Von Benjamin Bidder, Moskau
Taucher des russischen Katastrophenschutz-Ministeriums haben in der Nacht das Wrack des am Sonntag auf der Wolga gesunkenen russischen Ausflugsdampfers "Bulgarien" untersucht. Das Schiff, das mit fast zweihundert Menschen an Bord kenterte, liegt in rund 20 Metern Tiefe auf dem Grund des Flusses. Die Taucher suchten nach Hohlräumen in dem 80 Meter langen Rumpf, in denen Passagiere überlebt haben könnten, und horchten auf Klopfzeichen von möglichen Eingeschlossenen. Vergeblich.
In den Morgenstunden hat die Durchsuchung der Laderäume und des Bord-Restaurants begonnen. "Dort sind Menschen, aber darunter sind keine Überlebenden", sagte der Chef des regionalen Katastrophenschutzes Igor Panschin.
Nur langsam wird das ganze Ausmaß der Schiffskatastrophe auf der Wolga sichtbar. Zunächst war von nur einem Todesopfer die Rede, von 80 Geretteten, und die Angaben über die Zahl der Menschen an Bord schwankte stündlich. Das liegt auch daran, dass einige Passagiere offenbar nicht offiziell vom Schiffsbetreiber registriert wurden.
"Die Chancen sind minimal"
Die "Bulgarien" war am Sonntagmittag nahe Kasan in ein Unwetter geraten, Überlebende Passagiere berichten von starkem Regen und Gewitter. Europas längster Fluss wird hier, 700 Kilometer östlich von Moskau, aufgestaut. Die Wolga gleicht einer riesigen Seenlandschaft, ist bis zu 30 Kilometer breit. "Die Chancen, noch Überlebende zu finden, sind minimal", so ein Vertreter des russischen Katastrophenschutzes.
Der 49-jährige Nikolai Tschernow war mit seiner Frau Swetlana und Enkel Kirill an Bord gegangen. Die Großeltern wollten den Geburtstag des Fünfjährigen feiern. Tschernow konnte geborgen werden. Anderthalb Stunden habe er im Wasser auf Rettung warten müssen, sagte er russischen Journalisten. Zwei Schiffe hätten die Unglücksstelle währenddessen passiert, seien aber nicht zu Hilfe geeilt. "Wir haben ihnen gewunken, doch sie fuhren vorbei", so Tschernow. Von seiner Frau und seinem Enkel fehlt jede Spur.
Russlands Präsident Dmitrij Medwedew setzte eine Ermittlungsgruppe hochrangiger Beamter ein. Sie soll die Unglücksursache erforschen und "Schuldige finden".
Zu wenige Rettungsboote an Bord?
Passagiere berichten von technischen Problemen an Bord der "Bulgarien". Das 1955 gebaute Schiff sei in einem schlechten Zustand gewesen. So zitiert die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" einen namentlich nicht genannten Informanten, das Schiff sei bereits früher nur knapp einem Unglück entgangen: "Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem es aufgrund starken Schaukelns fast umgekippt wäre." Laut "Kommersant" habe es zudem am 10. August 2010 einen Stromausfall an Bord gegeben.
Russische Behörden verweisen dagegen darauf, die "Bulgarien" sei zuletzt am 15. Juni inspiziert worden. Damals sei der "technische Zustand des Schiffs in allen Elementen als brauchbar" eingestuft worden. Nach Informationen des Fernsehsenders "Rossija 24" sollen allerdings nur zwei statt der vorgeschrieben vier Rettungsboote an Bord gewesen sein. Der Katastrophenschutz verweist gleichwohl darauf, dass der Ausflugsdampfer Boote und Rettungsflöße für 156 Personen und Schwimmwesten für 177 Mann an Bord gehabt habe.
Doch den meisten Opfern blieb wohl gar nicht genug Zeit, um aus den Kajüten auf das Deck zu kommen, als das Schiff voll Wasser lief, sich nach rechts neigte und innerhalb von nur zwei bis drei Minuten unterging.
Nikolai Tschernow erinnert sich daran, wie die Besatzung noch kurz vor der Katastrophe die Kinder an Bord in einem Raum sammelte, es lag im hinteren Teil des Schiffes. Auch sein Enkel Kirill ging unter Deck. "Sie blieben dort drinnen zurück", erinnert sich Tschernow unter Tränen. "Es sind sehr viele Kinder gestorben." Nach Angaben des örtlichen Katastrophenschutzes befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks bis zu 50 Kinder im Musiksaal des Schiffs.
mit Material von dpa und Reuters
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