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Schiffbruch im Indonesien-Urlaub: Der Untergang

Von Rainer Leurs

Drama vor der Insel Sumbawa: Ein französischer Passagier machte dieses Foto mit seiner GoPro-Kamera. Es zeigt die Schiffbrüchigen mit dem winzigen Beiboot der "Versace Amara" Zur Großansicht
Bertrand Homassel/i & u TV Produ

Drama vor der Insel Sumbawa: Ein französischer Passagier machte dieses Foto mit seiner GoPro-Kamera. Es zeigt die Schiffbrüchigen mit dem winzigen Beiboot der "Versace Amara"

Fast 50 Stunden nach einem Bootsunglück trieben die Schiffbrüchigen im indonesischen Meer; einige schwammen kilometerweit bis zu einer Insel. Mit dabei: vier Urlauberinnen aus Deutschland. SPIEGEL ONLINE haben sie ihre Geschichte erzählt.

Es ist eine Reise zu den Drachen, und der Kapitän der "Versace Amara" fährt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Seit Stunden prügelt er das Motorschiff mit 20 Touristen durch die Floressee. Sein Ziel ist eine berühmte Insel weiter östlich: Komodo, die Heimat der gleichnamigen Warane.

Die ganze Nacht werde er durchfahren, hatte der Skipper seinen Passagieren ausrichten lassen, am Abend legten sie sich zum Schlafen hin. Doch auf diesem Ritt bekommt niemand ein Auge zu. Bretthart setzt das Schiff in jedem Wellental auf, das Stampfen wirft die Rucksacktouristinnen Hannah S. und Isabel S. auf ihren Matten hin und her. Als die Ersten seekrank werden, holen einige besorgte Fahrgäste Schwimmwesten aus dem Gepäckraum - manche davon offenkundig museumsreif, an einigen baumeln immerhin Trillerpfeifen.

Da erstirbt das Wummern der Maschine, und ein Crewmitglied springt zu den Touristen aufs Oberdeck. "Very dangerous now", platzt er hervor. "Unser Boot hat ein Loch, da bricht Wasser ein!" Draußen schwappen Wellen an die Bordwand, der Wind zaust am Kabinendach. Drinnen versuchen entsetzte Urlauber aus Spanien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden, die Verschlüsse ihrer Schwimmwesten zuzukriegen.

Die "Versace Amara" vor dem Unglück: In dem Aufbau schlafen die Passagiere, der Segelmast dient eher der Dekoration
Els Visser

Die "Versace Amara" vor dem Unglück: In dem Aufbau schlafen die Passagiere, der Segelmast dient eher der Dekoration

Andere Backpacker hatten Hannah und Isabel von diesem Trip erzählt: Vier Tage per Boot von der Insel Lombok nach Flores, mit Zwischenstopp auf Komodo. Umgerechnet rund 90 Euro pro Person bezahlten sie für die Schiffsreise. Es sollte ein Höhepunkt ihres Indonesien-Urlaubs werden.

Stattdessen gerieten die 21-Jährigen in ein Drama auf See. Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und die Fehler einer schlecht ausgebildeten Besatzung führten wohl zum Untergang der "Versace Amara", bei dem Mitte August zwei Passagiere starben. Die Überlebenden trieben zum Teil fast 50 Stunden lang im Meer, bis sie halb verdurstet und am Ende ihrer Kräfte gerettet wurden. Vier von ihnen haben uns ihre Geschichte erzählt; auch anhand von Fotos und Videos anderer Reisender lassen sich die Ereignisse rekonstruieren.

"Begrenzte Sicherheitsausrüstung"

Für indonesische Verhältnisse ist das Schicksal der "Versace Amara" nicht ungewöhnlich. Das Land besteht aus rund 17.000 Inseln, Boote sind als Transportmittel immens populär - und die Sicherheitsstandards niedrig. 617 registrierte Unfälle auf See gab es allein im Jahr 2013, insgesamt kamen dabei mehr als 300 Menschen ums Leben. In einem Reisehinweis warnt die britische Regierung Indonesien-Touristen vor der "begrenzten Sicherheitsausrüstung" gerade an Bord kleinerer Schiffe.

Von denen sind in Indonesien mehr als 51.000 registriert, oft traditionelle Pinisi-Holzboote wie die rund 20 Meter lange "Versace Amara". Sie fährt ohne Echolot zur Messung der Wassertiefe, ohne Positionslichter, GPS-Empfänger, Notfunkbake oder funktionierendes Funkgerät - eigentlich Standard-Equipment für ein Passagierschiff nach europäischem Verständnis.

Auch die unfreiwillige Begegnung mit einem Riff am Tag der Abfahrt aus Labuhan Lombok beeindruckte die Besatzung herzlich wenig: Mit Wucht war das Schiff im Dunkeln auf die Korallen gelaufen, ein anderes Boot musste den Havaristen freischleppen. Doch statt nach der Kollision einen Hafen anzusteuern, suchte der Kapitän mit Schnorchel und Taucherbrille nach Schäden am Rumpf. Alles in Ordnung, ließ er nach kurzer Prüfung wissen. Und steuerte das Schiff weiter aufs offene Meer.

Inselhopping in Bikini und Badeshorts: Passagiere an Bord der "Versace Amara"
Els Visser

Inselhopping in Bikini und Badeshorts: Passagiere an Bord der "Versace Amara"

Rund 24 Stunden später liegt die "Versace Amara" irgendwo nördlich der Insel Sumbawa und füllt sich langsam mit Wasser. Weit draußen sind Lichter zu erkennen, vielleicht andere Boote. Hannah kramt einen Plastikbeutel hervor und packt Reisepass und Kreditkarten hinein. Auf dem Weg aufs Hauptdeck kann Isabel durch die Luke schauen, die in den Bauch des Schiffes führt: Reisetaschen und Rucksäcke schwimmen ihr entgegen. Einige Touristen stürzen sich mit Eimern in die Brühe und schöpfen Wasser. Die Seeleute stehen daneben; mit ihren Handys versuchen sie, Hilfe zu rufen. Es gibt kein Netz.

Freitag, Mitternacht: Abwärts

Das Boot hat keine Chance, denkt Lisa S. Die 29-jährige Gymnasiallehrerin unterrichtet Chemie und Biologie, und die Lage des Schiffs, auf dem sie sitzt, verfolgt sie aus der Perspektive einer Naturwissenschaftlerin. Ohne Zeit zu vertrödeln schnallt sie sich eine Rettungsweste über Bikinihose und Top, dann setzt sie sich an den Bug ins Freie: Da kommt sie schneller raus, wenn das Schiff sinkt.

An Bord riecht es inzwischen kräftig nach Diesel. Als provisorisches Notsignal hat der Schiffsjunge Putzlumpen in Treibstoff getränkt, sie um einen Besenstiel gewickelt und angezündet. Lisa sieht zu, wie der Teenager versucht, auf dem schwankenden Schiff das Gleichgewicht zu halten, während auf dem Boden Dieselpfützen stehen. Durch die Panik hindurch spürt sie Wut in sich aufsteigen, Wut über die Inkompetenz um sich herum: Dass sie und ihre Freundin Caroline in Lebensgefahr sind wegen dieser unfähigen Menschen.

Dann rollen die ersten Wellen über die Bordwand. Meerwasser schwappt durch die Türen, während die "Versace Amara" mit schwerer Schlagseite in der See liegt. Durch ein Fenster steigen sie ins Freie, ins Schwarze. Zwei, vielleicht drei Meter hoch geht die See, die Wellen sind überraschend warm, und das Schrillen von Trillerpfeifen durchschneidet die Nacht.

Nacht auf Samstag: Im Wasser

Vorsicht vor dem Sog! Um nicht mit in die Tiefe gezogen zu werden, sind die Touristen vom sinkenden Schiff weggeschwommen, auch wenn da draußen nichts ist als Dunkelheit. Aber aus der Entfernung sieht es nicht so aus, als würde die "Versace Amara" sofort untergehen: Stur hält sich das Oberdeck knapp über Wasser, im Mondlicht schimmert das weiße Dach der Schlafkabine. Schließlich trauen sie sich zurück, drängen sich auf die Schräge einer kleinen Plattform am Heck.

Wer es hier raufgeschafft hat, muss sich an der Fahnenstange oder am Geländer festklammern, sonst rutscht man hinunter. Drei Crewmitglieder hängen am Segelmast, der weiter vorn aus dem Wasser ragt wie ein abgeknicktes Verkehrsschild. Sechs, vielleicht sieben Menschen können sich zudem in das kaum küchentischgroße Beiboot quetschen. Einen Motor oder Riemen zum Rudern hat es nicht.

In der Dunkelheit denkt Isabel zum ersten Mal über das Sterben nach. Sie überlegt sich, was das für ihre Eltern bedeuten würde. Wie furchtbar das wäre, wenn sie hörten, die Tochter sei tot. Furchtbarer wahrscheinlich als ertrinken.

Abertausende Sterne funkeln jetzt über dem Wrack, auf dem schon lange das Licht erloschen ist. Jemand weint leise. Lisa denkt: So habe ich die Sterne noch nie gesehen. Und dann: Vielleicht kann ich nie mehr jemandem erzählen, wie schön das war.

Samstagmorgen: Land in Sicht

Grau liegt die Insel bei Tagesanbruch am Horizont, wie ein Maulwurfshügel. Schon in der Nacht hatten die Schiffbrüchigen einen Feuerschein in der Ferne entdeckt: Ein Vulkan ragt auf der Insel in die Höhe, Lava läuft seine Flanke hinab. Wie weit mag das weg sein? Fünf Kilometer, zehn? Und: Kann das ein guter Schwimmer schaffen?

Überlebende im Beiboot (vorne) und auf dem Heck der "Versace Amara": Im Hintergrund rechts ist die Vulkaninsel Sangeang zu sehen
Bertrand Homassel/i & u TV Produ

Überlebende im Beiboot (vorne) und auf dem Heck der "Versace Amara": Im Hintergrund rechts ist die Vulkaninsel Sangeang zu sehen

Mit der aufgehenden Sonne hellt sich auch die Stimmung etwas auf. "Everybody look at me, I can send you the video after that", sagt Bertrand Homassel, der Franzose, der seine wasserdichte Kamera aus dem Wrack gerettet hat. "I hope you can, I hope", antwortet jemand mit grimmigem Humor.

Hannah ist erst zuversichtlich, dass bald Hilfe kommt. Aber gegen Mittag hat sie noch kein Schiff gesehen. Allmählich macht sich in der Gruppe eine Erkenntnis breit: Dass hier gerade knapp zwei Dutzend Touristen im Meer treiben - womöglich weiß das an Land kein Mensch.

Einige schlagen vor, sich mit dem Beiboot zur Insel aufzumachen, sie wollen mit abgebrochenen Planken paddeln, während die anderen sich außen festhalten und schieben. Aber 19 Leute haben um das Boot herum nicht genug Platz; und paddeln kann man nicht, wenn das Wasser um einen herum voller Menschen ist. Um ein Haar geht die Nussschale im Durcheinander unter.

Es muss anders gehen, das wird Isabel und Hannah klar. Lieber auf dem Weg zur Insel ertrinken, als hier bei den anderen auf den Tod zu warten. Beide sind keine guten Schwimmerinnen, aber sie sind sportlich und gut in Form. Außerdem tragen sie ihre Westen und Taucherbrillen vom Wrack. Gemeinsam mit Bertrand, dem Mann mit der Kamera, lassen sie die anderen hinter sich. Und schwimmen los.

Samstagmittag: Open Water

Fast klar ist der Himmel, nur ein paar Wolkenfetzen pustet der Wind vor sich her. Diese Euphorie! Das Hochgefühl, etwas an seiner Lage zu ändern! Die ersten Meter fühlen sich überragend an: Schon bald können Hannah und Isabel die anderen nicht mehr sehen. "Wir überleben das! Wir packen das!", keuchen sie einander über die Wellenkämme zu, ansonsten arbeiten sie sich schweigend voran. Brustschwimmen, immer weiter, nach jeder Welle orientieren sie sich neu.

Stunde um Stunde vergeht, Isabel bekommt Krämpfe in den Füßen, Hannah Kopfschmerzen von der Taucherbrille. Bertrand ist lange außer Sicht. Bei jeder kurzen Pause sagen die Frauen: Guck mal, die Insel sieht schon so viel näher aus! Aber beide wissen, das ist gelogen. Hannah muss an den Film "Open Water" denken. Isabel an die Flüchtlinge vor Lampedusa. Ohne Schwimmweste, wird ihr klar, wäre sie schon lange am Ende.

Direkt über dem Vulkankegel steht jetzt die Sonne. Man erkennt knorrige Bäume, Buschlandschaft. Leicht schräg schwimmen die Frauen auf den Strand zu, weil eine Strömung von links nach rechts schiebt: Erst nur sachte, dann mit der Unbarmherzigkeit eines Förderbands. Noch rund 300 Meter fehlen bis zum Ufer, die beiden Deutschen kämpfen mit aller Macht. Wie ein Ozeanriese scheint die Insel seitlich vorüberzuziehen; und Isabel kriegt Panik: So kurz vor dem Ziel, und jetzt treibt es sie am rettenden Ufer vorbei? "Ich schaff's nicht", schreit sie zu ihrer Freundin herüber.

Aber Hannah kann nicht warten, sie ist selbst am Ende. "Isabel, hau rein", ruft sie. "Unsere letzte Chance!" Das Ufer erreicht Hannah bei Einbruch der Dunkelheit: eine wilde Küste, zwischen Felsbrocken klemmen ausgeblichene Äste. Aufrecht gehen kann sie nicht, der Rücken steif, die Knie zwei Knoten aus Schmerz. Sie hat sieben Stunden gebraucht.

Bertrand erwartet sie bereits am Ufer, blass und zittrig. Als auch Isabel schließlich mit letzter Kraft ankommt, kann sie nur noch kriechen; der Franzose zieht sie an Land. Die Nacht verbringen die drei am Strand, eng aneinandergeklammert gegen die Kälte, die aus ihren nassen Kleidern in die Knochen kriecht.

Samstagnachmittag: Kein Weg zurück

Am Beiboot hatte es keine Minute gedauert, bis die Schiffbrüchigen Isabel, Hannah und Bertrand nach deren Aufbruch nicht mehr sehen konnten. Nach und nach brechen jetzt mehr Schwimmer auf eigene Faust zur Insel auf - am Nachmittag auch Lisa und Caroline, gemeinsam mit den beiden Spaniern Víctor García Montes und Jorge de Miguel.

Doch die Nachzügler müssen von Beginn an gegen eine Strömung anstrampeln. Die beiden Lehrerinnen kommen kaum voran, nach 500 Metern kehren sie um. Victor und Jorge dagegen versuchen es weiter Richtung Westen, wo die Sonne bereits hinter den Vulkan sinkt. Lisa und Caroline sind die Letzten, die die Männer lebend sehen.

Fix und fertig kommen die beiden Deutschen am Beiboot an, fünf Besatzungsmitglieder und acht Touristen sind jetzt noch hier. Wer darf im Trockenen sitzen, wer bleibt im Wasser? Während sich die Urlauber untereinander bereitwillig abwechseln, gibt es mit der Crew zunehmend Probleme. Immer komplizierter wird es, einen Platz im Kahn zu ergattern. Nach einiger Zeit läuft im Tumult zweimal Wasser hinein, Panik bricht aus. Längst ist die "Versace Amara" außer Sicht, ihr endgültiger Untergang bleibt unbeobachtet.

Suchflugzeuge oder Rettungskräfte zu Wasser sind noch immer nicht zu sehen, dabei fahren an diesem Tag mehrfach Schiffe vorbei. Aus Leibeskräften schreien die Hilflosen dann, rufen, pfeifen, einer stellt sich ins schwankende Beiboot und winkt, während die anderen um ihr Leben paddeln. Aber jedesmal fährt das Schiff weiter.

Und dann wird es Nacht.

Sonntagmorgen: Ein Schiff wird kommen

Auf der Insel gibt es kein Durchkommen. Nach Sonnenaufgang wollten sich die Gestrandeten eigentlich ins womöglich bewohnte Hinterland durchschlagen - Hilfe holen, Wasser organisieren. Doch das Buschwerk entpuppt sich als undurchdringlich, Pfade durchs Gehölz gibt es nicht. Bereits in der Nacht haben sie gegen den Durst Steine gelutscht und ihren eigenen Urin getrunken. Isabel ist schwindelig, ihr Kopf schmerzt. Sie droht zu dehydrieren.

Enttäuscht brechen sie nach einer halben Stunde ihre Erkundungsversuche ab. Durchs Dickicht ist gerade wieder das Blau des Ozeans zu sehen, da gellt ein Schrei von Isabel durch den Busch:
Ein Boot! Da ist ein Boot!

Als Hannah sieht, wie die Besatzung ein Schlauchboot zu Wasser lässt, beginnt sie zu weinen - zum ersten Mal, seit sie an Bord der "Versace Amara" gegangen ist.

In Sicherheit

Der Zufall hat Isabel und Hannah die Rettung gebracht, und er kommt in Form einer Luxusyacht voller Sporttaucher. Von einem Bootsunglück in der Region hat der Schweizer Kapitän bis dahin nichts gehört, völlig entgeistert steht er den abgerissenen Gestalten vom Strand gegenüber. Per Funk informiert er die Behörden über den Untergang und nimmt die Gestrandeten auf.

Route des Unglücksschiffs von Lombok Richtung Komodo: "Wir überleben das!"
SPIEGEL ONLINE

Route des Unglücksschiffs von Lombok Richtung Komodo: "Wir überleben das!"

Auch auf dem Meer ist es hell geworden. Entsetzt stellen Lisa und Caroline fest, wie weit sie in der Nacht abgetrieben sind. Wird man sie hier finden? Sucht überhaupt jemand nach ihnen?

Immer wieder bricht jemand in Tränen aus, eine Niederländerin leidet unter heftigen Krämpfen. Auf Lisas sonnenverbrannter Haut haben sich dicke Blasen gebildet, ihr Oberkörper ist blutig gescheuert vom ständigen Rein- und Rausklettern über die Bordwand. Getrunken haben sie alle zuletzt vor fast zwei Tagen. Fünf- oder sechsmal sehen die Überlebenden am Sonntag wieder Schiffe: manchmal weit weg am Horizont, manchmal auch näher. Ihre Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen, bemerkt niemand. Gnadenlos zieht auch die Sonne weiter, den ganzen Weg übers Firmament bis zum Horizont im Westen.

Lisa weiß, dass ein Mensch vielleicht 72 Stunden ohne Wasser aushalten kann. Sie denkt: Maximal erlebst du hier noch einen Tag, dann ist es für uns alle vorbei. Sie fragt sich, was die beste Strategie ist: verdursten oder ertrinken.

Da sieht sie in der Ferne das Schiff. Es kommt genau auf sie zu.

Es ist ein Fischereischiff, das sie bei Einbruch der Dunkelheit rettet - etwa 45 Stunden nach dem Wassereinbruch auf der "Versace Amara". Bis heute weiß Caroline nicht genau, wie sie an Bord gekommen ist. "Es war so hoch und wir waren im Wasser", erinnert sie sich. Auf dem Schiff kommt dann alles auf einmal. Schmerzen. Erleichterung. Und, zum ersten Mal seit zwei Tagen: Durst, unfassbarer Durst.

Zusammen mit elf weiteren Überlebenden werden Lisa und Caroline an Land gebracht, Helfer fahren sie mit Motorrollern in eine Dorfklinik. Erst nach einer Odyssee durch zwei weitere Krankenhäuser dürfen die beiden nach Hause fliegen - liegend und vollgepumpt mit Schmerzmitteln.

Zu den Ursachen des Untergangs gab es bislang keine formelle Untersuchung. In Interviews gaben Crewmitglieder an, ein Sturm habe ihr Boot auf ein Riff geworfen - das ist offensichtlich unwahr, denn in der Unglücksnacht gab es keinen Sturm. Stattdessen, vermuten einige Überlebende, könnte die ruppige Fahrt bei drei Metern Seegang dem Rumpf den Rest gegeben haben, nachdem er bereits in der Nacht zuvor auf dem Korallenriff beschädigt worden war.

REUTERS
Zuständig für Ermittlungen in der Sache ist nach Angaben der indonesischen Transportsicherheitsbehörde NTSC der Hafenmeister von Bima, einem Nest auf der Insel Sumbawa. Anfragen von SPIEGEL ONLINE blieben dort unbeantwortet, ebenso wie beim Betreiber des Schiffs, einer Firma auf Lombok.

Für kleinere Schiffe wie die "Versace Amara" gebe es keine international gültigen Sicherheitsregeln, sagt Renan Hafsar vom NTSC. Stattdessen seien jeweils die Regierungen dafür verantwortlich, entsprechende Vorschriften zu erlassen, etwa jene, dass ein Funkgerät an Bord zu sein hat. Wenn so ein Unglück passiere, müsse sich jeder unbequeme Fragen stellen: "Die Regierung, warum sie keine strikteren Regeln erlässt. Die Hafenbehörde, warum sie so einem Boot die Registrierung erteilt. Und die Passagiere, warum sie sich kein seetüchtigeres Schiff gesucht haben."

Für die Überlebenden müssen solche Worte klingen wie Hohn. "Ich habe eine Riesenwut", sagt Lisa. "Auf die Behörden. Auf den Reiseveranstalter, den Betreiber des Boots. Darüber, dass niemand zur Rechenschaft gezogen wird." Das alles, glaubt sie, werde keine Konsequenzen haben. "Diese Boote fahren wieder. Jeden Tag wird da das Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt."

Zumindest körperlich geht es Lisa, Caroline, Hannah und Isabel inzwischen wieder gut. Die Suche nach Jorge und Victor, den beiden Spaniern, wurde nach einer Woche eingestellt.

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1. ja und....?
Widerstandsgewächs 29.10.2014
ich habe 10 Jahre in Indonesien gearbeitet und verantwortlich ist die liebe Lisa alleine! Wer versucht für 90 Euro von Lombok in den Komodo Nationalpark zu kommen kann nur ein Schrottboot benutzen. Alleine die Strecke und der auch in Indonesien erheblich gestiegene Spritpreis lässt dies nicht zu. Ich finde es eine Unverschämheit von gierigen und offensichtlich auch unkundigen Touristen und insbesondere von Spon, hier die Indonesier verantwortlich zu machen. By the way, ich bin in Indonesien 3x untergegangen und immer gerettetet wurden, allerdings wusste ich auch immer, worauf ich mich einlasse. Abenteuerreisen sind eben nur für Leutel, die sie auch bestehen können!
2. Das Meer ist manchmal brutal
n01 29.10.2014
Der Mensch ist kein Fisch, und der Grat zwischen Spaß im und auf dem Wasser und dem ertrinken kann manchmal erschreckend schmal sein. Eine falsche Strömung am Strand, ein defektes Boot, und in Sekunden lauert der Tod. Ich persönlich habe einen Heidenrespekt vor Seen, Flüßen und Meeren.
3. Sie schreiben etwas seltsam.
n01 29.10.2014
Zitat von Widerstandsgewächsich habe 10 Jahre in Indonesien gearbeitet und verantwortlich ist die liebe Lisa alleine! Wer versucht für 90 Euro von Lombok in den Komodo Nationalpark zu kommen kann nur ein Schrottboot benutzen. Alleine die Strecke und der auch in Indonesien erheblich gestiegene Spritpreis lässt dies nicht zu. Ich finde es eine Unverschämheit von gierigen und offensichtlich auch unkundigen Touristen und insbesondere von Spon, hier die Indonesier verantwortlich zu machen. By the way, ich bin in Indonesien 3x untergegangen und immer gerettetet wurden, allerdings wusste ich auch immer, worauf ich mich einlasse. Abenteuerreisen sind eben nur für Leutel, die sie auch bestehen können!
Erst sagen sie, das es die Touristen selber schuld sind, aber dann schreiben sie, das sie selbst 3x untergegangen sind. Finden sie dies irgendwie lustig? Was benutzen sie eigentlich für billige Boote, wenn sie selber so oft untergegangen sind. Ist ja ein Abenteuerurlaub, Tod inbegriffen oder wie? Und was ist, wenn beim 4ten mal untergehen die Rettung nicht mehr kommt?
4. Und dann auf See
jambon1 29.10.2014
Uuuuund dann auf See und dann kein Schiff und dann noch barfuß bei Windstärke 10 und den Seesack im Nacken, Freund Hein an#ne Hacken, oh Seefahrt wie bist du doch schön. Dieses alte Shanty weiß genau, wovon es berichtet: Von ollen Seelenverkäufern, die auf Teufel komm raus auf Reise geschickt werden, um Geld zu verdienen. Sei es durch tatsächliche Vollendung der Reise oder durch Versicherungsbetrug wie eine hohe Versicherung auf Schrottladung. Natürlich mit billigster Besatzung und abgenudelter Technik (Motorschaden ist vorprogrammiert), Und wozu braucht man Sicherheitsausrüstung, wo man an Land schwimmen kann? Wie das Widerstandsgewächs schreibt, ist für 90 € die Fahrt über 4 Tage auf einem sicheren Schiff kaum zu haben. Geiz ist eben geil in Globetrotterkreisen, und die Überlebenden haben was zu erzählen, Seemannsgarn wie Urur-Opa jetzt auch bei SPON. Mist, dass sie nicht verglichen haben! Da fällt mir doch der alte Witz ein: Was sagt der Bootsmann zum Käptn, als er vor diesem das sinkende Schiff verlässt? "Mien Jung, kümm mi nich an de witte Farv!"
5. Ja krass...
cpt.z 29.10.2014
Als Tourist stehst du da auch völlig ohne Infos da... Ich kann klar sagen, dass das Boot mit dem ich von Bali nach Nusa Lembongan gefahren bin, nicht mal annähernd so "gut" aussah, wie das auf dem Bild dort oben. Aber was willst du machen? Das ist das Boot, das fährt und das ist auch das Boot, das alle nehmen. Ich klopf sicher nicht beim Kapitän, ob der ein Funkgerät hat oder einen GPS Peiler... Das mach ich ja auf der Nordsee auch nicht. Der Typ ist Kapitän und man vertraut darauf, dass er weiß was er macht... wußte er offensichtlich nicht...
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