Reykjiavik nieder. Es wurde ruhig um ihn. Bis heute Mittag die Nachricht seines Todes eintraf.



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