Letzte Hoffnung Schein-Ehe "Plötzlich sah ich die Panik in ihrem Gesicht"

Per Aushang in einer Bar sucht eine Chinesin einen Mann, um ihre Eltern glücklich zu machen. Valentin Wolker meldet sich und stolpert in ein großes Abenteuer. Hochzeitsfeier in China inklusive.

Valentin Wolker und Meilin auf ihrer Hochzeitsfeier in China
S. Fischer Verlag

Valentin Wolker und Meilin auf ihrer Hochzeitsfeier in China

Ein Interview von


Ein kleiner Zettel in einer Bar stürzte Valentin Wolker* in ein großes Abenteuer. Per Aushang suchte eine Chinesin einen Mann, "um meine Eltern glücklich zu machen", wie sie schrieb. Wolker sendete ihr eine E-Mail - und nur einen Tag später saß er mit Meilin* in einem Café in München und sie sprachen übers Heiraten. In China. So schnell wie möglich.

Heute weiß Valentin Wolker, wie Abenteuer unser Leben bereichern können. Und wie eine Lüge einem Menschen das Glück und einem anderen die Freiheit geschenkt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Abenteuer begann mit einem Freund, der Ihnen in einer Kneipe lachend den Abriss eines Aushangs zusteckt - und endete mit einer Hochzeitsfeier in China. Klingt eher nach dem Drehbuch für eine Komödie als nach dem richtigen Leben. Wie sind Sie da hineingeraten?

Wolker: Ich war einfach neugierig, was hinter diesem Zettel steckt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schon öfter in solche Abenteuer gestürzt?

Wolker: Nicht so wie dieses. Ich habe mal in Freiwilligen-Projekten in Afrika gearbeitet. Da habe ich mit den Einheimischen im Dorf gelebt, vom Boden gegessen, und mir morgens einen Eimer eiskaltes Wasser aus dem Dorfbrunnen über den Kopf geschüttet.

SPIEGEL ONLINE: Verändern einen solche Erfahrungen?

Wolker: Mit etwas Glück verändern sie den Blick auf die Welt. Manche Dinge sind für uns selbstverständlich - bis wir merken, dass wir damit total falsch liegen. Ein Beispiel: Es gab in dem afrikanischen Dorf keine Toiletten. Man hockte sich auf ein Loch und musste dabei aufpassen, dass man nicht reinkippt. Ich dachte: Dass da keiner was macht, Toilettenschüsseln sind doch erschwinglich. Später habe ich dann in dem Buch "Darm mit Charme" gelesen, dass unsere Haltung auf der Toilette gar nicht die gesündeste ist, sondern, dass die afrikanische viel besser ist. Manchmal ist man so geprägt durch das, was man jeden Tag sieht, dass man es nicht mehr infrage stellt.

Auf Kostümsuche: Meilin und Wolker beim chinesischen Hochzeitsfotografen.
S. Fischer Verlag

Auf Kostümsuche: Meilin und Wolker beim chinesischen Hochzeitsfotografen.

SPIEGEL ONLINE: Haben ihre Erlebnisse mit Meilin auch Ihren Blick auf die Welt verändert?

Wolker: Sie haben meinen Blick erweitert. Am Anfang stand das persönliche Abenteuer. Doch sehr bald merkte ich, was das alles für sie bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Wolker: In China gibt es das Phänomen der "Leftovers", Frauen, die mit Mitte dreißig noch unverheiratet sind. Viele Familien empfinden das als große Schande. So groß, dass daran eine ganze Industrie hängt. Es gibt Internetseiten, über die man falsche Freunde mieten kann, die dann zu Familienfeiern kommen und den Eltern vorspielen, dass man einen Partner hat. Händchenhalten kostet extra. Für Heterosexuelle ist das ein vorübergehendes Problem, dann mieten sie ein paar Mal einen Freund und irgendwann finden sie schon einen Mann. Aber Meilin kann ihren Eltern diesen Wunsch nicht erfüllen. Sie ist lesbisch und will nicht nur zum Schein mit einem Mann zusammenleben. Für Frauen wie sie ist das in China ein permanentes Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Ihnen der Ernst der Lage klargeworden?

Wolker: Am Anfang haben wir uns getroffen und Meilin war sehr fröhlich, optimistisch, hat gar nicht den Eindruck gemacht, als hätte sie ein großes Problem. Eines Nachts waren wir im Videochat. Zu dem Zeitpunkt war ich mir noch nicht sicher, ob ich das durchziehen kann. Als ich ihr das sagte, habe ich plötzlich nackte Panik in ihrem Gesicht gesehen. In dieser Nacht habe ich beschlossen, wirklich nach China zu reisen und die Sache nicht nur als Abenteuer ohne Folgen zu verbuchen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es dennoch einen Moment, in dem Sie dachten: Das ist zu krass - ich muss jetzt ganz schnell weg?

Wolker: Schon ganz am Anfang. Ich habe mit einer E-Mail auf den Zettel geantwortet und gedacht: Da ist jetzt jemand im fernen China und irgendwann antwortet diese Person vielleicht. Und dann hat sich herausgestellt: Meilin war in Deutschland - und ihre Mutter war gerade zu Besuch, angereist, um den Freund endlich kennenzulernen, den Meilin in Erzählungen erfunden hatte. Zwei Tage später saßen wir schon in diesem China-Restaurant und ich habe den falschen Freund gespielt. Das war so skurril. Da habe ich mich schon gefragt: Was machst du hier eigentlich? Kannst du einen Menschen so belügen?

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SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie trotzdem geblieben?

Wolker: Meilin hatte mir vorher erzählt, ihre Mutter sei krank. Sie habe überall Schmerzen. Als wir dann zusammensaßen, sah die Mutter so glücklich aus, sie hat so gestrahlt, dass ich einfach gedacht habe: Okay, die Lüge hilft mehr, als dass sie schadet. Nach dem Treffen hat Meilin gesagt: "Die Krankheit ist weg, Mutter ist jetzt glücklich. Sie fragt jeden Tag nach dir."

SPIEGEL ONLINE: Ist die Mutter immer noch glücklich?

Wolker: Meilin ist sehr klug und hat eine gute Lösung für ihre Situation gefunden: Sie wohnt jetzt wieder in China und kümmert sich um ihre Eltern - und ihr Mann muss in Deutschland sein, weil er hier arbeitet. Das ist eine Erklärung, die alle akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also noch verheiratet.

Wolker: Einen richtigen Trauschein haben wir nie gehabt. Auch dafür hatte sich Meilin etwas ausgedacht: Ihren Eltern hat sie gesagt, dass wir schon in Deutschland geheiratet haben. In China wurde dann ein groß gefeiert - mit 120 Gästen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Kontakt?

Wolker: Wir skypen regelmäßig, die Eltern wollen mich ja auch sehen. Wir skypen und dann läuft die Mutter von hinten ins Bild, hält mir dampfendes Essen in die Kamera und ist froh. Meilin sagt, sie reden jeden Tag über mich. Ihre Mutter fragt, wie es mir geht und was ich mache - und Meilin denkt sich täglich neue Geschichten aus.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt furchtbar anstrengend.

Wolker: Das habe ich auch gedacht. Einmal habe ich Meilin gefragt: Deinen Eltern haben wir also geholfen. Aber haben wir dir auch geholfen? Da hat sie mich angeschaut, hat genickt und gesagt: "Jetzt bin ich freier."


* Valentin Wolker und Meilin sind nicht die echten Namen der beiden. "Die Pseudonyme", sagt Wolker, "sind wichtig zu unserem Schutz und dem meiner chinesischen Schwiegerfamilie. Für sie würde das Bekanntwerden der Geschichte einen großen Gesichtsverlust bedeuten."



insgesamt 20 Beiträge
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stammtischhistoriker 17.12.2017
1. Kurzsichtiger Irrsinn
Wielange soll das gut gehen? Was wenn die Familie Geld braucht? Der Mann arbeitet in D, wieso schickt der keines, wieso keine Kinder? Oder wollen die Eltern nur eine plausible Lüge die sie vorgeben können zu glauben? Ich sehe nur coming-out, lieber ein Ende mit Schrecken (oder Anfang) als Schrecken ohne Ende und irgendwann kommt es doch raus.
Olli68 17.12.2017
2. Lügen im familiären Bereich...
Lächerliches Märchen... Lüge und Verstellung ist auf Dauer nie gut um im Zwischenmenschlichen oder Familiären Harmonie zu erreichen. Ein Erwachsener hat die Pflicht, den Eltern die Wahrheit zu sagen (oder notfalls darüber zu schweigen) - aber so ein würdeloses verlogenes Schauspiel hat irgendwann Konsequenzen. Gleichzeitig auch ein Zeichen für die reaktionären Familienstrukturen in der anderen Kultur. Da verstehe ich aber trotzdem nicht die Motivation des Mannes, bei dieser Heiratsschwindlerei mitzumachen...
The Restless 17.12.2017
3. Witzig
Ich verstehe all das sehr, sehr gut! Kann mir all diese Szenen mit Mutter, Dampfnudeln und anderen Köstlichkeiten bildlich vorstellen. Problem ist nur: Wenn Valentin wirklich mal heiratet, dann dürfte seine Angetraute von diesem Zirkus nicht begeistert sein ....
Le Commissaire 17.12.2017
4. Toll!
Auf so eine Anzeige hätte ich mich auch sofort gemeldet, schon alleine aus Neugier auf die chinesische Kultur. Chinesen habe ich immer als extrem interessant empfunden, hier mischt sich uralte Tradition mit extremer Offenheit für Neues. Und in einer chinesischen Familie zu essen muss wundervoll sein. Viel Glück den beiden!
raoul2 17.12.2017
5. Ich denke, wir müssen das Buch lesen
Nach diesen Mini-Ausschnitten aus dem "Verstrickungs-Leben" der beiden fehlen allzu viele Informationen. Noch wissen wir ja nicht, ob sie eine feste Freundin hat (und wenn: wo?) oder ob er vielleicht schwul ist oder aus anderen Gründen gar keine (andere) Frau suchen, finden und haben will (sowieso eine merkwürdige Sicht mit dem "haben"). Natürlich kann so etwas in die irrsten Situationen führen - aber genauso kann es für alle Seiten gutgehen. Und wenn (aus welchen Gründen auch immer) irgendwann eine "Trennung" notwendig werden sollte - so what? Auch binationale "Eheleute" können sich auseinanderleben und möglicherweise eine "Scheidung" wünschen. Wo sollte da ein größeres Problem sein als in "echten Beziehungen"? Im Moment trägt die "gute Lüge" und hilft dabei, Menschen glücklicher zu mchen, als sie ohne Lüge gewesen wären. Also alles okay.
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